Das Erich Kästner-Forschungsarchiv des Sammlers und Bibliographen Johan Zonneveld

von Jutta Reusch

Dr. Johan Zonneveld hat in seiner 50 Jahre umfassenden Arbeit über Erich Kästner ein umfangreiches Forschungsarchiv zu Erich Kästner und dessen Werk aufgebaut, das ihm vor allem auch als Basis für die Erstellung seiner großen Kästner-Bibliographie diente: „Bibliographie Erich Kästner. Mit einer ausführlichen Zeittafel und zahlreichen Fotos von Stationen seines Lebens und den literarischen Schauplätzen“ (erschienen in 4 Bänden 2011 und 2021 beim Aisthesis-Verlag).

Dieses Forschungsarchiv hat er nun im Sommer 2021 an die Stiftung Internationale Jugendbibliothek übergeben, die diese vielfältige Sammlung für die Kästner-Forschung zugänglich machen wird.

Zu dem Kästner-Forschungsarchiv von Johan Zonneveld gehört eine Sammlung von Büchern von und über Erich Kästner, Artikel über Kästner, Kopien (Primär- und Sekundärliteratur, darunter auch Kopien von Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln von Erich Kästner), Kopien von Briefen und Dokumenten aus dem Nachlass Kästners, Fotos von Orten, an denen Kästner lebte oder sich aufhielt, audiovisuelle Medien mit Hörspielen, Lesungen, Vertonungen, Verfilmungen, Rundfunksendungen u.a. sowie Zeitungsausschnitte, Programmhefte, Ansichtskarten, Plakate und viele weiteren Materialien zu Erich Kästner. Zahlreiche dieser Dokumente sind auch als Digitalisate vorhanden.

Johan Zonneveld hat sein Kästner-Archiv eigens mit Signaturen erschlossen und nach Signaturen geordnet, um den Zugang zu dem umfangreichen Material zu ermöglichen.

Wie kam Josef Zonneveld nun zu Erich Kästner?

Anlässlich der Übergabe seines Archivs war er bereit, ein kleines Interview über sein ‚Leben mit Kästner‘ zu geben.

Zonnevelds erste Begegnung mit Erich Kästner fand in der Schule statt. Dort las und entdeckte er im Rahmen des Unterrichts „Emil und die Detektive“, war fasziniert von Kästners Erzählung und merkte sich den Namen das Autors. In der Schulbibliothek entdeckte er dann Kästners „Drei Männer im Schnee“ und las auch diese Geschichte mit wachsendem Interesse. Als 17-Jähriger fand er in einer Buchhandlung Kästners „Gesammelte Schriften für Erwachsene“ in der grünen Leinenausgabe und kaufte sie. Da er Feuer gefangen hatte, las er nun alles von Kästner, was er in die Hände bekommen konnte. Es folgten alle Werke, die nicht in der grünen Ausgabe zu finden waren, darunter auch Kästners Kinder- und Jugendliteratur.

Bald begann er, sich auch für Kästners Biografie und für Forschungsliteratur zu Kästners Werken zu interessieren und besuchte dazu immer häufiger die Koninklijke Bibliotheek in Den Haag.

Um Kästners Texte im Original besser verstehen zu können, beschloss er, seine Deutschkenntnisse zu verbessern und studierte deutsche Literatur und Sprache. Im Anschluss an sein Studium promovierte er über die Rezensionen Erich Kästners; seine Dissertation erschien 1991 in Frankfurt am Main unter dem Titel „Erich Kästner als Rezensent 1923 – 1933“.

Während er danach hauptberuflich als Lehrer für die Fächer Deutsch und Informatik tätig war, begann er in seiner freien Zeit die Arbeit an seiner Bibliographie. Dafür besuchte er fast alle Orte, an denen Kästner studiert, gelebt oder seine Urlaube verbracht hatte. Dort entstanden viele der Fotos, die jetzt in dem Archiv zugänglich sind. Etliche von ihnen sind auf Kästners literarischen Spuren entstanden, z.B. Fotos von Schauplätzen in Berlin auf Emils Spuren.

Einer seiner schönsten Momente auf den Spuren von Erich Kästner war die vertragliche Vereinbarung, dass sein Archiv in die IJB aufgenommen wird.

Für die Erstellung seiner Bibliographie besuchte Zonneveld zahlreiche Bibliotheken und Archive wie etwa die Deutsche Bücherei Leipzig (heute Deutsche Nationalbibliothek), das Stadtarchiv Leipzig, die Bibliothek der Internationalen Jugendbibliothek und insbesondere das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Darüber hinaus benutzte er die Genios-Datenbank ‚Presse‘ für die Recherche nach Zeitungsartikeln. Im Deutschen Literaturarchiv kam durch den damaligen Nachlassverwalter des Kästner-Nachlasses eine besondere Aufgabe auf ihn zu: Er durfte den literarischen Nachlass Kästners vorordnen und entdeckte dabei zahlreiche weitere Hinweise und Dokumente, die für seine Bibliographie wichtig waren.

Gefragt nach den schönsten Momenten in seiner Zeit auf den Spuren Erich Kästners nannte Zonneveld als erste Situation, wie er dank der freundlichen Genehmigungen von Luiselotte Enderle und des Bildhauers selbst 1980 eine Kopie von Theodor Fraiders Kästner-Büste erhielt, die immer bei ihm in der Wohnung steht.

Als zweiten schönsten Moment nannte er den Tag im Jahr 2013, als er mit der Stiftung Internationale Jugendbibliothek vertraglich vereinbarte, dass sein Archiv in die IJB aufgenommen werde und dort eine Erich Kästner-Forschungsstelle eingerichtet werden solle. Er freut sich sehr darüber, dass sein Archiv an einem Ort aufbewahrt wird, an dem es der Forschung zur Verfügung steht und an dem mit dem Material gearbeitet werden kann.

Im Jahr 2024 soll im Erich Kästner-Zimmer der Stiftung Internationale Jugendbibliothek. gemeinsam mit der Kästner-Preis-Verleihung, diese Erich Kästner-Forschungsstelle feierlich eröffnet werden.

