Teilhabe braucht Teilgabe! Rückblick auf die Partizipaptionstagung

Illusion Partizipation – Zukunft Partizipation!? Die Bundesvereinigung Kulturelle Bildung- und Jugendbildung e.V. (BKJ) und die Bundeszentrale für politische Bildung hatten offenbar ein wichtiges und aktuelles Thema für ihre Tagung gewählt! Denn über 250 TeilnehmerInnen waren nach Berlin gereist, um sich am 13. und 14. November 2015 mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

In Vorträgen, Statements, Debatten, Workshops und sogar einem eingeschobenen PT7BarCamp wurde das Thema aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet.

Da das Thema Flucht keinen eigenen Part im Programm einnahm, hielt ich im Rahmen des BarCamps spontan eine Session mit der Frage, welche Hindernisse und Chancen es bei der Partizipation junger Geflüchteter gibt. Dabei ging ich als Einstieg auf Erfahrungen mit Projekten der IJB ein (Begegnungsworkshop, „Guten Tag, lieber Feind!“, Comicworkshop mit Ü-Klassen, Zusammenarbeit mit Gemeinschaftsunterkunft…) und regte zum Austausch der ca. 40 Teilnehmer an, die vielfach dabei sind eigene Projekte mit Geflüchteten durchzuführen (z.B. Zirkus, Musikprojekt, Theater). Betont wurde, dass Kultur sprachliche Barrieren überwinden kann. Ein großer Unterschied sei aber, ob Geflüchtete schon in Strukturen eingebunden sind (z.B. in Übergangsklassen) oder – verbunden mit einer hohen Fluktuation – in Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht sind. Bei Letzteren wurden die Grenzen der kulturellen Bildung diskutiert. Betont wurde aber von vielen, dass Kultur Begegnungsräume schaffen kann und Flüchtlinge aus der Isolation herausholt. Wichtig sei aber, auf den Bedarf einzugehen, die Geflüchteten nicht „zu entmündigen“ und Projekte gemeinsam zu entwickeln. Keine Einigkeit bestand darüber, ob Geflüchtete in Programme, die man hat „so einfach“ integriert werden können (Kontakt mit anderen), oder es sinnvoller ist extra Projekte zu entwickeln, in denen beispielsweise die Sprachbarrieren mit beachtet werden.Mein Fazit ist, dass es trotz der Schwierigkeiten wichtig ist, Geflüchtete so früh wie möglich über kulturelle Bildung an gesellschaftlichen Prozessen teilhaben zu lassen. Wir alle können mit dieser Herausforderung nur weiter lernen und wachsen und am besten auch in Zukunft dazu im Austausch bleiben!

Im Folgenden gebe ich ein Resümee des Tagungsprogrammes wieder, das meine persönlichen Erkenntnisse, aber auch offene Fragen beinhaltet.

Partizipation ist – auch im Hinblick auf kulturelle Bildung – ein Menschenrecht. Sie ist Voraussetzung für Selbstbestimmung und Freiheit und kann identitätsbildend wirken, indem sich Kinder und Jugendliche als ein (mit-)bestimmendes Subjekt selbst erfahren und Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit gewinnen (Prof. Dr. Keupp). Sie steckt gleichzeitig in einem dialektischen Prozess von Selbst- und Fremdbestimmung.

Wie können Medienwandel, neue tools und Plattformen für eine „ePartizipation“ nutzbar gemacht werden? Auch digitale Projekte (z.B. die-Waehlerischen.de) scheinen bisher nicht ohne persönlichen Kontakt  auszukommen und müssen den Mut für – auf den ersten Blick – „triviale“ Themen der Zielgruppe mitbringen.

Aber wann wird Partizipation zum bloßen Schein? Denn Teilhabe bedeutet auch Teilgabe (Max Fuchs)! Das heißt Institutionen, Künstler, Kulturschaffende müssen auch bereit sein Freiraum für eine echte Partizipation zu geben. Dazu gehört es auch in Projekten Veränderungsprozesse zuzulassen und „Macht“ abzugeben. Nichtsdestotrotz braucht es Strukturen, Hilfestellung und Anleitung, um eine Beteiligung und ein Gestalten überhaupt zu ermöglichen und nicht im luftleeren Raum zu bleiben (à la „jetzt macht halt mal was Kreatives“). Aber ein vorgefertigtes, komplett durchgeplantes Modell, in dem Kinder und Jugendliche nur einen kleinen ausgewiesen Part erfüllen dürfen/müssen, kann kaum als eine echte Partizipation gelten. Kulturelle Identität bildet sich vor allem in einem konfliktreichen Prozess und in einer Reibung mit etwas anderem. Mein Wunsch für die kulturelle Bildung ist daher: mehr Teilgabe, mehr Reibung und mehr Mut zum Freiraum!

Vielen Dank an die Organisatoren und alle Beteiligten! Tanja Leuthe

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2 Gedanken zu „Teilhabe braucht Teilgabe! Rückblick auf die Partizipaptionstagung

  1. Liebe Tanja,

    wieder mal so eine Veranstaltung, von der ich nichts mitbekommen habe. Und danke dir, dass du davon berichtest.

    Ja, das ist der springende Punkt: „Partizipation“ muss gelebt werden. Und ohne das Verlassen der Einbahnstraße geht es gar nicht. Da sind wir dann wieder beim „Zuhören“ und die Bedürfnisse der anderen ernst nehmen. Was du zu den Flüchtlingen schreibst, finde ich sehr wichtig. Und ich bin begeistert über jedes Projekt, bei dem es auch um Teilhabe an Bildung, Kunst und Kultur geht. Mich interessieren zum Beispiel Ansätze, wie man z.B. deren sehr dringendes Bedürfnis – nämlich Deutsch zu lernen – mit kreativen Ideen befriedigen könnte. Hier gibt es z.B. Möglichkeiten des Spracherwerbs im Museum. Sowas gefällt mir sehr viel besser, als wenn man Führungen für Flüchtlinge organisiert. Aber auch da muss man dann einfach mal eine andere Perspektive einnehmen. Nonverbale Vermittlungsmethoden nutzen und und und. Will heißen, man muss umdenken.

    Übrigens finde ich die Idee der Begegnunsräume toll. Wenn sich eine Kulturinstitution als eine Begegnunsstätte versteht, dann ist schon mal viel gewonnen. Das ist doch direkt ein ganz anderes Leitbild, oder?

    Ganz herzliche Grüße nach München
    Anke

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