Eröffnung des 6. White Ravens Festivals mit Krach, Magie und Worttamtam

Gastbeitrag von Billy Tessaro

White Ravens. Weiße Raben. Ein Oxymoron, so scheint es, aber sind sie das? Der Rabe ist eine der, wenn nicht die intelligenteste Vogelart und seine Bedeutung in der nordischen und griechischen Mythologie zieht sich durch die Jahrtausende. Diese Woche kleidet er sich weiß, wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Er liest und bekommt vorgelesen, und er schreitet durch ganz Bayern. Die White Ravens sind echte Leseratten.

(c) Annkathrin Ascherl

Der Startschuss für das 6. White Ravens Festival fällt am 11.07.2021 auf Schloss Blutenburg in München. Der Morgen ist verregnet, der Himmel grau, die Stimmung ausgeprochen gut. Trotz des eher unangenehmen Wetters hat sich eine hohe Zahl an Zuschauerinnen und Zuschauern in den Schlosshof der Blutenburg getraut. Das Musikerduo Paprižka, heitert die Besucherinnen und Besucher auf.

Um 10 Uhr geht es los und siehe da, der Regen lässt langsam nach, hört bald ganz auf, pünktlich zum Auftakt des Festivals. Die Schirme klappen einer nach dem anderen zu und einige Festivalbegeisterte tröpfeln noch nach. Als sich dann kurz nach 11 Uhr auch noch die Wolken langsam verziehen und das Festival von Sonnenschein und blauem Himmel begrüßt wird, scheint alles perfekt.

Während der einleitenden Worte von Christiane Raabe, Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek, und Anton Biebl, Kulturreferent der Landeshauptstadt München, wird ein schöner weißer Rabe auf die Bühne getragen. Stolz steht er auf massiven Büchern. Er steht für Literatur, Lesebegeisterung und kulturellen Austausch. Dann geht es los: Margit Auer liest aus einigen Bänden ihrer Reihe Die Schule der magischen Tiere. Eine Vielzahl lesebegeisterter Kinder findet sich im Publikum, bei Fragerunden machen sie rege mit, versuchen den Autorinnen und Autoren sogar Details zu neuen Geschichten zu entlocken. Das Spiel wird auch umgedreht: Die Kinder antworten eifrig auf die Fragen der Schriftsteller:innen und haben im Anschluss an die Lesungen sogar die Möglichkeit, ihre Bücher signieren zu lassen. Nach Margit Auer liest die Schauspielerin Dascha von Waberer aus der Monsternanny von Tuutikki Tolonen. Die Illustratorin Anete Melece begeistert die Kinder mit einem Workshop zu ihrem Bilderbuch Kiosk und zu guter Letzt ist am frühen Nachmittag Susan Kreller dran, die den Kindern und Familien ihr Monster Schlinkepütz vorstellt.

Eine große Vielfalt an Aktivitäten wird den Anwesenden heute auf dem Festivalgelände geboten: Neben denLesungen und Fragerunden von und mit Margit Auer, Benjamin Tienti, Tuutikki Tolonen, Anete Melece, Susan Kreller und Yves Grevet, findet auch Kamishibai – traditionelles japanisches Papiertheater – sowie Origami- und Illustrations-Workshops statt. Die Pantomime-Vorstellungen des Künstlerduos Mime en Mi Mineur und die Papiershow von Mr. Lo zeugen davon, wie abwechslungsreich der heutige Tag ist. Musikalisches wird neben dem Duo Paprižka, die mit Balkanbeats und Klezmer für Stimmung sorgen, auch von der Gruppe Jisr geboten, die das Publikum am Nachmittag auf eine magische Reise in arabische Welten mitnimmt, von der Küste Marokkos bis nach Ägypten und darüber hinaus. Die Begeisterung beim Publikum ist groß, man hört viel Gelächter und sieht zufriedene Gesichter. Einen Bücherstand, an dem die Besucherinnen und Besucher ihre Sammlungen vervollständigen können, gibt es auch. Und an einer weiteren Station können Kinder als Reporter der Münchner Kinderzeitung/MÜK aktiv werden.

Ich unterhalte mich im Laufe des Tages mit den Autorinnen und Autoren. Für alle stand außer Frage, nicht beim Festival dabei zu sein, man spürt den Hunger nach Interaktion mit der Leserschaft. Auf die Frage, wie die letzten anderthalb Jahre sich auf ihr kreatives Schaffen ausgewirkt haben, gibt es gemischte Antworten. Benjamin Tienti, Margit Auer, Yves Grevet und Tuutikki Tolonen äußern sich eher positiv: Ihnen hat die Pandemie auf dieser Ebene beinahe in die Hände gespielt, weil das Plus an Zeit zu Hause es ermöglicht hat, sich intensiver auf das Schreiben zu konzentrieren. Tuutikki Tolonen, Kinderbuchautorin aus Finnland, bemerkt sogar bei der Rezeption ihrer Bücher, respektive insgesamt in Bezug auf den Kinderbuchmarkt, positive Auswirkungen. Die Illustratorin und Autorin Anete Melece, die aus Zürich angereist ist, äußert sich etwas verhaltener, da für sie die Verbindung von Privatem und Beruf eine Herausforderung war. Ein eher düsteres Fazit zieht Susan Kreller, die gerade mit der Anfangszeit der Pandemie unangenehmere Erinnerungen und ein Gefühl der Beklommenheit verbindet. Und gerade hier, nach dieser Zeit voll Ungewissheit und Hürden, finden sich alle Autorinnen und Autoren wieder. Margit Auer spricht vom „Hunger“ des Publikums ihre Lieblingsschriftsteller:innen live zu sehen. Für sie bieten die White Ravens ein perfektes Forum für gegenseitigen Austausch und gegenseitige Anregungen unter Künstlerinnen und Künstlern. Wo sich alle Stimmen der Autorinnen und Autoren einig sind, ist die Freude über den gegebenen Anlass: über das Festival – gerade vor der malerischen Kulisse des Schlosshofs – die Interaktion mit den Fans, die Präsentation ihrer Werke. Susan Kreller spricht vom „Zauber, der in der Luft“ liegt und wer dort war, weiß, was sie meint. Alle sind begeistert, hier zu sein. Und ich denke, ich spreche im Namen aller Anwesenden, ob Zuschauer:innen, Mitarbeiter:innen oder Organisator:innen, wenn ich sage, dass dieses Sentiment auf Gegenseitigkeit beruht.

