Gegen das Vergessen. Ein Beitrag von Andrei (18) zur Veranstaltung mit Uri Orlev und Mirjam Pressler

Am Dienstag, 17. Juli um 19 Uhr gab es ein Gespräch mit Mirjam Pressler und Uri Orlev moderiert von Prof. Dr. Gabriele von Glasenapp zum Thema „Gegen das Vergessen. Zeitgeschichte und Jugendliteratur.  Unser Gastblogger Andrei Craciunescu hat die Veranstaltung besucht und seine Eindrücke dieser besonderen Veranstaltung augeschrieben. Weiterlesen

Ein selbstgemachter Trailer zu „Es war einmal Indianerland“

Auch bei den bayernweiten Lesungen des Autors Nils Mohl gab es etwas Besonderes: Die Klasse 9b des Werdenfels-Gymnasiums in Garmisch-Partenkirchen überraschte den Autor mit einem selbstgedrehten Trailer zum Buch!

Uri Orlev im Interview mit der Klasse 6 F des Gymnasiums Neubiberg

Im Rahmen der Lesung am 17. Juli stellten die Schülerinnen und Schüler der Klasse 6 F dem Autor u. a. folgende Fragen, die Frau Pressler dann übersetzte

Wie haben Sie denn damals das Leben im Ghetto erlebt?

Das mag merkwürdig klingen, aber für mich waren das eigentlich die schönsten Jahre, weil ich sie zusammen mit meiner Mutter verbracht habe. Auf der Straße passierten natürlich schlimme Sachen, aber für uns Kinder war es eine Art Abenteuer. In der Zeit nach dem Krieg hatte ich dann immer noch eine Atombombe unter dem Bett.

Hatten Sie wirklich eine Atombombe unter dem Bett?

Nein, es war nur eine eingebildete, aber für mich war sie wirklich da und ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, sie zu werfen …

Welches Land bezeichnen Sie heute als Ihre Heimat?

Israel, aber auch noch ein bisschen Polen.

Warum kommen Sie in ein Land, in dem man früher versucht hat, Sie zu töten?

Die Leute, die das versucht haben, sind inzwischen ja nicht mehr da und die Kinder, die ich hier treffe, sind genauso wie alle anderen Kinder auf der Welt. Gleichzeitig ist es mir aber auch wichtig, die älteren Deutschen zu treffen, sie haben nämlich die gleichen Probleme wie ich. Auch die erwachsenen Deutschen fragen sich: Wie konnte uns das passieren?

Welches Buch von den vielen, die Sie geschrieben haben, gefällt Ihnen selbst am besten?

Das ist schwer zu sagen, jedes Buch hat seine eigene Geschichte. Eines davon ist sicher die Insel der Vogelstraße, aber auch die Bilderbücher oder Lauf, Junge, lauf! gefallen mir.

Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden?

Nein, ich wollte immer nur stark sein, weil ich der Schwächste in der Klasse war; also Polizist oder Straßenbahnschaffner werden, da mir die Autos dann Platz machen müssen (lacht).

Wie sind Sie Schriftsteller geworden?

Menschen haben viele Begabungen, laufen, springen, malen. Ich konnte gut Geschichten erzählen und Menschen lieben es, gute Geschichten zu hören.

Warum haben Sie Ihre Erinnerungen aufgeschrieben?

Ein Jahr lang habe ich an den Bleisoldaten geschrieben, die heute aber nicht mehr verlegt werden. Lest einmal die kürzere Fassung davon, die Sandspiele. Ich schreibe dort, wie ich als Kind mit meinem Bruder Soldat gespielt habe, um so den Krieg zu überleben.

Sind Sie noch mit Ihrem Bruder befreundet?

Ja, wir haben ein gutes Verhältnis, aber manchmal nervt er mich auch …

Wie viele Bücher sind es eigentlich, die Sie inzwischen geschrieben haben?

Ca. 34; aber für alle verschiedenen Altersstufen.

Haben Sie auch Bücher auf Polnisch geschrieben?

Nein, nur Gedichte nach meinem Aufenthalt in Bergen-Belsen. Ansonsten habe ich nur Bücher auf Hebräisch geschrieben.

Wir haben im Unterricht Lauf, Junge, lauf! gelesen. Herr Orlev, wie lange haben Sie gebraucht, um dieses Buch zu schreiben?