Sommerferienprogramm „Pumuckls Weltreise“

Ort: Internationale Jugendbibliothek Schloss Blutenburg
Leitung: Micaela Czisch, Theaterpädagogin
Musik: Nicole Christlmaier und Floris Kahlert

Für wen: Kinder von 7-10 Jahren
Wo: Internationale Jugendbibliothek, Schloss Blutenburg
Wann: 23.-27. August 2021 mit einer großen Aufführung am 15. November um 15 Uhr im Rahmen einer Festveranstaltung für Ellis Kaut

„Hurra, Hurra, der Kobold mit dem roten Haar…“

Am Montag, den 23. August, war es soweit: Zehn Kinder stehen vor den Toren der Internationalen Jugendbibliothek in Schloss Blutenburg, um bei dem Musik-Theaterprojekt „Pumuckls Weltreise“ teilzunehmen. Die ersten Fragen, die Micaela Czisch, Theaterpädagogin und Leiterin des Projekts, den aufgeregten Kindern stellt: „Was macht einen Kobold so besonders?“ und „Welche Kontinente kennt ihr?“. Damit ist bereits die erste Grundlage für das Theaterstück gelegt, denn das Konzept des Projekts ist nicht etwa, den Kindern ein Stück mit Text und Rollen vorzugeben, sondern sie selbst einzelnen Szenen nach eigenen Ideen entwickeln zu lassen.
DSCF0969Da auch Musik eine große Rolle spielen soll, wird Micaela Czisch von Nicole Christlmaier und Floris Kahlert, beide ausgebildete Musiker, unterstützt. Mit Nicole und Floris lernen die Kinder unterschiedliche Instrumente wie Klangschalen, Klangfrösche, Schellen und sogar Kokosnussschalen kennen. Sie werden dazu angeregt, die Instrumente frei auszuprobieren und sich mit der Musik und den Klängen zu beschäftigen. Im weiteren Verlauf der Woche kommen einige Kinder selbstständig auf die Leitung zu und wollen eigene Ideen einbringen: z.B. Gedichte, die sie schon auswendig können. Zwei Mädchen bringen ihre Blockflöte mit, eines sogar ihre Klarinette.

DSCF0898Die 8 bis 11-jährigen bekommen viel Raum, ihre eigene Kreativität zu entfalten, und sie scheuen nicht davor zurück, etwas zu dem Stück beizutragen. Vieles entwickelt sich aufgrund der originellen Einfälle und Assoziationen der Kinder. Sie nehmen Impulse von außen an und wandeln diese so um, dass sie sich mit einer Rolle oder einer Szene wohlfühlen. Micaela Czisch nimmt dabei jeden der Vorschläge ernst und versucht den Wünschen der Kinder nachzukommen. Dadurch findet jedes Kind seine Rolle: Die einen möchten gerne einen Soloauftritt, andere gehen voll und ganz in der musikalischen Begleitung auf.

Die Kostüme und das Bühnenbild werden fast vollständig von den Kindern gestaltet. Aus einfachsten Materialien stellen sie ihre Kostüme her: Mit doppelseitigen Klebeband werden an alten Mützen rote Stoffreste befestigt – ZACK – sind zwei Pumuckl geboren.
Auch wenn der Kurs schon längst beendet ist, machen die Kinder zuhause euphorisch weiter, und denken über die Kostümgestaltung nach. So überraschen die beiden Koboldforscher Dr. Dr. Dr. Sieglinde von Schnippelwitz und Professor Doktor Knoblauchwurz die Gruppe eines morgens, als sie professoral verkleidet mit Brille, Sakko und Bart auftauchen.

DSCF0972Am Ende entsteht eine musikalische Reise von Europa über Asien bis nach Nordamerika, auf der die Koboldforscher unterschiedlichste Pumuckl, Klabautermänner und Musikkobolde kennenlernen und erforschen. Die Kinder singen, musizieren, tanzen, spielen und tragen Gedichte vor. Es steht außer Frage: Kobolde gibt es wirklich!

Abschließend bleibt nur noch zu sagen, dass die Kinder wahnsinnig viel Spaß dabei hatten, eigenständig und ohne dirigierende Eingriffe der Erwachsenen ihr eigenes Theaterstück zu entwickeln, ihrer Kreativität und Musikalität freien Lauf zu lassen, um damit in die Welt der schelmischen Kobolde einzutauchen. Unter der sensiblen, aber klaren Anleitung von Micaela Czisch und den beiden Musikern Nicole Christlmaier und Floris Kahlert haben die zehn Mädchen und Jungen in den fünf Tagen kreativ, fantasievoll und mit großen spielerischen Freiräumen ein Musik-Theaterstück entwickelt, geprobt und zum Schluss vor den Eltern aufgeführt.
Nun ist eine Woche voller Koboldforschung, viel Spaß, wilden Musizierens, kreativen Bastelns und toller Schauspielerei zu Ende gegangen. Wir können es kaum erwarten, das Theaterstück „Pumuckls Weltreise“ am 15. November anlässlich des 101. Geburtstags von Ellis Kaut nochmals – diesmal im großen Rahmen – zu sehen.

„Ich freue mich sehr, dass die Kinder sich wohlgefühlt haben, sich gegenseitig inspiriert und angeregt haben und Freude hatten am Erfinden, Gestalten und Ausprobieren.“

Micaela Czisch

„Die ganze Welt auf einer Seite“ – Internationale Wimmelbücher

Die Wanderausstellung zu Gast in Luxemburg

Seit dem Frühjahr 2021 ist unsere Ausstellung „Die ganze Welt auf einer Seite – Internationale Wimmelbücher“ als Wanderausstellung verfügbar. Ihre erste Reise trat die jetzt schon deutschlandweit und international sehr gefragte Ausstellung nach Luxemburg an. Danielle Mertes von ErwuesseBildung berichtet von der Wanderschaft und dem einfallsreich und liebevoll gestalteten Begleitprogramm vor Ort, mit dem die Ausstellung mehr als 900 Kinder und Erwachsene erreichte.