Am Nachmittag des Eröffnungstages spielt das Wetter besser mit, was einen reibungslosen Start in den 2. Teil der Eröffnung ermöglicht. Ein leichter Sommerregen zwischendurch trübt die Stimmung nicht im Geringsten. Nachdem Benjamin Tienti aus Salon Salami und Unterwegs mit Kaninchen vorliest, wird das Publikum von Berlin in den orientalischen Raum entführt. Jisr begleitet, nach einer musikalischen Einlage, Azad Hamoto und Peter Wolter, die Gedichte auf Arabisch und in der deutschen Übersetzung vorlesen. Ich fühle mich an die Veranstaltung Märchenhafter Orient erinnert, welche vor fast drei Jahren auch hier stattgefunden hat.

(c) Annkathrin Ascherl

Aber wie alles Schöne, muss auch der Eröffnungstag zu Ende gehen. Für die letzten großen Lesungen sind nacheinander Yves Grevet aus Paris – dessen Texte Méto und Vront in Auszügen vom Münchner Schauspieler Sebastian Hofmüller vorgelesen werden – und Margit Auer, die den Eröffnungstag abschließt, auf der Bühne. Damit neigt sich ein erfolgreicher und ereignisreicher Tag dem Ende zu. Ich verlasse das Festivalgelände, dessen Namen folgend, beflügelt. Die weißen Raben haben nicht nur mir, sondern auch vielen lesebegeisterten Kindern und ihren Familien, sowie allen anderen, die beim Festival mitorganisiert und mitgeholfen haben, einen unfassbar schönen Tag beschert.

Checkpoint Kinderzimmer

Deutsch-russischer Kinderliteraturtransfer

2017 startete das Projekt „Checkpoint Kinderzimmer“ zum deutsch-russischen Kinderliteraturtransfer. Im Rahmen des Projekts wurden zwei internationale Tagungen in München und St. Petersburg (2018) sowie mehrere Lesungen für Kinder und Jugendliche und Podiumsgespräche in beiden Städten durchgeführt, die u.a. vom Bayerischen Wissenschaftsministerium und von der Bayerischen Staatskanzlei geförderdert wurden.

Die Ergebnisse der beiden wissenschaftlichen Tagungen sind nun in einem umfangreichen und gewichtigen Band veröffentlicht worden, den das Kinderliterarische Forschungszentrum am Institut für russische Literatur der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg herausgegeben hat.

Die russisch-deutschen und deutsch-russischen Beziehungen in der Kinderliteratur sind lang und vielfältig. Bisher sind sie jedoch wenig Gegenstand wissenschaftlicherForschung gewesen. Es ist das Verdienst des vorliegenden Bandes dezidiert und breit die russisch-deutschen Kontakte in der Kinderliteratur zu beleuchten. Entstanden aus dem Kooperationsprojekt zwischen dem Forschungszentrum für Kinderliteratur des IRLI (St. Petersburg) und der Internationalen Jugendbibliothek (München) versammelt der Band Ergebnisse aus zwei wissenschaftlichen Tagungen in München und St. Petersburg (2017-2020) und setzt sie fort. Über einen Untersuchungszeitraum vom 18. bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts versammelt er Beiträge zu kinderliterarischer Rezeption, Übersetzung, aus den Bereichen der Kulturologie und Alteritätsforschung sowie zu Pädagogik, Literaturkritik und Buchmarktanalyse. Er fasst den Begriff der Kinderliteratur breit und subsummiert darunter auch Schul-, Lehr- und Lesebücher; er untersucht sowohl belletristische als auch non-fiktionale Texte für Kinder und beleuchtet gleichermaßen den didaktischen Überbau. Dabei wechseln umfassende Grundsatz- und Überblicksanalysen, wie die zum Werk von Kurd Laßwitz in Russland (knapp 80 Seiten, Belarev), mit erhellenden Case-Studies ab.