Das ist eine lange Geschichte. Eines Tages kam eine Lehrerin, die uns über die Shoa unterrichtete, und erzählte, sie habe einen beeindruckenden Mann kennengelernt, groß;, mit langem Pferdeschwanz, der ihr eine Geschichte aus seiner Kinderzeit erzählt habe. Die Lehrerin hat mir gesagt, ich könne daraus ein Buch machen, ich habe den Mann dann in Jerusalem auf einem Parkplatz getroffen. Als er anfing, mir seine Geschichte zu erzählen, habe ich ihn gefragt, ob ich noch einmal wiederkommen und seine Geschichte mit Kassettenrekorder aufnehmen könne, er aber wollte mir die Geschichte gleich erzählen. Wir sind daraufhin zusammen in ein Café; gegangen und er hat mir alles so erzählt, als ob er immer noch der 9-jährige Junge sei. Außerdem bekam ich von ihm ein Band, das er für seine Tochter aufgenommen hatte. Ich habe dann angefangen zu schreiben: Neun Monate lang habe ich den Mann immer wieder angerufen und gefragt: Könnte es so gewesen sein? Er hat sich genau an die guten wie an die schlechten Dinge erinnert. Für mich war das wie eine Ampel an der Straße, die mir sagte, ob ich weitermachen konnte. Was für die Leser heute eher unwahrscheinlich ist, waren gerade die Sachen, die tatsächlich stattgefunden haben; dass der Junge unerwartet seinen Vater im Feld trifft zum Beispiel. Als ich das Manuskript fertig und dem Mann zugeschickte hatte, erzählte mir seine Frau, er sei ganz rot im Gesicht gewesen, als er es bekommen habe, und er habe gesagt, dies sei der schönste Tag in seinem Leben. Für mich war das bei allen Preisen der größte, den ich für das Buch bekommen habe.

Wieviel haben Sie für das Buch erfunden?

Man erinnert sich immer nur an einzelne Teile einer Geschichte, dazwischen habe ich mir schon etwas ausgedacht.

Herr Orlev, warum haben Sie eigentlich die Schule gehasst?

Mögt ihr denn die Schule? (Lacht) Nein? Eben. Erst nachdem ich eine Privatlehrerin hatte, hat mir das Lernen Spaß; gemacht. Einmal hat mich in der Schule ein Lehrer dabei ertappt, dass ich statt Rechnungen zu machen gezeichnet habe. Er hat mich am Ohr geschnackt und mich in eine höhere Klasse geschleppt, er wollte mich einfach beschämen. In manchen Schulen wurden Kinder damals geschlagen. Als ich einmal in Japan war, wurde mir dort erzählt, dass noch auf die Hände geschlagen wird. Wird bei euch noch geschlagen?

Nein.

Als ich noch ein Kind war in Polen, musste man sich in die Ecke stellen, bei besonders bösen Sachen musste man sich hinknien. Vorher wurden dann Erbsen auf den Boden geschüttet, damit es besonders wehtat, wenn man darauf kniete.

Wie haben Sie dann Mirjam Pressler kennengelernt?

Ich glaube, wir wissen das beide nicht mehr so genau. Wir kennen uns schon so lange, jedenfalls waren die Übersetzungen der Anlass dafür.

Liebe Frau Pressler, lieber Herr Orlev, wir danken Ihnen ganz herzlich für dieses Interview!

Und auch wir bedanken uns für die tollen Fragen der Schüler und bei Frau Kratz, die mit ihrer Klasse dieses Interview vorbereitet hat!

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Interview mit Anne-Laure Bondoux

Allgemeine Fragen zum Beruf der Autorin

1)      Wollten Sie schon immer Autorin werden?

Ja, es war mein Traum als Kind und als Jugendliche. Und es war der Traum meines Vaters.

Und warum sind Sie (schließlich) Autorin geworden?

Damit mein Papa stolz sein konnte auf seine Tochter.  – Nein, im Ernst, ein Körnchen Wahrheit steckt schon in meiner Antwort, denn jedes Mädchen möchte doch irgendwo seinem Papa gefallen.

 2)      Wurde Ihr erster Roman gleich veröffentlicht?

Nein, meine ersten drei Manuskripte wurden von den renommierten französischen Verlagshäusern, wo ich sie eingereicht hatte, weil ich so überzeugt war von meiner Arbeit, abgelehnt. Aber heute, wo ich Erfolg habe, kann ich rückblickend sagen, dass es wichtig ist, Misserfolge zu haben. Ebenso wichtig wie Liebeskummer!

Und worum ging es in dem ersten Roman, den Sie veröffentlicht haben?

Es ist ein Science-Fiction-Roman, der in der deutschen Übersetzung „Linus in der Stufenwelt“ heißt. Linus lebt in einer Gesellschaft, in der das Schicksal von Maschinen bestimmt wird, aber er würde sein Leben gerne selbst bestimmen.

