Die Sammlung Paulus Verlag und Georg Bitter Verlag von Georg Bitter

von Jutta Reusch
Leitung Bibliothekarische Dienste

Dr. Georg Bitter hat in einer großzügigen Schenkung am 4. Januar 2023 seine Sammlung von Büchern aus der Produktion des Paulus Verlags und des Georg Bitter Verlags der Stiftung Internationale Jugendbibliothek überlassen. Georg Bitter ist der Sohn des gleichnamigen Verlegers, der den Paulus Verlag seit 1950 leitete und ihn 1968 in den Georg Bitter Verlag überführte.

Dr. Christiane Raabe, Dr. Georg Bitter und Jutta Reusch © Internationale Jugendbibliothek

Die vielfältige Sammlung umfasst etwa 450 Kinder- und Jugendbücher von 1946 bis in die 1990er Jahre und damit einen Großteil der Verlagsproduktion im Bereich Kinder- und Jugendliteratur. Der Verlag steht für anspruchsvolle und richtungsweisende Kinder- und Jugendliteratur im 20. Jahrhundert; viele der Kinder- und Jugendbücher des Georg Bitter Verlages bzw. des Paulus Verlages erhielten nationale und internationale Auszeichnungen.

Der Bitter Verlag mit Sitz in Recklinghausen wurde 1938 von Wilhelm Bitter unter dem Namen „Paulus Verlag K. Bitter KG. Verlag für katholisches Schrifttum“ gegründet. Obwohl Wilhelm Bitter während des Nationalsozialismus mehrfach verhaftet und aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen wurde, konnte er dennoch beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels diese Gründung in Form einer Kommanditgesellschaft unter dem Namen seiner Frau Katharina Bitter erreichen.

Der Verlag publizierte in den Jahren bis ca. 1941 vor allem katholisch theologische Literatur. Im Frühjahr 1945 erhielt er als einer der ersten Verlage in der britischen Zone eine Lizenz für eine Tageszeitung sowie eine Bistumszeitung. Bald darauf wurde das Verlagsprofil erweitert um die Bereiche Belletristik, Zeitgeschichte und insbesondere das Segment Kinder- und Jugendbuch.

1950 übernahm Georg Bitter, der Sohn von Wilhelm Bitter, die Leitung des Verlags. Unter Georg Bitter entwickelte sich der Verlag zu einem der renommiertesten deutschen Kinder- und Jugendbuchverlage. Georg Bitter war langjähriges Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (AvJ) und Gründungsmitglied von dtv junior. Er erhielt für sein verlegerisches Werk unter anderen Auszeichnungen den „Volkacher Taler“ der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur.

Der Georg Bitter Verlag existierte bis 1997.

Dr. Christiane Raabe und Dr. Georg Bitter bei der Vertragsunterzeichnung
© Internationale Jugendbibliothek

Zu den mit Preisen ausgezeichneten Kinder- und Jugendbüchern des Verlags gehört der bis heute bekannte Kindergedichtband „Was denkt die Maus am Donnerstag“ von Josef Guggenmos, der 1968 den „Deutschen Jugendbuchpreis“ gewann. Das Jugendbuch „Die Erde ist nah“ des tschechischen Autors Luděk Pešek, ein Buch über eine fiktive Marsexpedition, erhielt 1971 den Deutschen Jugendliteraturpreis. Weitere Preisträger des Deutschen Jugendliteraturpreises waren das Antikriegsbuch „Es lebe die Republik. Ich, Julina und das Kriegsende“ von Jan Procházka (1969) und „Die Wächter“ von John Christopher (1976).

Auf die Auswahlliste des Deutschen Jugendliteraturpreises kamen etwa die folgenden Titel von Jan Procházka: „Lenka“ (1970), „Was für eine verrückte Familie“ (1977), „Sankt Nikolaus geht durch die Stadt“, illustriert von Frans Haacken (1979), sowie die beiden weiter unten genannten Anthologien von Hans-Joachim Gelberg und „Juju und die fernen Inseln“ von Ana Maria Matute mit Illustrationen von Wilfried Blecher (1969).