Aus den Beiträgen der internationalen Forscherinnen und Forschern lässt sich deutlich der Einfluss ablesen, den deutsche kinderliterarische Werke sowie Pädagogik auf die Entwicklung der Kinderliteratur, Kinderlektüren und den Lehrbereich (vgl. Kostin) in Russland hatten, wie sie adaptiert, russifiziert, aus- und umgedeutet werden (vgl. Bezrogov, Lemešev, Romašina). In besonderem Maße gilt das für das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts als der Austausch zwischen der deutschen und russischen kinderliterarischen Sphäre besonders intensiv und prägend war (vgl. Sergienko und Golovin/Nikolaev). Aber auch für die didaktischen Ansätze im 19. und frühen 20. Jahrhunderts (vgl. Maslinskaja) bis hin zum proletarischen Kinderbuch der Weimarer Republik werden überraschende Einflusslinien nachgewiesen (vgl. Balina).

Die „Bibliomigration“ aus dem russischen Feld ins deutsche wird hingegen als geringer eingeschätzt (vgl. Leingang). Der vorliegende Band konzentriert sich auf den kulturpolitischen russisch-sowjetischen Einfluss auf die Kinderliteratur der DDR und umgekehrt (vgl. Kümmerling-Meibauer/Meibauer und Simonova); darüber hinaus nimmt er die verlegerischen Tätigkeiten der russischen Emigration in Deutschland sowie in den deutschen DP-Lagern der ersten Nachkriegsjahre in den Blick (vgl. Dimjanenko).

Das breit aufgespannte Forschungsspektrum des vorliegenden Bandes kann Anstoßgeber sein für Analysen zur Entwicklung der russisch-deutschen kinderliterarischen Beziehungen für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und die 2000er Jahre und zu den Verflechtungen zwischen der russisch-sowjetischen und deutschen, bundesrepublikanischen Kinderliteraturlandschaft.

Dr. Katja Wiebe, Slawisches Lektorat

Der Club der Bücherdetektive

(c) IJB, Stefanie Duckstein

„Wer bin ich?“ Das Grundprinzip dieses Spiels ist von Kindergeburtstagen oder langen Autofahrten hinlänglich bekannt. Doch was, wenn man es nicht mit bekannten und berühmten Persönlichkeiten, sondern mit Figuren aus Büchern spielt? „Bist Du der fiese Typ, die kluge Affendame oder der seltsame Mann mit Hut? Hast Du stets einen Regenschirm dabei, hast blaue Augen oder wohnst auf einem Schrottplatz?“

Diese Erweiterung des bekannten Spiels, erdacht von unserer Lektorats-Kollegin Dr. Ines Galling, wurde nun von Dr. Katrin Geneuss zu einem digitalen Onlinespiel konzipiert.
Die erste von vier Spielrunden fand am 15.1.2021 statt und fand großen Anklang bei den jungen, pfiffigen und belesenen Teilnehmer*innen.

In Zeiten von digitalem Unterricht zu Hause, gilt es, ein Gleichgewicht für die viele Bildschirmzeit zu schaffen. Was bietet sich da besser an, als das Lesen von Büchern und das anschließende, gemeinsame Darüber-Reden? Während nicht nur die Schulen geschlossen sind, sondern Kindern auch grundsätzlich beinahe jeder Kontakt zu Gleichaltrigen verwehrt bleibt, ist der Wunsch nach Sozialisierung umso größer. Entschleunigung, weit ab von jeder Art von Display, und gleichzeitig eine bunte, fantasievolle Abwechslung vom eintönigen Corona-Alltag.

Den Anreiz dafür, auch für nicht ganz so leseaffine Kinder, bietet das neue Online-Spiel, das Dr. Geneuss, für die Internationale Jugendbibliothek entwickelt hat. Dr. Geneuss ist derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachdidaktik Deutsch der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Im Rahmen von „Neustart Kultur“, einem Konjunkturprogramm für den Kultur- und Medienbereich vom Staatsministerium für Kultur und Medien, konnte das Spiel verwirklicht werden.

Ganz zu Beginn steht eine Leseliste für die Kinder, bestehend aus 5 Titeln, die in Umfang und Inhalt extra für die Zielgruppe, nämlich 8-12-jährige, von unserem Lektorat ausgewählt wurden. Von Spielrunde zu Spielrunde wechseln die Bücher. Trauen es sich die Kinder zu, den kleinen Bücherstapel komplett zu lesen, können sie die Bücher in unserer Kinderbibliothek ausleihen und sich für eine Aufnahme im „Club der Bücherdetektive“ bewerben, sprich sich für unsere Online-Spiel anmelden. Von großer Wichtigkeit ist hier, dass die Möglichkeit von „click and collect“ besteht. Das heißt, Bücher konnten ausgeliehen und zurückgebracht werden, obwohl die Ausleihbibliothek für Besucher auf Grund der aktuellen Corona-Lage leider geschlossen bleiben muss.

Und wie war die erste Spielrunde?
Nachdem die Bücherliste veröffentlich wurde und alle Nutzer*innen der Kinderbibliothek eine Einladung zum Spiel bekommen hatten, meldeten sich zahlreiche Kinder an. Das erste Treffen der angehenden Bücherdetektive fand via Zoom statt. Es war begeisternd zu sehen, wie intensiv die Kinder die Bücher gelesen hatten und mit welcher Energie sie im Spiel miteinander agierten. Angeleitet durch die Spielleitung, ging es durch mehrere verschiedenen Spielebenen. Angefangen beim klassischen „Wer bin ich?“ über ein „Zu welchem Buch könnte diese Landschaft gehören“ bis zu einem abschließenden Beschreiben und pantomimischen Darstellen einzelner Figuren der Bücher, welche vom Plenum erraten werden mussten. Dabei machte keinen Unterschied, ob die Kinder wirklich alle Bücher gelesen hatten oder nur zwei oder drei, denn es gab meistens nicht eine richtige Antwort. Wichtig war, dass die Spürnasen eine plausible Begründung finden konnten.