 3)      Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf?

Meine Freiheit, zu arbeiten, wann ich will. Und ich treffe gerne meine Leser, weil man durch die Bücher etwas sehr Intensives teilt.

 4)      Haben Sie ein schriftstellerisches Vorbild oder ein persönliches?

Oh ja, mehrere. Ich mag die großen, klassischen französischen Schriftsteller wie z.B. Gustave Flaubert, aber ich habe auch Frauen als Vorbilder, wie z.B. Virginia Woolfe.

Fragen zu dem Roman „Die Zeit der Wunder“

 1)      Wie sind Sie auf die Idee gekommen, „Die Zeit der Wunder“ zu schreiben?

Der allererste Ausgangspunkt war der Wunsch, eine Geschichte über eine Frau mit unzerstörbarem Optimismus zu erzählen. In gewisser Weise ähnle ich Gloria, ich habe mein Mutterherz in diese Figur gelegt.

Kennen Sie einen Menschen, der Vorbild für die Figur Koumail war?

Nein, Koumail ist erfunden, aber es gibt viele kleine Koumails, in vielen Ländern.

 2)      Haben Sie die Länder, durch die Koumails Reise geht, selbst bereist?

Freilich habe ich mich über den Kaukasus informiert, aber ich war nicht dort. Was zählt, ist das Leid der Menschen in einer Kriegsregion, gleichgültig welche Gründe der Krieg hat.

 3)      Gibt es in dem Roman eine Stelle, die Sie persönlich besonders gerne mögen?

Eigentlich mag ich irgendwie alle Stellen, aber eine Stelle, die mich sehr berührt, ist der „Wettbewerb des Unglücks“, das Spiel, das Prudence Koumail vorschlägt und schließlich gewinnt.

4)      Würden Sie heute etwas an Ihrem Buch ändern?

Diese Frage stelle ich mir niemals. Wenn ein Buch gedruckt ist, gehört es dem Leser.

5)      Sprechen Sie eine der Sprachen, in die Ihr Buch übersetzt wurde?

Ich spreche ein bisschen Deutsch…and I speak english…

Lesen Sie die Übersetzungen Ihres Buches?

Die Verleger schicken mir die Übersetzungen zu und ich muss mein Einverständnis geben. Dabei vertraue ich den Verlegern.

Abschließende Fragen

 1)      Mögen Sie eines Ihrer Bücher besonders gerne?

Am liebsten mag ich immer mein nächstes Buch, sonst würde ich es nicht schreiben.

 2)      Gibt es ein Buch eines anderen Autors, das Sie als eines Ihrer Lieblingsbücher bezeichnen würden?

Im Jugenbuchbereich sind es die Bücher eines Kollegen, Jean-Claude Mourlevat, z.B. “Le combat d’hiver”.

 3)      Haben wir Sie etwas gefragt, was Sie noch nie in einem Interview gefragt wurden?

Es tut mir leid, euch das sagen zu müssen: Nein, es ist aber auch nicht so leicht eine Frage zu finden, die noch keiner gestellt hat.

 4)      Möchten Sie uns etwas sagen, was wir Sie nicht gefragt haben?

Ich gebe euch ein Beispiel einer außergewöhnlichen Frage, die mir einmal ein Junge gestellt hat, als er gehört hat, dass ich gerne lange ausschlafe, bevor ich an die Arbeit gehe. Er wollte wissen, ob ich im Schlafanzug arbeite.  Was ich übrigens niemals tue!

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„Me gusta jugar con las palabras“ – El escritor Daniel Nesquens en el White Ravens Festival

En la sala hay tres clases de Múnich y gente de México, Rumania, Japón y Estados Unidos. Es muy temprano, pero la sala está llena.

Al principio Daniel nos enseña como busca sus ideas para sus libros. También habla mucho con la gente, pregunta algo y deja a las personas preguntarle todo lo que quieren.

Daniel Nesquens es de España, de Zaragoza. Para mí es un hombre muy simpático y divertido. Se ríe todo el tiempo.

Para seguir, Daniel empieza a leer de uno de sus libros.

Después de la lectura, da el micrófono a la gente para que le pregunten algo.

La primera pregunta trata de la crisis financiera. En este momento Nesquens deja de sonreír y dice que es una cosa seria y que la situación en España está muy dura.

Público: “¿Cuántos libros ha escrito?”

Nesquens: “Aproximadamente sesenta libros.”

A Nesquens le encanta trabajar con piezas pequeñas. En sus libros se encuentran solamente capítulos muy cortos. Dice que así se entiende mejor la historia y se puede seguir más fácil. Además le gusta dejar cosas abiertas en sus libros, como un secreto donde se puede ver la solución solamente al final.

