Checkpoint Kinderzimmer

Deutsch-russischer Kinderliteraturtransfer

2017 startete das Projekt „Checkpoint Kinderzimmer“ zum deutsch-russischen Kinderliteraturtransfer. Im Rahmen des Projekts wurden zwei internationale Tagungen in München und St. Petersburg (2018) sowie mehrere Lesungen für Kinder und Jugendliche und Podiumsgespräche in beiden Städten durchgeführt, die u.a. vom Bayerischen Wissenschaftsministerium und von der Bayerischen Staatskanzlei geförderdert wurden.

Die Ergebnisse der beiden wissenschaftlichen Tagungen sind nun in einem umfangreichen und gewichtigen Band veröffentlicht worden, den das Kinderliterarische Forschungszentrum am Institut für russische Literatur der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg herausgegeben hat.

Die russisch-deutschen und deutsch-russischen Beziehungen in der Kinderliteratur sind lang und vielfältig. Bisher sind sie jedoch wenig Gegenstand wissenschaftlicherForschung gewesen. Es ist das Verdienst des vorliegenden Bandes dezidiert und breit die russisch-deutschen Kontakte in der Kinderliteratur zu beleuchten. Entstanden aus dem Kooperationsprojekt zwischen dem Forschungszentrum für Kinderliteratur des IRLI (St. Petersburg) und der Internationalen Jugendbibliothek (München) versammelt der Band Ergebnisse aus zwei wissenschaftlichen Tagungen in München und St. Petersburg (2017-2020) und setzt sie fort. Über einen Untersuchungszeitraum vom 18. bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts versammelt er Beiträge zu kinderliterarischer Rezeption, Übersetzung, aus den Bereichen der Kulturologie und Alteritätsforschung sowie zu Pädagogik, Literaturkritik und Buchmarktanalyse. Er fasst den Begriff der Kinderliteratur breit und subsummiert darunter auch Schul-, Lehr- und Lesebücher; er untersucht sowohl belletristische als auch non-fiktionale Texte für Kinder und beleuchtet gleichermaßen den didaktischen Überbau. Dabei wechseln umfassende Grundsatz- und Überblicksanalysen, wie die zum Werk von Kurd Laßwitz in Russland (knapp 80 Seiten, Belarev), mit erhellenden Case-Studies ab.

Aus den Beiträgen der internationalen Forscherinnen und Forschern lässt sich deutlich der Einfluss ablesen, den deutsche kinderliterarische Werke sowie Pädagogik auf die Entwicklung der Kinderliteratur, Kinderlektüren und den Lehrbereich (vgl. Kostin) in Russland hatten, wie sie adaptiert, russifiziert, aus- und umgedeutet werden (vgl. Bezrogov, Lemešev, Romašina). In besonderem Maße gilt das für das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts als der Austausch zwischen der deutschen und russischen kinderliterarischen Sphäre besonders intensiv und prägend war (vgl. Sergienko und Golovin/Nikolaev). Aber auch für die didaktischen Ansätze im 19. und frühen 20. Jahrhunderts (vgl. Maslinskaja) bis hin zum proletarischen Kinderbuch der Weimarer Republik werden überraschende Einflusslinien nachgewiesen (vgl. Balina).

Die „Bibliomigration“ aus dem russischen Feld ins deutsche wird hingegen als geringer eingeschätzt (vgl. Leingang). Der vorliegende Band konzentriert sich auf den kulturpolitischen russisch-sowjetischen Einfluss auf die Kinderliteratur der DDR und umgekehrt (vgl. Kümmerling-Meibauer/Meibauer und Simonova); darüber hinaus nimmt er die verlegerischen Tätigkeiten der russischen Emigration in Deutschland sowie in den deutschen DP-Lagern der ersten Nachkriegsjahre in den Blick (vgl. Dimjanenko).

Das breit aufgespannte Forschungsspektrum des vorliegenden Bandes kann Anstoßgeber sein für Analysen zur Entwicklung der russisch-deutschen kinderliterarischen Beziehungen für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und die 2000er Jahre und zu den Verflechtungen zwischen der russisch-sowjetischen und deutschen, bundesrepublikanischen Kinderliteraturlandschaft.

Dr. Katja Wiebe, Slawisches Lektorat