Geplant für 60 Minuten, dauerte das Spiel am Ende anderthalb Stunden, da die Kinder so viel Spaß hatten und gar nicht genug bekamen vom Raten, Beschreiben und Knobeln. Aufgrund ihrer überzeugenden Spürnasen-Qualitäten wurden alle Teilnehmer ganz offiziell in den „Club der Bücherdetektive“ aufgenommen und bekamen ein persönliches Zertifikat zugesandt. Dieses bestätigt ihnen nicht nur die Teilnahme, sondern ermöglicht ihnen darüber hinaus auch den kostenlosen Besuch der Ausstellungen der IJB zusammen mit ihren Familien.
Natürlich hoffen wir, dass wir die Besucher unserer Bibliothek bald wieder in analogen Workshops vor Ort in der Internationalen Jugendbibliothek begrüßen können, doch bis es soweit ist, bis dahin auch gerne per Zoom.
Denn der Club der Bücherdetektive hat gezeigt, genau wie unser Online-Spiel „Geheimnis um die verschwundenen Bücher“, dass man miteinander, auch über Bildschirme hinweg, zusammenspielen und gemeinsam Spaß haben kann! Es ist wunderbar, wenn man solch ein Online-Spiel mit dem intensiven Lesen von Büchern verbinden kann.  

Unsere Online-Spiele „Geheimnis um die verschwundenen Bücher“ und „Club der Bücherdetektive“ werden übrigens in nächster Zeit wiederholt. Bei Interesse einfach an programm@ijb.de mailen.

Die Bücherdetektive mit ihren Büchern

Jella Lepman und die Geschichte der IJB Teil 3 #femaleheritage

Im Rahmen der Blogparade der Monacensia im Hildebrandhaus, mit dem Titel „Frauen und Erinnerungskultur #femaleheritage, präsentieren wir nun den dritten und letzten Teil unseres Beitrags über Jella Lepman, die Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek.

Im Jahr 2020, 71 Jahre später, steht die Internationale Jugendbibliothek dem Gründungsgedanken Jella Lepmans verpflichtet, nach wie vor für kulturellen Austausch und Toleranz. Inzwischen hat die Bibliothek ihren Sitz im Schloss Blutenburg, das Anfang der 1980er Jahren extra für diese Verwendung umgebaut wurde. Im unterirdischen Magazin unter dem Schlosshof finden sich Bücher in 240 Sprachen, darunter historische Bestände aus vier Jahrhunderten, stammend aus 146 Ländern, welche der Bibliothek seit ihrer Gründung 1949 sukzessive geschenkt wurden. Am Ende des Jahres 2019 belief sich der akzessionierte Bestand auf 657.190 Medieneinheiten. Durch diese Sammlung ist die Bibliothek zur größten ihrer Art weltweit und zu einem Zentrum der Kinder- und Jugendliteraturforschung geworden. Mit einem Jahresprogramm an Ausstellungen, Lesungen, Werkstattgesprächen, Podiumsdiskussionen, Vorträgen, Tagungen, Fortbildungen und einem internationalen Literaturfest, dem White Ravens Festival, widmet sich die Internationale Jugendbibliothek nach wie vor der Aufgabe der Vermittlung der Kinder- und Jugendliteratur aus allen Weltregionen. Ein umfangreiches Workshop-Angebot für Schulklassen, Horte und Jugendgruppen bringt Kindern und Jugendlichen Literatur ohne pädagogische Lernvorgaben als sinnstiftend, bereichernd und unterhaltsam nahe.

Auch wenn Jella Lepman nur relativ kurz Münchnerin war, sie zog Ende der 1950er Jahre nach Zürich, wo sie 1970 starb, so hat sie jedoch etwas hinterlassen, das ohne Übertreibung, einzigartig ist. Trotz dieses gewaltigen Lebenswerks, das sich nach ihrer Zeit als Direktorin und über ihren Tod hinaus entfaltete, ist der Name Jella Lepman überwiegend unbekannt. Zwar gibt es eine nach ihr benannte Straße in München, ebenso wie einen Kindergarten, doch die zahlreichen Besucher, die Schloss Blutenburg besuchen und ebenso viele Münchner, verbinden mit diesem Namen leider nichts.
Dabei steht hinter diesem Namen, hinter dieser Frau, eine Idee, die für die Nachwelt von unschätzbaren Wert ist:

Internationale Verständigung durch Kinderbücher.

Umbau von Schloss Blutenburg
Schloss Blutenburg heute
Übrigens, ihre Erlebnisse rund um die Entstehung und Gründung der Internationalen Jugendbibliothek hat Jella Lepman autobiografisch festgehalten, in ihrem Roman „Die Kinderbuchbrücke“. Dieser ist in diesem Jahr, anlässlich ihres 50. Todestages, neu erschienen, mit vielen eindrücklichen Bildern im Antje Kunstmann Verlag.