Para demostrarnos cómo empezar un texto y escribir la primera frase, nos enseña un juego de palabras. Por ejemplo, una frase empieza solamente con la letra “Y”: “Yacs Yantan Yogures”. Lo mismo puede hacerse con la letra “A”: “Alegres Avispas Arrojan Arroz Al Aire Azul”.

Después de este juego de palabras, deja otra vez que la gente le pregunte algo.

Chico: “¿Cuánto tiempo tarda en escribir un libro?”

Nesquens: “Depende del número de páginas y de la situación en la que escribo.”

Su primer libro salió a la venta en 2000, el libro se llama “Diecisiete cuentos y dos pingüinos”. Daniel tardó cinco años en terminarlo.

Daniel también dice que para llegar a ser un buen escritor es muy importante leer muchísimo. Escribir es muy importante para él porque así tiene la posibilidad de fugarse de la seriedad.

Daniel es un seguidor y fan del Real Zaragoza.

La última pregunta es por qué no escribe para mayores. Su respuesta es que los jóvenes no son tan previsibles como los mayores.

Su mensaje para la gente es: La literatura es una pasión y forma parte de nuestra vida.

Texto de nuestro bloguero invitado Andrei Craciunescu

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Vlad (7. Klasse) über den WRF12-Autor: Nikolaj Ponomarev

Im russischen Buch „Foto na razvalinach“ geht es um einen Jungen der Elisey heißt. Er fühlt sich alleine, weil seine Eltern nie Zeit für ihn haben und zeigt seine Gefühle mit hässlichen Fotos. Er fotografiert keine Blumen sondern Kernkraftwerke die nicht funktionieren. Hauptsächlich geht es in dieser Geschichte um Liebe, was für mich nicht so interessant ist. Er liebt ein Mädchen namens Natasha, das ihren Lehrer liebt und er versucht alles zu machen das sie mal ein Auge auf ihn wirft. Um das zu erreichen trifft er sich mit einer Freundin Natashas und tut so als wäre er mit ihr zusammen, damit Natasha ihn bemerkt. Na ja… Das Buch ist auf jeden Fall für Menschen empfehlenswert die Liebesgeschichten mögen, aber Leute die mehr Bücher Richtung Action lesen (wie ich) sollten lieber die Finger davon lassen. 😉

Aussergewöhnliches – Konstantina, Sophia und Svenja zum Bild des weißen Raben

Anlässlich des White Ravens Festivals entstanden in der Werkstatt für junge Autorinnen und Autorinnen, Texte zum Bild des Weißen Rabe. Welche Gedanken, Geschichten und Assoziationen löst das Bild, das in der Internationalen Jugendbibliothek für außergewöhnliche und herausragende Kinder- und Jugendliteratur steht, bei den jungen AutorInnen aus? Konstantina, Sophia und Svenja hatten im Rahmen des Get-Togehter bei der Eröffnung des White Ravens  Festivals ihre Texte live auf der Bühne vorgetragen.

Weiß; bin ich. Das stimmt. Im Winter mehr, im Sommer weniger. Wenn das Wetter mitspielt und die Regenschauer nicht in Dauerschleife laufen. Rot kann ich auch sein. Wenn mich im seltenen Falle ein Sonnenstrahl trifft. Ob ich rot werde, wenn mir etwas peinlich ist? Da bin ich mir nicht sicher. Ich stecke meine Nase nicht pausenlos in meinen Taschenspiegel, um den Puderstand meiner makellosen Nase zu überprüfen. Doch was weiß; ich schon über Weiß? Bin ich weise genug, um alle Fassetten von Weiß; zu kennen? Weiß; beinhaltet alle Spektralfarben. Eisbären sind weiß, aber nur ihr Fell, die Haut ist dunkel. Weiß; und Schwarz. Ein schwieriges Thema. Weiß; ist gut. Schwarz böse. Wie wäre es, das einfach zu vertauschen? Raben sind schwarz. Also weiß;. Tiefweiß. Wenn so ein weißer Rabe seine Flügel spannt und einen weißen Schatten über uns wirft, dann ist das selten, ein einmaliger Moment. Noch nie habe ich einen weißen Raben gesehen. Wie es wohl wäre? Dann sind auf einmal Puderdose, Regenschauer und Eiseskälte unwichtig. Dann strecke ich meine Nase gen Himmel um jeden Flügelschlag genau zu beobachten. Um den Moment ganz auszukosten, mein Glück zu spüren, dieses seltene, außergewöhnliche Wesen getroffen zu haben. Mit seiner Kraft kann man Wunder vollbringen. Außergewöhnliche Taten. Außergewöhnliches finden. Außergewöhnliche Menschen treffen. Außergewöhnlich sein.
Konstantina