Auf Einladung der ErwuesseBildung asbl hatten wir das Glück – in den schwierigen Corona-Zeiten – diese wunderbare Ausstellung in Luxemburg zu Gast zu haben.

An vier verschiedenen Orten machte die Wanderausstellung Station:

  • 09. – 12. Juni 2021: ErwuesseBildung, Luxemburg-Stadt
  • 15. – 18. Juni 2021: Salle de conférence OGBL, Dudelange
  • 21. – 25. Juni 2021: École fondamentale, Münsbach
  • 29. Juni – 02. Juli 2021: „Aal Seeerei“, Diekirch

Dies war jedes Mal nur möglich durch den Einsatz der Coorganisatoren vor Ort: in Dudelange die Bibliotheque publique régionale, in Münsbach die Ecole fondamentale sowie die Gemeinde, in Diekirch „Bonzënnen Bonzuewen Story Café & Shop“, sowie das Musée d’Histoire(s), die Ecole fondamentale und auch hier die Gemeinde.

Unser Programm-Angebot:

Die Zielgruppe der Wanderausstellung waren vor allem Schulklassen. Die Ausstellung war jedes Mal die Hauptattraktion. Zusätzlich gab es ein Rahmenprogramm, das sich von Ort zu Ort etwas unterschied.

Die Kinder auf Entdeckungsreise

Die Kinder (und ihre Lehrer:innen) konnten bei einer interaktiven „Visite Guidée“ die tollen Wimmelbilder entdecken. Hierfür hatten wir kleine Foto-Ausschnitte vorbereitet mit denen die Besucher auf Entdeckungsreise durch die Ausstellung gehen konnten. Dabei ging es vor allem darum, sich auf die Detailbetrachtung einzulassen und dabei in die Wimmelwelt einzutauchen, Dinge, Personen, Situationen, Wichtiges und Unwichtiges, Lustiges…. zu suchen und zu finden. Der Begleiter unterstützte das Ganze durch zusätzliche Fragen, Hinweise, Informationen und Sachvermittlung. Zum Schluss gab es noch eine kleine Aufgabe: „Findet heraus, auf wieviel Tafeln Pinguine zu finden sind! Wer findet die Meisten?“

Zusätzlich wurde ein kreatives Wimmel-Atelier für die Besucher angeboten, das aber je nach Ort unterschiedlich war:

  • „Wimmel-Postkarte“ basteln
    • „Wer wohnt wo? – Wimmel-Stadtplan mit den Fotos der Schulkinder“ gestalten
    • „Diverse Wimmel-Spiele“
    • „Historisches-Wimmelbild“ gestalten    …

Der Abschluss des Besuches machte ein thematischer Wimmel Büchertisch, bei dem sich die Kinder in gemütlichem Ambiente (Teppich, Kuschelkissen, mit Lupen usw. ) in die bereits in der Ausstellung vorgestellten Wimmelbücher, aber auch in die vielen anderen Wimmelbüchern hinein wuseln konnten. Eine thematische Bücherliste für die Erwachsenen lag bereit und das eine oder andere Buch wurde zum Verkauf angeboten. Wegen Corona durften wir nur kleinere Gruppen empfangen oder die Schulklassen bekamen das „Kreativ-Material“ und eine „Wimmelbücher-Kiste“ in die Klasse und konnten das Rahmenprogramm in ihrem kleineren Gefüge genießen.

Der Wimmel Büchertisch in Diekirch

Zusätzlich zum Programm für Kinder, hatten wir aber auch ein spezielles Programm für Eltern und Multiplikatoren vorbereitet. An den schulfreien Tagen war die Ausstellung mit Rahmenprogramm für Familien zugänglich. So konnten auch die Eltern zusammen mit ihren Kindern die „Wimmelwelt“ entdecken.
Zusammen mit dem IFEN (Ministère de l’Education Nationale, Luxemburg) wurde eine Tages-Fortbildung mit dem Titel „Gewimmel auf dem Büchertisch – Wimmelbücher in der Kinderliteratur“ organisiert. Die Fortbildung richtete sich an Lehrer:innen. Teil des Programms war ein Vortrag zur Ausstellung mit der Kuratorin Dr. Ines Galling von der Internationalen Jugendbibliothek, die über das Online-Konferenztool Zoom aus München zugeschalten wurde. Außerdem fanden Workshops zum Thema „Arbeiten mit Wimmelbüchern /-bildern“ statt. Hier präsentierten wir den Teilnehmer:innen praktische Tipps, Handreichungen, Informationen, Bücher, Internet-Sites u.v.m. rund um das Thema „Wimmelbücher“.

„Gewimmel im Bücherregal – Wie kann ich meinem Kind mithilfe von Wimmelbüchern Lust auf Geschichten machen?“ war das Motto eines Abends für Eltern und alle, die an guter Kinderliteratur interessiert sind.Neben einer geführten Besichtigung der Ausstellung, wurde den Anwesenden ein kleiner Vortrag über „Wimmelbücher – was ist das?“ angeboten. Des Weiteren gab es viele Tipps zur Leseförderung, Sprachförderung usw. zuhause, Buchvorstellungen aus dem Bereich „Wimmelbücher“, Adressen, u.v.m. Den Abschluss machte ein sehr interessanter Austausch.

Danielle Mertes, ErwuesseBildung 2021

Eröffnung des 6. White Ravens Festivals mit Krach, Magie und Worttamtam

Gastbeitrag von Billy Tessaro

White Ravens. Weiße Raben. Ein Oxymoron, so scheint es, aber sind sie das? Der Rabe ist eine der, wenn nicht die intelligenteste Vogelart und seine Bedeutung in der nordischen und griechischen Mythologie zieht sich durch die Jahrtausende. Diese Woche kleidet er sich weiß, wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Er liest und bekommt vorgelesen, und er schreitet durch ganz Bayern. Die White Ravens sind echte Leseratten.

(c) Annkathrin Ascherl

Der Startschuss für das 6. White Ravens Festival fällt am 11.07.2021 auf Schloss Blutenburg in München. Der Morgen ist verregnet, der Himmel grau, die Stimmung ausgeprochen gut. Trotz des eher unangenehmen Wetters hat sich eine hohe Zahl an Zuschauerinnen und Zuschauern in den Schlosshof der Blutenburg getraut. Das Musikerduo Paprižka, heitert die Besucherinnen und Besucher auf.