Frauen und Erinnerungskultur – Blogparade #femaleheritage

Jella Lepman, Teil 1

Jella Lepman, Teil 2

Jella Lepman und die Geschichte der IJB Teil 2 #femaleheritage

Im Rahmen der Blogparade der Monacensia im Hildebrandhaus, mit dem Titel „Frauen und Erinnerungskultur #femaleheritage, kommt hier Teil zwei unseres Beitrages zu Jella Lepman, die Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek.

1945 aus dem Exil zurückgekehrt, machte sich Jella Lepman zuerst ein Bild vom zerstörten Deutschland. Sie sah vor allem die Kinder in den zerbombten Straßen, die nicht nur nach Essen, sondern auch nach geistiger Nahrung hungerten, und dass es genau diese Generation war, mit der man beginnen konnte, eine neue, gerechtere Welt aufzubauen. Bereits im Jahr 1946 organisierte sie die internationale Ausstellung „Das Jugendbuch“, in der Kinderbücher aus aller Welt gezeigt wurden. Die Ausstellung wanderte durch das ganze Land, obgleich ebenjenes gespalten war durch die Besatzung der Siegermächte. Lepman schaffte etwas Unvorstellbares, sie brachte Verlage aus aller Welt dazu, Bücherspenden zu schicken, kaum ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. 4.000 Kinderbücher aus 14 Ländern kamen auf diese Weise zusammen. Vor dem Hintergrund, dass zu diesem Zeitpunkt nicht nur Deutschlands Wirtschaft vom Krieg gezeichnet war, und Papier eine wertvolle Ressource, erscheint dieses Unternehmen noch viel bemerkenswerter.
Am Ende der Ausstellung wurde ein Ort gesucht, für die dauerhafte Unterbringung der zahlreichen Bücher, die teilweise so oft von Kinderhand zu Kinderhand gegangen waren, dass sie bereits ganz zerlesen waren. Gefunden wurde dieser Ort in München, zunächst im Haus der Kunst, wo auch die Ausstellung 1946 eröffnet wurde, weniger später dann in der Kaulbachstraße 11a im Münchner Stadtteil Maxvorstadt.

Die Internationale Jugendbibliothek wurde 1949 mit einem Bestand von rund 8.000 Bänden eröffnet, und war für die Kinder und Jugendlichen der Nachkriegszeit bald so etwas wie eine Insel des freien Geistes. Hier gab es neben ausländischen Büchern amerikanische Comics zu lesen, in Debattierklubs wurde über Neuerscheinungen diskutiert. Erich Kästner, mit Jella Lepman gut befreundet, leitete eine Jugendtheatergruppe, Autoren wurden kritisch interviewt, Fremdsprachenkurse und pädagogische Vortragsabende angeboten. Im Malstudio konnten die Kinder unter Anleitung des Kunstpädagogen Ferdinand Steidle arbeiten, und in der „Kinder-UNO“ stand die Frage nach den Kinderrechten im Mittelpunkt.

Doch Jella Lepmans Arbeit, allein bis zu diesem Punkt mehr als beachtlich, ging weiter. Nur drei Jahre später, im Jahr 1952, fand in München die von ihr organisierte Konferenz International Understanding through Children’s Books statt. Dort entstand die Idee des International Board on Books for Young People, kurz IBBY, welches bereits ein Jahr danach gegründet wurde mit u.a. Erich Kästner, Astrid Lindgren & Fritz Brunner als Gründungsmitgliedern. Heute umfasst IBBY zweiundsiebzig nationale Sektionen, und die deutsche Sektion ist seit 1955 der Arbeitskreis für Jugendliteratur. Von diesem Kuratorium wird nun seit bereits mehr als 60 Jahren der „kleine Nobelpreis“ verliehen, der Hans-Christian Andersen Preis. Er gilt als die wichtigste internationale Auszeichnung für Kinderbuchautoren und -illustratoren.

(c) Internationale Jugendbibliothek

Frauen und Erinnerungskultur – Blogparade #femaleheritage

Jella Lepman, Teil 1

Jella Lepman, Teil 3

Jella Lepman und die Geschichte der IJB #femaleheritage

Im Rahmen der Blogparade der Monacensia im Hildebrandhaus, mit dem Titel „Frauen und Erinnerungskultur #femaleheritage, möchten wir Jella Lepman, die Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek, und ihr Wirken, in 3 kleinen Blogbeiträgen vorstellen –etwas anders als bisher. Hier der erste Teil:

Film und Fernsehen greifen für Neuproduktionen immer häufiger auf historische weibliche Persönlichkeiten zurück. Erst 2019 lief die Filmografie über die afroamerikanischen Fluchthelferin Harriet Tubman an, und bereits im Jahr davor feierte On the Basis of Sex seine Premiere. Ebenfalls eine Filmografie über die kürzlich verstorbene Ruth Bader Ginsburg. Die Liste ließe sich beliebig weiterführen mit z.B. der wahren Geschichte der britischen Geheimdienstlerin Katharine Gun, welche in Official Secrets verfilmt wurde, oder mit Hidden Figures und der Geschichte von den Mathematikerinnen Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson.
Es sind Hollywood-Blockbuster, und sie handeln von außergewöhnlichen Frauen der vergangenen Jahrhunderte. Sie haben etwas bewirkt, auf ganz unterschiedliche Weise, und sie sollen nicht in Vergessenheit geraten. Sogar noch mehr, ihr Leben und Handeln sollen als Vorbild und Inspiration dienen. Sie führen uns auf wunderbare Weise vor Auge, wie viel eine einzige Person – eine einzige Frau, bewirken kann!