Mut zum anderssein
Ein künstlicher Nagel nach dem anderen fällt auf den Boden. Manchmal frage ich mich wirklich, weshalb ich das alles tue. Hohe Hacken, tiefer Ausschnitt, aufgeklebte Fingernägel, alles Kram. Mein Blick fällt auf die Wiese vor mir. Vögel, überall Vögel. Gänse, Schwäne, Entchen, Raben, Tauben, Rebhühner, alle Farben und Formen und trotzdem große Gruppen, deren Mitglieder man nicht voneinander unterscheiden kann. Wie bei uns. Wir sind eine Gruppe von Raben, alle krächzen, meckern und sind ja irgendwie schon schlau, aber naja. Wir gleichen uns einander an, keiner traut sich aus der Reihe zu tanzen, sonst sind wir raus. Fast traue ich meinen Augen nicht, als zwischen den uniformen schwarzen Vögeln ein weißer hervorhüpft. Und da kommt es mir: Nur weil ich zu einer Art gehöre, heißt es nicht, dass ich nicht anders sein darf. Der weiße Rabe, der Inbegriff des Anderen und doch ist er nicht weniger ein Rabe als die schwarzen Tiere. Mut zum Anderssein, schießt es mir durch den Kopf. Mut zum Anderssein. Am nächsten Tag betrete ich die Schule in Schlabber-Pulli und Baggy-Pants, mein neues Erkennungszeichen auffällig ins Haar gesteckt: eine große Haarspange in Form eines weißen Raben.
Sophia

Kunterbunt schwarz weiß
Wer hat sich eigentlich dieses Wort ausgedacht? Schriftsteller. Lächerlich, als würde ich Buchstaben schön säuberlich, möglichst ästethisch und nach Verschnörkelungsgrad sortiert auf das Papier stellen wie in ein Bücherregal. Ich will sie lieber zerstückeln und auf den Kopf stellen und Kaugummiblasen aus ihnen machen, sie in die Luft schmeißen wie junge Vögel, zuschauen, wie sie wachsen, zu dunklen Schemen werden und auf dem Papier ihre gedankenschweren Kreise ziehen. Wer wäre so grausam, Bücher nur zu schreiben, um sie eines Tages in Regalkäfige zu sperren? Wenn dann müssen sie sich freiwillig niederlassen auf dieser hölzernen Hochspannungsleitung. Bei mir drängen sie sich wie eine Kette aus kunterbunten Zuckerringen, wie Smarties. Ziemlich reglos, muss ich sagen, noch nie hat eins nach mir gepickt. Trotzdem, entzückender Anblick, das literarische Federvieh, wunderschön herausgeputzt. Fehlt nur noch, dass ich ihnen rosa Schleifchen um die Schwanzfedern binde. Aber dann, wenn es Abend wird und die Federkleider ihre Farbe verlieren, erinnern mich meine Bücher plötzlich an schwarzgraue Raben, kläglich und zerrupft. Der eine hat sich die Struktur gebrochen, dem anderen hängen die Formulierungen schief, der nächste kann nicht krächzen und ein vierter steckt schon allein bei dem Gedanken an sich selbst den Schnabel ins Gefieder. Und dann starre ich die halbe Nacht auf diese erbärmliche Hochspannungsleitung und verfalle in unruhige Träume. Von weißen Raben. Am Tag nicht bunt, in der Nacht nicht schwarz. Mein einziger Trost sind diese Raben neben meinen eigenen, so blendend weiß;. Stundenlang versuche ich mir einzureden, auch sie hatten schwarze Stellen. Pippi Langstrumpf zum Beispiel, ihre Federn sind übersät mit kleinen schwarzen Punkten, das kleine Gespenst hat sich einen üblen Sonnenbrand zugezogen und dieses Kerlchen namens Max und Moritz leidet an Persönlichkeitspaltung. Und dann lach ich und hab das Gefühl, weiße Raben auszutricksen. Und lach am Schluss über meine eigene Einbildungskraft. Einbildung ist oft das einzige, was mich hält. Auf dieser schaukelnden, literarischen Hochspannungsleitung. Nur die Idee in unseren Köpfen wird immer ein schneeweißes Ideal bleiben. Darum schreibe ich die Geschichten, die sich nach mehr als kunterbunt schwarzen Raben anfühlen, auch nur noch mit weißer Tinte.
Svenja

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