Um 10 Uhr geht es los und siehe da, der Regen lässt langsam nach, hört bald ganz auf, pünktlich zum Auftakt des Festivals. Die Schirme klappen einer nach dem anderen zu und einige Festivalbegeisterte tröpfeln noch nach. Als sich dann kurz nach 11 Uhr auch noch die Wolken langsam verziehen und das Festival von Sonnenschein und blauem Himmel begrüßt wird, scheint alles perfekt.

Während der einleitenden Worte von Christiane Raabe, Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek, und Anton Biebl, Kulturreferent der Landeshauptstadt München, wird ein schöner weißer Rabe auf die Bühne getragen. Stolz steht er auf massiven Büchern. Er steht für Literatur, Lesebegeisterung und kulturellen Austausch. Dann geht es los: Margit Auer liest aus einigen Bänden ihrer Reihe Die Schule der magischen Tiere. Eine Vielzahl lesebegeisterter Kinder findet sich im Publikum, bei Fragerunden machen sie rege mit, versuchen den Autorinnen und Autoren sogar Details zu neuen Geschichten zu entlocken. Das Spiel wird auch umgedreht: Die Kinder antworten eifrig auf die Fragen der Schriftsteller:innen und haben im Anschluss an die Lesungen sogar die Möglichkeit, ihre Bücher signieren zu lassen. Nach Margit Auer liest die Schauspielerin Dascha von Waberer aus der Monsternanny von Tuutikki Tolonen. Die Illustratorin Anete Melece begeistert die Kinder mit einem Workshop zu ihrem Bilderbuch Kiosk und zu guter Letzt ist am frühen Nachmittag Susan Kreller dran, die den Kindern und Familien ihr Monster Schlinkepütz vorstellt.

Eine große Vielfalt an Aktivitäten wird den Anwesenden heute auf dem Festivalgelände geboten: Neben denLesungen und Fragerunden von und mit Margit Auer, Benjamin Tienti, Tuutikki Tolonen, Anete Melece, Susan Kreller und Yves Grevet, findet auch Kamishibai – traditionelles japanisches Papiertheater – sowie Origami- und Illustrations-Workshops statt. Die Pantomime-Vorstellungen des Künstlerduos Mime en Mi Mineur und die Papiershow von Mr. Lo zeugen davon, wie abwechslungsreich der heutige Tag ist. Musikalisches wird neben dem Duo Paprižka, die mit Balkanbeats und Klezmer für Stimmung sorgen, auch von der Gruppe Jisr geboten, die das Publikum am Nachmittag auf eine magische Reise in arabische Welten mitnimmt, von der Küste Marokkos bis nach Ägypten und darüber hinaus. Die Begeisterung beim Publikum ist groß, man hört viel Gelächter und sieht zufriedene Gesichter. Einen Bücherstand, an dem die Besucherinnen und Besucher ihre Sammlungen vervollständigen können, gibt es auch. Und an einer weiteren Station können Kinder als Reporter der Münchner Kinderzeitung/MÜK aktiv werden.

Ich unterhalte mich im Laufe des Tages mit den Autorinnen und Autoren. Für alle stand außer Frage, nicht beim Festival dabei zu sein, man spürt den Hunger nach Interaktion mit der Leserschaft. Auf die Frage, wie die letzten anderthalb Jahre sich auf ihr kreatives Schaffen ausgewirkt haben, gibt es gemischte Antworten. Benjamin Tienti, Margit Auer, Yves Grevet und Tuutikki Tolonen äußern sich eher positiv: Ihnen hat die Pandemie auf dieser Ebene beinahe in die Hände gespielt, weil das Plus an Zeit zu Hause es ermöglicht hat, sich intensiver auf das Schreiben zu konzentrieren. Tuutikki Tolonen, Kinderbuchautorin aus Finnland, bemerkt sogar bei der Rezeption ihrer Bücher, respektive insgesamt in Bezug auf den Kinderbuchmarkt, positive Auswirkungen. Die Illustratorin und Autorin Anete Melece, die aus Zürich angereist ist, äußert sich etwas verhaltener, da für sie die Verbindung von Privatem und Beruf eine Herausforderung war. Ein eher düsteres Fazit zieht Susan Kreller, die gerade mit der Anfangszeit der Pandemie unangenehmere Erinnerungen und ein Gefühl der Beklommenheit verbindet. Und gerade hier, nach dieser Zeit voll Ungewissheit und Hürden, finden sich alle Autorinnen und Autoren wieder. Margit Auer spricht vom „Hunger“ des Publikums ihre Lieblingsschriftsteller:innen live zu sehen. Für sie bieten die White Ravens ein perfektes Forum für gegenseitigen Austausch und gegenseitige Anregungen unter Künstlerinnen und Künstlern. Wo sich alle Stimmen der Autorinnen und Autoren einig sind, ist die Freude über den gegebenen Anlass: über das Festival – gerade vor der malerischen Kulisse des Schlosshofs – die Interaktion mit den Fans, die Präsentation ihrer Werke. Susan Kreller spricht vom „Zauber, der in der Luft“ liegt und wer dort war, weiß, was sie meint. Alle sind begeistert, hier zu sein. Und ich denke, ich spreche im Namen aller Anwesenden, ob Zuschauer:innen, Mitarbeiter:innen oder Organisator:innen, wenn ich sage, dass dieses Sentiment auf Gegenseitigkeit beruht.

Am Nachmittag des Eröffnungstages spielt das Wetter besser mit, was einen reibungslosen Start in den 2. Teil der Eröffnung ermöglicht. Ein leichter Sommerregen zwischendurch trübt die Stimmung nicht im Geringsten. Nachdem Benjamin Tienti aus Salon Salami und Unterwegs mit Kaninchen vorliest, wird das Publikum von Berlin in den orientalischen Raum entführt. Jisr begleitet, nach einer musikalischen Einlage, Azad Hamoto und Peter Wolter, die Gedichte auf Arabisch und in der deutschen Übersetzung vorlesen. Ich fühle mich an die Veranstaltung Märchenhafter Orient erinnert, welche vor fast drei Jahren auch hier stattgefunden hat.