Die Internationale Jugendbibliothek, die ihren Sitz im Schloss Blutenburg im Westen Münchens hat, profitiert ebenfalls vom Initiationsgeist einer einzelnen Frau: Jella Lepman.
Zum Anlass ihres 50. Todestages in diesem Jahr berichteten mehrere große Zeitungen deutschlandweit. So veröffentlichte DIE ZEIT eine ganzseitige Reportage mit dem Titel: Die fünf Leben der Jella Lepman, und tatsächlich lässt sich Lepmans Leben episodenhaft zusammenfassen. Als Tochter aus gutem Haus, früh verwitwet mit zwei kleinen Kindern, wird sie die erste weibliche Redakteurin beim Stuttgarter Neuen Tagblatt, ehe sie 1936 zur Emigration gezwungen, Deutschland über Italien in Richtung England verlässt. Doch sie kehrt zurück, in das Land der Täter, in das Land, das sie fast 10 Jahre zuvor verlassen musste.
Im Rahmen des „Reeducation“-Programms der amerikanischen Militärregierung kam Lepman 1945 speziell für Frauen- und Jugendfragen wieder nach Deutschland. Nachdem sie sich ein Bild von der Zerstörung gemacht hatte, fasste sie einen Beschluss, welcher sich in einem ihrer berühmtesten Zitate zusammenfassen lässt:

„Lassen Sie uns bei den Kindern anfangen, um diese gänzlich verwirrte Welt langsam wieder ins Lot zu bringen. Die Kinder werden den Erwachsenen den Weg zeigen.“

Jella Lepman um 1960 (c) privat

Jella Lepman, Teil 2

Jella Lepman, Teil 3

„Die Kinderbuchbrücke“ Podiumsgespräch zum 50. Todestag von Jella Lepman

„Man liest die Erinnerungen fast wie einen Abenteuerroman.“ Mit diesen Worten eröffnete Christiane Raabe am gestrigen Abend die Podiumsdiskussion anlässlich des 50. Todestages von Jella Lepman und der Neuausgabe ihres Buches „Die Kinderbuchbrücke“.
Auf dem Podium zu erleben waren die Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München, Prof. Dr. Mirjam Zadoff, sowie Dr. Andreas Heusler, Zeithistoriker am Stadtarchiv München zusammen im Gespräch mit Frau Dr. Christiane Raabe der Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek.

Deutschland 1945, zerstört vom Krieg. Wie muss man sich den Ort und die Zeit vorstellen, in die Jella Lepman aus dem Exil zurückkehrte um das scheinbar unmögliche zu schaffen; zunächst eine internationale Jugendbuchausstellung zu organisieren, aus der wenige Jahre später die Internationale Jugendbibliothek wurde.

Das Gespräch, moderiert von Niels Beintker vom Bayerischer Rundfunk, zeichnete für das Publikum ein Bild von Jella Lepman, das über ihre autobiografischen Erzählungen in der Kinderbuchbrücke, hinaus ging. Lepman, so Raabe, kam nicht einfach so nach Deutschland zurück und wäre wohl, ohne den Auftrag der amerikanischen Besatzer, auch im Exil geblieben. Sie nahm hier in Deutschland auch nicht, wie es vielleicht hätte erwarten werden können, wieder ihre deutsche Identität an, auch nicht die einer Jüdin, nein, sie wurde zu einer Weltbürgerin.

Anders als andere Exilanten, die nach Deutschland zurückkehrten, war Lepmans Blick hauptsächlich geprägt von einer Vision des Neuanfangs mit der schuldlosen Generation – den Kindern. Diesen Wunsch folgte sie, „ohne auch nur ein Wort zu verlieren, über ihre eigene Enttäuschung, ihren eigenen Schmerz, den sie mit Sicherheit erlebt hat.“ sagt Mirjam Zadoff.

Das gesamte Podiumsgespräch, welches begleitet wurde durch Auszüge aus „Der Kinderbuchbrücke“ gelesen von Julia Cortis, ebenfalls vom BR, ist als Mitschnitt auf Youtube abrufbar.

Die IJB dankt allen Gästen die diesen Abend vor Ort, oder live im Stream verfolgt haben, ebenso wie den Teilnehmern des Gesprächs.


Die Neuausgabe von Jella Lepmans „Die Kinderbuchbrücke“, mit zahlreichen, bisher teilweise unveröfftlichen Bildern, erschienen im Antje Kunstmann Verlag, ist für 25€ im Handel erhältlich.

Hinweis:
Am 4. und 5. November findet in der Internationalen Jugendbibliothek ein Mehrgenerationen-Schreibworkshop zu Jella Lepman statt. Mehr Informationen gibt es hier.

Das Blutenburger Sommermärchen

Dieser Sommer ist anders als andere – wir oft haben wir diesen Satz in den letzten Wochen gehört?

Zu oft!
Für das Team der Internationalen Jugendbibliothek stand bereits Anfang Juni (also vor dem meteorologischen Sommerbeginn) fest, dass die Sommermonate definitiv anders werden würden als in den Jahren zuvor, denn eine Idee war geboren: Die Blutenburger Sommerbühne.