Auch die Lektoren des Georg Bitter Verlags standen für wegweisende Kinder- und Jugendliteratur der Nachkriegsjahrzehnte und den Aufbruch der 1970er-Jahre. Walter Scherf war in den 1950er Jahren als Lektor für den Verlag tätig, bevor er Direktor der Internationalen Jugendbibliothek wurde. 1965 wurde Hans-Joachim Gelberg, der spätere Gründer von Beltz & Gelberg, mit dem Lektorat betraut.

Beide waren auch als Autor bzw. Herausgeber im Verlagsprogramm vertreten. Walter Scherf hatte Mitte der 1950er Jahre für den Paulus Verlag das Buch „The Hobbit“ von J.R.R. Tolkien ins Deutsche übertragen. Seine deutsche Übersetzung erschien erstmals 1957 unter dem Titel „Kleiner Hobbit und der große Zauberer“. Die dritte Auflage 1971 und die Folgeauflagen wurden dann von Klaus Ensikat illustriert. Von Walter Scherf erschienen im Paulus Verlag auch seine von der Jugendbewegung inspirierten Titel wie etwa „Das große Lagerbuch“ (1954) oder „Schwedenfahrt“ (1955). Von Hans-Joachim Gelberg wurden zwei Anthologien im Georg Bitter Verlag veröffentlicht, 1969 „Die Stadt der Kinder“, illustriert von Janosch, und 1971 „Kinderland, Zauberland“ mit Illustrationen von Günther Stiller.

Jutta Reusch, Dr. Christiane Raabe und Dr. Georg Bitter vor dem Herrenhaus
© Internationale Jugendbibliothek

Weitere herausragende Künstler und Künstlerinnen illustrierten die Bücher des Paulus und Georg Bitter Verlags. Es erschienen beispielsweise Bücher wie das von Wilfried Blecher illustrierte „Durcheinanderbilderbuch“ „Kunterbunter Schabernack“ (1969), die „Schau mal“-Bücher und „Boris Bär“ von Dick Bruna (1991), von Frans Haacken „Der violette Studienrat“ (1972) oder „Ein Narr, ein Weiser und viele Tiere“ (1973), von Janosch „Leo Zauberfloh“ (1966), „Lukas Kümmel Zauberkünstler (1968), „Kleiner Mann in der Zigarilloschachtel“ (1976) u.a., „Das Zauberschiff“ von Hans Leip (1973) sowie von Eva Johanna Rubin illustrierte Gedicht-Ausgaben von Josef Guggenmos wie „Ein Elefant marschiert durchs Land“ (1968) oder „Ich läute den Frühling ein“ (1975).

Bei Paulus und Georg Bitter erschienen neben wichtigen Gedichtbänden von Josef Guggenmos auch Titel weiterer namhafter Autoren und Autorinnen dieser Zeit wie Gina Ruck-Pauquèt, Tilde Michels, Wolfdietrich Schnurre, Heinrich Maria Denneborg, Hans Baumann, Frederik Hetmann und viele andere mehr.

Der Verlag setzte neue Impulse, etwa mit engagierter Literatur wie dem Buch von Peter Härtling „Und das ist die ganze Familie“ mit Fotobildern von Günther Stiller zu Tagesläufen mit Kindern (1970) oder dem anti-rassistischen Titel von Josef Reding „Nennt mich nicht Nigger“ (1978); oder auch mit Lizenzausgaben von DDR-Verlagen wie beispielsweise „Haik und Paul“ von Benno Pludra (1971), „Das Nibelungenlied“ von Franz Fühmann, Amerika-Geschichten von Liselotte Welskopf-Henrich wie „Der siebenstufige Berg“ oder einer von Klaus Ensikat illustrierten Ausgabe von Mark Twains „Leben auf dem Mississippi“.

In ihrer besonderen Bedeutung für die Geschichte der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur des 20. Jahrhunderts ist diese Sammlung also eine große Bereicherung der Bestände der Stiftung Internationale Jugendbibliothek.  

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