(c) Annkathrin Ascherl

Aber wie alles Schöne, muss auch der Eröffnungstag zu Ende gehen. Für die letzten großen Lesungen sind nacheinander Yves Grevet aus Paris – dessen Texte Méto und Vront in Auszügen vom Münchner Schauspieler Sebastian Hofmüller vorgelesen werden – und Margit Auer, die den Eröffnungstag abschließt, auf der Bühne. Damit neigt sich ein erfolgreicher und ereignisreicher Tag dem Ende zu. Ich verlasse das Festivalgelände, dessen Namen folgend, beflügelt. Die weißen Raben haben nicht nur mir, sondern auch vielen lesebegeisterten Kindern und ihren Familien, sowie allen anderen, die beim Festival mitorganisiert und mitgeholfen haben, einen unfassbar schönen Tag beschert.

Checkpoint Kinderzimmer

Deutsch-russischer Kinderliteraturtransfer

2017 startete das Projekt „Checkpoint Kinderzimmer“ zum deutsch-russischen Kinderliteraturtransfer. Im Rahmen des Projekts wurden zwei internationale Tagungen in München und St. Petersburg (2018) sowie mehrere Lesungen für Kinder und Jugendliche und Podiumsgespräche in beiden Städten durchgeführt, die u.a. vom Bayerischen Wissenschaftsministerium und von der Bayerischen Staatskanzlei geförderdert wurden.

Die Ergebnisse der beiden wissenschaftlichen Tagungen sind nun in einem umfangreichen und gewichtigen Band veröffentlicht worden, den das Kinderliterarische Forschungszentrum am Institut für russische Literatur der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg herausgegeben hat.

Die russisch-deutschen und deutsch-russischen Beziehungen in der Kinderliteratur sind lang und vielfältig. Bisher sind sie jedoch wenig Gegenstand wissenschaftlicherForschung gewesen. Es ist das Verdienst des vorliegenden Bandes dezidiert und breit die russisch-deutschen Kontakte in der Kinderliteratur zu beleuchten. Entstanden aus dem Kooperationsprojekt zwischen dem Forschungszentrum für Kinderliteratur des IRLI (St. Petersburg) und der Internationalen Jugendbibliothek (München) versammelt der Band Ergebnisse aus zwei wissenschaftlichen Tagungen in München und St. Petersburg (2017-2020) und setzt sie fort. Über einen Untersuchungszeitraum vom 18. bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts versammelt er Beiträge zu kinderliterarischer Rezeption, Übersetzung, aus den Bereichen der Kulturologie und Alteritätsforschung sowie zu Pädagogik, Literaturkritik und Buchmarktanalyse. Er fasst den Begriff der Kinderliteratur breit und subsummiert darunter auch Schul-, Lehr- und Lesebücher; er untersucht sowohl belletristische als auch non-fiktionale Texte für Kinder und beleuchtet gleichermaßen den didaktischen Überbau. Dabei wechseln umfassende Grundsatz- und Überblicksanalysen, wie die zum Werk von Kurd Laßwitz in Russland (knapp 80 Seiten, Belarev), mit erhellenden Case-Studies ab.

Aus den Beiträgen der internationalen Forscherinnen und Forschern lässt sich deutlich der Einfluss ablesen, den deutsche kinderliterarische Werke sowie Pädagogik auf die Entwicklung der Kinderliteratur, Kinderlektüren und den Lehrbereich (vgl. Kostin) in Russland hatten, wie sie adaptiert, russifiziert, aus- und umgedeutet werden (vgl. Bezrogov, Lemešev, Romašina). In besonderem Maße gilt das für das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts als der Austausch zwischen der deutschen und russischen kinderliterarischen Sphäre besonders intensiv und prägend war (vgl. Sergienko und Golovin/Nikolaev). Aber auch für die didaktischen Ansätze im 19. und frühen 20. Jahrhunderts (vgl. Maslinskaja) bis hin zum proletarischen Kinderbuch der Weimarer Republik werden überraschende Einflusslinien nachgewiesen (vgl. Balina).

Die „Bibliomigration“ aus dem russischen Feld ins deutsche wird hingegen als geringer eingeschätzt (vgl. Leingang). Der vorliegende Band konzentriert sich auf den kulturpolitischen russisch-sowjetischen Einfluss auf die Kinderliteratur der DDR und umgekehrt (vgl. Kümmerling-Meibauer/Meibauer und Simonova); darüber hinaus nimmt er die verlegerischen Tätigkeiten der russischen Emigration in Deutschland sowie in den deutschen DP-Lagern der ersten Nachkriegsjahre in den Blick (vgl. Dimjanenko).

Das breit aufgespannte Forschungsspektrum des vorliegenden Bandes kann Anstoßgeber sein für Analysen zur Entwicklung der russisch-deutschen kinderliterarischen Beziehungen für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und die 2000er Jahre und zu den Verflechtungen zwischen der russisch-sowjetischen und deutschen, bundesrepublikanischen Kinderliteraturlandschaft.

Dr. Katja Wiebe, Slawisches Lektorat

Der Club der Bücherdetektive

(c) IJB, Stefanie Duckstein

„Wer bin ich?“ Das Grundprinzip dieses Spiels ist von Kindergeburtstagen oder langen Autofahrten hinlänglich bekannt. Doch was, wenn man es nicht mit bekannten und berühmten Persönlichkeiten, sondern mit Figuren aus Büchern spielt? „Bist Du der fiese Typ, die kluge Affendame oder der seltsame Mann mit Hut? Hast Du stets einen Regenschirm dabei, hast blaue Augen oder wohnst auf einem Schrottplatz?“

Diese Erweiterung des bekannten Spiels, erdacht von unserer Lektorats-Kollegin Dr. Ines Galling, wurde nun von Dr. Katrin Geneuss zu einem digitalen Onlinespiel konzipiert.
Die erste von vier Spielrunden fand am 15.1.2021 statt und fand großen Anklang bei den jungen, pfiffigen und belesenen Teilnehmer*innen.