Innerhalb von 3 Wochen konzipierte das Team aus Grafik, Presse- und Programmarbeit zusammen mit Verwaltung und Direktion ein buntes Bühnenprogramm für Kinder, Familien und Erwachsene. Künstler wurden angefragt, eine Bühne organisiert, Flyer gedruckt, ein Hygienekonzept erarbeitet und das alles unter Vorbehalt! Niemand konnte wissen, ob Corona uns nicht in letzter Sekunde doch einen Strich durch die Rechnung machen würde.

Doch wir hatten Glück!

Glück mit den Künstlern, die sich über (endlich wieder!) Auftrittsmöglichkeiten freuten, mit dem Publikum, das unendlich dankbar war, das (endlich wieder!) Kultur stattfinden konnte, mit externen Veranstaltern, die erfreut waren, eine Open Air Bühne bespielen zu dürfen und zu guter Letzt: Glück mit dem Wetter!

Vier Mal war unsere Sommerbühne ausverkauft mit großen Namen der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur; Margit Auer („Die Schule der magischen Tiere“), Erhard Dietl („Die Olchis“), Katja Brandis („Woodwalkers“ und „Seawalkers“) und Paul Maar („Das Sams“) und vier Mal konnten wir dem Regen, manchmal gerade so, entgehen.

Schauspieler lasen Kinderbuchklassiker, die Kleinste Bühne der Welt war zu Besuch ebenso das Kindertheater im Fraunhofer, Katharina Ritter erzählte Märchen und Sagen und das Clowneske Theater nahm uns mit auf ihre Reise zum Bücherschatz. Es wurde an Staffeleien gemalt und der japanischen Erzählform Kamishibai gelauscht.

Ja, dieser Sommer war anders in der IJB, aber er war definitiv schön. In diesen unsicheren Zeiten konnten wir als Team ein Stück Kultur bieten, das dankbar angenommen wurde, von Künstlern, Veranstaltern und vor allem dem Publikum.

Wir blicken zurück auf 8 Sommerwochen mit einem bunten Programm und vielen einzigartigen Momenten!

Danke!

Hinweis: Im Text wird für das bessere Leseverständnis die männliche Form genutzt. Selbstverständlich ist damit auch die weibliche Form gemeint.

Blutenburger Sommerbühne vom 12. Juli bis 6. September!

Die Stiftung Internationale Jugendbibliothek bietet im Innenhof von Schloss Blutenburg ein großes Open-Air-Programm für Kinder, Jugendliche und Erwachsene an

Nachdem die Bayerische Staatsregierung Ende Mai in Aussicht gestellt hat, dass ab Mitte Juni Veranstaltungen im Freien bis zu 100 bzw. mittlerweile bis zu 200 Personen erlaubt sind, hat sich die Internationale Jugendbibliothek kurzfristig entschlossen, die ‚Blutenburger Sommerbühne‘ ins Leben zu rufen.

Sie hat für dieses neu konzipierte Open-Air-Format Lesungen und Kindertheateraufführungen organisiert und mehrere Mitveranstalter für ein abwechslungsreiches Konzertprogramm am Abend gewonnen. Mit dem Ziel, in den kommenden Sommerwochen vor allem Kindern und Familien, die in den letzten Monaten ganz besonders von den Einschränkungen betroffen waren, ein attraktives Literatur- und Kulturprogramm anbieten zu können:

Bekannte Autoren wie Margit Auer („Die Schule der magischen Tiere“), Erhard Dietl („Die Olchis“), Katja Brandis („Woodwalkers“ und „Seawalkers“) und Paul Maar („Das Sams“) sind dabei. Schauspieler lesen Kinderbuchklassiker, die ‚Kleinste Bühne der Welt‘, ‚Mini Musik‘ und das ‚Kindertheater im Fraunhofer‘ treten auf, Märchen und Sagen werden erzählt. Und vieles mehr.

Die Pasinger Fabrik wird, wie jedes Jahr im Sommer, ebenfalls zu Gast sein. Der Illustrator Quint Buchholz bestreitet einen literarisch-musikalischen Abend; an Jugendliche richtet sich eine Lesung des Carl Hanser Verlags mit Christine Knödler.

Eröffnet wird die Blutenburger Sommerbühne am Sonntag, den 12. Juli vom bayerischen Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Bernd Sibler und der Bestsellerautorin Margit Auer mit einer „Best-of“-Lesung aus ihren Bänden von „Die Schule der magischen Tiere“.

Die Internationale Jugendbibliothek freut sich auf einen abwechslungsreichen Kultursommer für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen!

Das IJB Online-Rollenspiel „Geheimnis um die verschwundenen Bücher: Sozialisierung über den Bildschirm hindurch

Die Corona-bedingten Hygieneregelungen haben die sozialen Kontakte von Kindern und Jugendlichen stark eingeschränkt: Die Spielplätze waren über mehrere Wochen geschlossen, Freunde durften nicht mehr besucht werden, sich mit Gleichaltrigen in Gruppen zu treffen und neue Freundschaften zu schließen ist für Kinder und Jugendliche im Moment unmöglich. Dadurch sind die Bewegungsräume von Kindern und Jugendlichen für gemeinsames Spielen und ein soziales Miteinander drastisch beschnitten. Umso glücklicher waren wir, am 11. Juni, Kinder von überall aus Bayern im Rahmen unseres ersten gemeinsamen Online-Rollenspiels zusammenzubringen. 