In Zeiten von digitalem Unterricht zu Hause, gilt es, ein Gleichgewicht für die viele Bildschirmzeit zu schaffen. Was bietet sich da besser an, als das Lesen von Büchern und das anschließende, gemeinsame Darüber-Reden? Während nicht nur die Schulen geschlossen sind, sondern Kindern auch grundsätzlich beinahe jeder Kontakt zu Gleichaltrigen verwehrt bleibt, ist der Wunsch nach Sozialisierung umso größer. Entschleunigung, weit ab von jeder Art von Display, und gleichzeitig eine bunte, fantasievolle Abwechslung vom eintönigen Corona-Alltag.

Den Anreiz dafür, auch für nicht ganz so leseaffine Kinder, bietet das neue Online-Spiel, das Dr. Geneuss, für die Internationale Jugendbibliothek entwickelt hat. Dr. Geneuss ist derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachdidaktik Deutsch der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Im Rahmen von „Neustart Kultur“, einem Konjunkturprogramm für den Kultur- und Medienbereich vom Staatsministerium für Kultur und Medien, konnte das Spiel verwirklicht werden.

Ganz zu Beginn steht eine Leseliste für die Kinder, bestehend aus 5 Titeln, die in Umfang und Inhalt extra für die Zielgruppe, nämlich 8-12-jährige, von unserem Lektorat ausgewählt wurden. Von Spielrunde zu Spielrunde wechseln die Bücher. Trauen es sich die Kinder zu, den kleinen Bücherstapel komplett zu lesen, können sie die Bücher in unserer Kinderbibliothek ausleihen und sich für eine Aufnahme im „Club der Bücherdetektive“ bewerben, sprich sich für unsere Online-Spiel anmelden. Von großer Wichtigkeit ist hier, dass die Möglichkeit von „click and collect“ besteht. Das heißt, Bücher konnten ausgeliehen und zurückgebracht werden, obwohl die Ausleihbibliothek für Besucher auf Grund der aktuellen Corona-Lage leider geschlossen bleiben muss.

Und wie war die erste Spielrunde?
Nachdem die Bücherliste veröffentlich wurde und alle Nutzer*innen der Kinderbibliothek eine Einladung zum Spiel bekommen hatten, meldeten sich zahlreiche Kinder an. Das erste Treffen der angehenden Bücherdetektive fand via Zoom statt. Es war begeisternd zu sehen, wie intensiv die Kinder die Bücher gelesen hatten und mit welcher Energie sie im Spiel miteinander agierten. Angeleitet durch die Spielleitung, ging es durch mehrere verschiedenen Spielebenen. Angefangen beim klassischen „Wer bin ich?“ über ein „Zu welchem Buch könnte diese Landschaft gehören“ bis zu einem abschließenden Beschreiben und pantomimischen Darstellen einzelner Figuren der Bücher, welche vom Plenum erraten werden mussten. Dabei machte keinen Unterschied, ob die Kinder wirklich alle Bücher gelesen hatten oder nur zwei oder drei, denn es gab meistens nicht eine richtige Antwort. Wichtig war, dass die Spürnasen eine plausible Begründung finden konnten.

Geplant für 60 Minuten, dauerte das Spiel am Ende anderthalb Stunden, da die Kinder so viel Spaß hatten und gar nicht genug bekamen vom Raten, Beschreiben und Knobeln. Aufgrund ihrer überzeugenden Spürnasen-Qualitäten wurden alle Teilnehmer ganz offiziell in den „Club der Bücherdetektive“ aufgenommen und bekamen ein persönliches Zertifikat zugesandt. Dieses bestätigt ihnen nicht nur die Teilnahme, sondern ermöglicht ihnen darüber hinaus auch den kostenlosen Besuch der Ausstellungen der IJB zusammen mit ihren Familien.
Natürlich hoffen wir, dass wir die Besucher unserer Bibliothek bald wieder in analogen Workshops vor Ort in der Internationalen Jugendbibliothek begrüßen können, doch bis es soweit ist, bis dahin auch gerne per Zoom.
Denn der Club der Bücherdetektive hat gezeigt, genau wie unser Online-Spiel „Geheimnis um die verschwundenen Bücher“, dass man miteinander, auch über Bildschirme hinweg, zusammenspielen und gemeinsam Spaß haben kann! Es ist wunderbar, wenn man solch ein Online-Spiel mit dem intensiven Lesen von Büchern verbinden kann.  

Unsere Online-Spiele „Geheimnis um die verschwundenen Bücher“ und „Club der Bücherdetektive“ werden übrigens in nächster Zeit wiederholt. Bei Interesse einfach an programm@ijb.de mailen.

Die Bücherdetektive mit ihren Büchern

Jella Lepman und die Geschichte der IJB Teil 3 #femaleheritage

Im Rahmen der Blogparade der Monacensia im Hildebrandhaus, mit dem Titel „Frauen und Erinnerungskultur #femaleheritage, präsentieren wir nun den dritten und letzten Teil unseres Beitrags über Jella Lepman, die Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek.

Im Jahr 2020, 71 Jahre später, steht die Internationale Jugendbibliothek dem Gründungsgedanken Jella Lepmans verpflichtet, nach wie vor für kulturellen Austausch und Toleranz. Inzwischen hat die Bibliothek ihren Sitz im Schloss Blutenburg, das Anfang der 1980er Jahren extra für diese Verwendung umgebaut wurde. Im unterirdischen Magazin unter dem Schlosshof finden sich Bücher in 240 Sprachen, darunter historische Bestände aus vier Jahrhunderten, stammend aus 146 Ländern, welche der Bibliothek seit ihrer Gründung 1949 sukzessive geschenkt wurden. Am Ende des Jahres 2019 belief sich der akzessionierte Bestand auf 657.190 Medieneinheiten. Durch diese Sammlung ist die Bibliothek zur größten ihrer Art weltweit und zu einem Zentrum der Kinder- und Jugendliteraturforschung geworden. Mit einem Jahresprogramm an Ausstellungen, Lesungen, Werkstattgesprächen, Podiumsdiskussionen, Vorträgen, Tagungen, Fortbildungen und einem internationalen Literaturfest, dem White Ravens Festival, widmet sich die Internationale Jugendbibliothek nach wie vor der Aufgabe der Vermittlung der Kinder- und Jugendliteratur aus allen Weltregionen. Ein umfangreiches Workshop-Angebot für Schulklassen, Horte und Jugendgruppen bringt Kindern und Jugendlichen Literatur ohne pädagogische Lernvorgaben als sinnstiftend, bereichernd und unterhaltsam nahe.

Auch wenn Jella Lepman nur relativ kurz Münchnerin war, sie zog Ende der 1950er Jahre nach Zürich, wo sie 1970 starb, so hat sie jedoch etwas hinterlassen, das ohne Übertreibung, einzigartig ist. Trotz dieses gewaltigen Lebenswerks, das sich nach ihrer Zeit als Direktorin und über ihren Tod hinaus entfaltete, ist der Name Jella Lepman überwiegend unbekannt. Zwar gibt es eine nach ihr benannte Straße in München, ebenso wie einen Kindergarten, doch die zahlreichen Besucher, die Schloss Blutenburg besuchen und ebenso viele Münchner, verbinden mit diesem Namen leider nichts.
Dabei steht hinter diesem Namen, hinter dieser Frau, eine Idee, die für die Nachwelt von unschätzbaren Wert ist:

Internationale Verständigung durch Kinderbücher.

Umbau von Schloss Blutenburg
Schloss Blutenburg heute
Übrigens, ihre Erlebnisse rund um die Entstehung und Gründung der Internationalen Jugendbibliothek hat Jella Lepman autobiografisch festgehalten, in ihrem Roman „Die Kinderbuchbrücke“. Dieser ist in diesem Jahr, anlässlich ihres 50. Todestages, neu erschienen, mit vielen eindrücklichen Bildern im Antje Kunstmann Verlag.

Frauen und Erinnerungskultur – Blogparade #femaleheritage

Jella Lepman, Teil 1

Jella Lepman, Teil 2

Jella Lepman und die Geschichte der IJB Teil 2 #femaleheritage

Im Rahmen der Blogparade der Monacensia im Hildebrandhaus, mit dem Titel „Frauen und Erinnerungskultur #femaleheritage, kommt hier Teil zwei unseres Beitrages zu Jella Lepman, die Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek.

1945 aus dem Exil zurückgekehrt, machte sich Jella Lepman zuerst ein Bild vom zerstörten Deutschland. Sie sah vor allem die Kinder in den zerbombten Straßen, die nicht nur nach Essen, sondern auch nach geistiger Nahrung hungerten, und dass es genau diese Generation war, mit der man beginnen konnte, eine neue, gerechtere Welt aufzubauen. Bereits im Jahr 1946 organisierte sie die internationale Ausstellung „Das Jugendbuch“, in der Kinderbücher aus aller Welt gezeigt wurden. Die Ausstellung wanderte durch das ganze Land, obgleich ebenjenes gespalten war durch die Besatzung der Siegermächte. Lepman schaffte etwas Unvorstellbares, sie brachte Verlage aus aller Welt dazu, Bücherspenden zu schicken, kaum ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. 4.000 Kinderbücher aus 14 Ländern kamen auf diese Weise zusammen. Vor dem Hintergrund, dass zu diesem Zeitpunkt nicht nur Deutschlands Wirtschaft vom Krieg gezeichnet war, und Papier eine wertvolle Ressource, erscheint dieses Unternehmen noch viel bemerkenswerter.
Am Ende der Ausstellung wurde ein Ort gesucht, für die dauerhafte Unterbringung der zahlreichen Bücher, die teilweise so oft von Kinderhand zu Kinderhand gegangen waren, dass sie bereits ganz zerlesen waren. Gefunden wurde dieser Ort in München, zunächst im Haus der Kunst, wo auch die Ausstellung 1946 eröffnet wurde, weniger später dann in der Kaulbachstraße 11a im Münchner Stadtteil Maxvorstadt.

Die Internationale Jugendbibliothek wurde 1949 mit einem Bestand von rund 8.000 Bänden eröffnet, und war für die Kinder und Jugendlichen der Nachkriegszeit bald so etwas wie eine Insel des freien Geistes. Hier gab es neben ausländischen Büchern amerikanische Comics zu lesen, in Debattierklubs wurde über Neuerscheinungen diskutiert. Erich Kästner, mit Jella Lepman gut befreundet, leitete eine Jugendtheatergruppe, Autoren wurden kritisch interviewt, Fremdsprachenkurse und pädagogische Vortragsabende angeboten. Im Malstudio konnten die Kinder unter Anleitung des Kunstpädagogen Ferdinand Steidle arbeiten, und in der „Kinder-UNO“ stand die Frage nach den Kinderrechten im Mittelpunkt.

Doch Jella Lepmans Arbeit, allein bis zu diesem Punkt mehr als beachtlich, ging weiter. Nur drei Jahre später, im Jahr 1952, fand in München die von ihr organisierte Konferenz International Understanding through Children’s Books statt. Dort entstand die Idee des International Board on Books for Young People, kurz IBBY, welches bereits ein Jahr danach gegründet wurde mit u.a. Erich Kästner, Astrid Lindgren & Fritz Brunner als Gründungsmitgliedern. Heute umfasst IBBY zweiundsiebzig nationale Sektionen, und die deutsche Sektion ist seit 1955 der Arbeitskreis für Jugendliteratur. Von diesem Kuratorium wird nun seit bereits mehr als 60 Jahren der „kleine Nobelpreis“ verliehen, der Hans-Christian Andersen Preis. Er gilt als die wichtigste internationale Auszeichnung für Kinderbuchautoren und -illustratoren.