Dr. Katrin Geneuss, die Entwicklerin des Online-Rollenspiels, forscht an der LMU zur Förderung von sprachlichen und sozialen Kompetenzen durch Rollenspiele. Sie hat für die Internationale Jugendbibliothek das Online- Rollenspiel „Geheimnis um die verschwundenen Bücher“ entwickelt – ein Spiel, bei dem Kinder in die Rollen von verschiedenen Ermittlern, Detektiven und Polizistinnen schlüpfen um, im Team, auf einer Videokonferenz-Plattform, einen geheimnisvollen Diebstahl von Büchern aus der Internationalen Jugendbibliothek aufzuklären.

Elf Kinder zwischen 8 und 11 hatten sich für die erste Edition vom Rollenspiel vor ihren Bildschirmen versammelt. Sie trugen Detektivhüte, hatten sich Agentenausweise gebastelt und hörten auf Namen wie Detektivin Martinez, Kommissar Zimmermann, Polizistin Li oder Ermittler Svensson. Jedes Kind hatte im Vorfeld einen Steckbrief zu seiner Figur – Name, Herkunftsland, Familienmitglieder, Lieblingsbeschäftigungen – bekommen und konnte seine Rolle mit weiteren Details zur Biographie und dem Arbeitsalltag hinzufügen, um die eigene Figur lebendiger zu machen. Während des Spiels mussten die elf jungen Spürnasen in der Rolle, die sie zugewiesen bekommen hatten, gemeinsam Indizien suchen und Aufgaben lösen. Am Anfang duzte der eine oder andere seine Kolleginnen und Kollegen noch oder fragte die Spieleleiterinnen, ob sie den Steckbrief brauchten. Doch innerhalb kürzester Zeit schlüpften sie perfekt in ihre Rollen, und es gewannen Ermittler Svensson, Detektivin Martinez, Kommissar Zimmermann, Polizistin Li und Co. die Oberhand. Durch den Fall geleitet haben sie Dr. Élodie Malanda, alias Frau Beret, Sekretärin des Oberkommissariats Blutenburg, und Frau Theresa, Mitarbeiterin der Internationalen Jugendbibliothek, die den Diebstahl der Bücher gemeldet hatte. Die beiden zeigten von Zeugen aufgenommene Videos, ließen per Videocall Verdächtigte zur Sprache kommen und moderierten die Diskussionen.

Während des Spiels fiel den Spieleleiterinnen schnell auf, dass die Kids nicht nur knobeln wollten, sondern auch ein großer Redebedarf vorhanden war. Die Diskussionen zwischen den Ermittlern über mögliche Spuren waren viel länger als geplant, so dass sich die Spieleleiterinnen recht schnell dazu entschlossen, die angesetzte Spielzeit notfalls zu überschreiten, um den Spielfluss und die begeisterte Energie der Gruppe nicht unterbrechen zu müssen. Tatsächlich entstand während der angeregten Diskussionen in kleinen Gruppen und im Plenum zwischen den Ermittlern eine Gruppendynamik und ein Zusammenhaltgefühl:  Die jungen Ermittlerinnen und Ermittler mussten sich gegenseitig zuhören und aufeinander eingehen, um im Team die Aufgaben zu lösen. Dieses Gemeinschaftsgefühl wurde sicherlich dadurch verstärkt, dass die teilnehmenden Kids sich in ihren jeweiligen Rollen als Kolleginnen und Kollegen wahrnahmen, mit denen sie ein gemeinsames Ziel und eine gemeinsame Leidenschaft für mysteriöse Fälle teilten. 

Dr. Geneuss, die Entwicklerin dieses Online Rollenspiels, ist überzeugt, dass diese Gruppendynamik und der zwischenmenschliche Kontakt bei den üblichen Onlineangeboten, wie z.B. Home Schooling, noch zu kurz kommt. Sie hat das Spiel bewusst so konzipiert, dass ein Gruppengefühl durch den regen Austausch zwischen den jungen Spürnasen und die kooperativ zu lösenden Aufgaben entsteht und gefestigt wird  Neben der Freude am Spielen und an dem Eintauchen in andere Rollen war es dieses Gruppengefühl, das von den Kindern bei der Feedbackrunde regelmäßig hervorgehoben wurde: „Ich löse zuhause auch gerne kleine Fälle, aber jetzt hat es noch mehr Spaß gemacht, weil wir das im Team gemacht haben.“ erklärte die zehnjährige H. Und beim Verabschieden von den anderen Kindern, die sich anderthalb Stunden vorher noch nie begegnet waren, meinte L.: „Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder“.

Wir, in der Internationalen Jugendbibliothek, hoffen übrigens auch, dass wir die Kids bald einmal wiedersehen können – am liebsten live*, aber bis dahin auch gerne per zoom – das Online-Rollenspiel hat uns ja gezeigt, dass man auch über den Bildschirm hindurch sozialisieren, zusammen spielen und gemeinsam Spaß haben kann!

*Dr. Geneuss hat für uns auch ein Live-Rollenspiel zu Jim Knopf entwickelt, das in nicht-Corona-Zeiten bei uns, vor Ort, von Schulklassen gespielt werden kann. 

(Das Online Rollenspiel soll übrigenns in nächster Zeit wiederholt werden. Bei Interesse, an programm(a)ijb.de mailen.)