(c) Internationale Jugendbibliothek

Frauen und Erinnerungskultur – Blogparade #femaleheritage

Jella Lepman, Teil 1

Jella Lepman, Teil 3

Jella Lepman und die Geschichte der IJB #femaleheritage

Im Rahmen der Blogparade der Monacensia im Hildebrandhaus, mit dem Titel „Frauen und Erinnerungskultur #femaleheritage, möchten wir Jella Lepman, die Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek, und ihr Wirken, in 3 kleinen Blogbeiträgen vorstellen –etwas anders als bisher. Hier der erste Teil:

Film und Fernsehen greifen für Neuproduktionen immer häufiger auf historische weibliche Persönlichkeiten zurück. Erst 2019 lief die Filmografie über die afroamerikanischen Fluchthelferin Harriet Tubman an, und bereits im Jahr davor feierte On the Basis of Sex seine Premiere. Ebenfalls eine Filmografie über die kürzlich verstorbene Ruth Bader Ginsburg. Die Liste ließe sich beliebig weiterführen mit z.B. der wahren Geschichte der britischen Geheimdienstlerin Katharine Gun, welche in Official Secrets verfilmt wurde, oder mit Hidden Figures und der Geschichte von den Mathematikerinnen Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson.
Es sind Hollywood-Blockbuster, und sie handeln von außergewöhnlichen Frauen der vergangenen Jahrhunderte. Sie haben etwas bewirkt, auf ganz unterschiedliche Weise, und sie sollen nicht in Vergessenheit geraten. Sogar noch mehr, ihr Leben und Handeln sollen als Vorbild und Inspiration dienen. Sie führen uns auf wunderbare Weise vor Auge, wie viel eine einzige Person – eine einzige Frau, bewirken kann!

Die Internationale Jugendbibliothek, die ihren Sitz im Schloss Blutenburg im Westen Münchens hat, profitiert ebenfalls vom Initiationsgeist einer einzelnen Frau: Jella Lepman.
Zum Anlass ihres 50. Todestages in diesem Jahr berichteten mehrere große Zeitungen deutschlandweit. So veröffentlichte DIE ZEIT eine ganzseitige Reportage mit dem Titel: Die fünf Leben der Jella Lepman, und tatsächlich lässt sich Lepmans Leben episodenhaft zusammenfassen. Als Tochter aus gutem Haus, früh verwitwet mit zwei kleinen Kindern, wird sie die erste weibliche Redakteurin beim Stuttgarter Neuen Tagblatt, ehe sie 1936 zur Emigration gezwungen, Deutschland über Italien in Richtung England verlässt. Doch sie kehrt zurück, in das Land der Täter, in das Land, das sie fast 10 Jahre zuvor verlassen musste.
Im Rahmen des „Reeducation“-Programms der amerikanischen Militärregierung kam Lepman 1945 speziell für Frauen- und Jugendfragen wieder nach Deutschland. Nachdem sie sich ein Bild von der Zerstörung gemacht hatte, fasste sie einen Beschluss, welcher sich in einem ihrer berühmtesten Zitate zusammenfassen lässt:

„Lassen Sie uns bei den Kindern anfangen, um diese gänzlich verwirrte Welt langsam wieder ins Lot zu bringen. Die Kinder werden den Erwachsenen den Weg zeigen.“

Jella Lepman um 1960 (c) privat

Jella Lepman, Teil 2

Jella Lepman, Teil 3

„Die Kinderbuchbrücke“ Podiumsgespräch zum 50. Todestag von Jella Lepman

„Man liest die Erinnerungen fast wie einen Abenteuerroman.“ Mit diesen Worten eröffnete Christiane Raabe am gestrigen Abend die Podiumsdiskussion anlässlich des 50. Todestages von Jella Lepman und der Neuausgabe ihres Buches „Die Kinderbuchbrücke“.
Auf dem Podium zu erleben waren die Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München, Prof. Dr. Mirjam Zadoff, sowie Dr. Andreas Heusler, Zeithistoriker am Stadtarchiv München zusammen im Gespräch mit Frau Dr. Christiane Raabe der Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek.

Deutschland 1945, zerstört vom Krieg. Wie muss man sich den Ort und die Zeit vorstellen, in die Jella Lepman aus dem Exil zurückkehrte um das scheinbar unmögliche zu schaffen; zunächst eine internationale Jugendbuchausstellung zu organisieren, aus der wenige Jahre später die Internationale Jugendbibliothek wurde.

Das Gespräch, moderiert von Niels Beintker vom Bayerischer Rundfunk, zeichnete für das Publikum ein Bild von Jella Lepman, das über ihre autobiografischen Erzählungen in der Kinderbuchbrücke, hinaus ging. Lepman, so Raabe, kam nicht einfach so nach Deutschland zurück und wäre wohl, ohne den Auftrag der amerikanischen Besatzer, auch im Exil geblieben. Sie nahm hier in Deutschland auch nicht, wie es vielleicht hätte erwarten werden können, wieder ihre deutsche Identität an, auch nicht die einer Jüdin, nein, sie wurde zu einer Weltbürgerin.

Anders als andere Exilanten, die nach Deutschland zurückkehrten, war Lepmans Blick hauptsächlich geprägt von einer Vision des Neuanfangs mit der schuldlosen Generation – den Kindern. Diesen Wunsch folgte sie, „ohne auch nur ein Wort zu verlieren, über ihre eigene Enttäuschung, ihren eigenen Schmerz, den sie mit Sicherheit erlebt hat.“ sagt Mirjam Zadoff.

Das gesamte Podiumsgespräch, welches begleitet wurde durch Auszüge aus „Der Kinderbuchbrücke“ gelesen von Julia Cortis, ebenfalls vom BR, ist als Mitschnitt auf Youtube abrufbar.

Die IJB dankt allen Gästen die diesen Abend vor Ort, oder live im Stream verfolgt haben, ebenso wie den Teilnehmern des Gesprächs.


Die Neuausgabe von Jella Lepmans „Die Kinderbuchbrücke“, mit zahlreichen, bisher teilweise unveröfftlichen Bildern, erschienen im Antje Kunstmann Verlag, ist für 25€ im Handel erhältlich.

Hinweis:
Am 4. und 5. November findet in der Internationalen Jugendbibliothek ein Mehrgenerationen-Schreibworkshop zu Jella Lepman statt. Mehr Informationen gibt es hier.