Abschlussbericht: Jugendliteratur und Soziale Netzwerke JL 2.0. Eine Pilotstudie

1. Fragestellung

Anfang des Jahres 2012 startete die Internationale Jugendbibliothek die von der Bayerischen Sparkassenstiftung geförderte Pilotstudie „Jugendliteratur und Soziale Netzwerke JL 2.0“, die Ende August ausläuft. Die Studie wurde im Herbst 2011 als Pilotprojekt konzipiert, um am Beispiel der Jugendliteratur die Spielräume von Kulturinstitutionen für ihre kulturelle Vermittlungsarbeit in den sozialen Netzwerken exemplarisch auszuleuchten. Es ging um die Frage, ob soziale Netzwerke neue Aktionsfelder neben klassischen Formen der Präsentation und Vermittlung von Kultur – beispielsweise Ausstellungen, Autorenlesungen, Illustratorenworkshops oder Podiumsdiskussionen – bieten können und wie diese neuen Spielräume genutzt werden können. Mit Blick auf die Generation der Digital Natives wird sich jede Kulturinstitution diese Frage über kurz oder lang stellen.

Im vorliegenden Fall lotete das Projekt die Möglichkeiten, Potentiale und Grenzen der sozialen Netzwerke für die Vermittlung anspruchsvoller Jugendliteratur aus. Dahinter standen folgende Fragestellungen:

Können Jugendliche, die soziale Netzwerke wie Facebook für den persönlichen Chat mit Freunden nutzen, auch für einen öffentlich geführten Austausch über Jugendbücher und jugendliterarische Themen gewonnen werden?

Gelingt es einer Kulturinstitution, in unserem Fall der Internationalen Jugendbibliothek, mit Jugendlichen in ein Gespräch über Jugendliteratur in den sozialen Netzwerken zu kommen, obwohl das Web 2.0 gerade von Jugendlichen als ein von den Erwachsenen abgeschirmter privater Raum genutzt und verstanden wird?

Können bewährte Strategien der kulturellen Bildung, wie sie sich beispielsweise in der Zusammenarbeit mit Schulen entwickelt haben, ausgebaut werden, indem man die Plattformen der sozialen Netzwerke einbindet?

Kann kulturelle Bildung gleichzeitig und mit einem Mehrwert in den zwei Welten, der digitalen und der analogen, betrieben werden?

 

2. Durchführung

Die Studie wurde im Vorfeld und während des White Ravens Festivals für Internationale Kinder- und Jugendliteratur durchgeführt, das vom 15. bis 20. Juli 2012 in der Internationalen Jugendbibliothek in München auf Schloss Blutenburg und in 35 weiteren Städten und Orten in Bayern stattfand. Zum Festival waren 14 Kinder- und Jugendbuchautoren aus dem In- und Ausland eingeladen, darunter sieben Jugendbuchautoren, von denen zwei bisher nicht ins Deutsche übersetzt worden sind. Alle Autorinnen und Autoren schreiben literarisch außergewöhnliche Jugendbücher und sind keine marktgängigen Selbstläufer.

Unsere Aktivitäten konzentrierten sich darauf, den Auftritt der sieben Jugendbuchautoren auf dem Literaturfestival vorzubereiten und Jugendliche und junge Erwachsene für die Person und das Werk der White-Ravens-Autoren zu interessieren. Da nicht der kommerzielle Erfolg, sondern die literarische Qualität der Texte ausschlaggebend für die Autorenauswahl war, konnten wir nicht auf bereits existierende Fangemeinden im Netz, wie es sie für Bestseller-Autoren gibt, bauen. Die Studie begann sozusagen bei Null.

Im Folgenden werde ich die praktische Durchführung des Projekts nicht im Detail beschreiben – die Studie wurde laufend auf einem begleitenden Blog, dem „Nest“, dokumentiert, und ein Handbuch ist in Vorbereitung, das ab Anfang nächsten Jahres als E-Book veröffentlicht wird –, sondern ich werde den Aufbau und die Umsetzung summarisch nachzeichnen, um zu einer abschließenden Bewertung zu kommen.

 

 

 

2.1 Auftritte auf verschiedenen Plattformen

Das Projekt wurde im Haus von zwei Mitarbeiterinnen durchgeführt, die von dem auf die Zusammenarbeit mit Kulturinstitutionen spezialisierten Transmedia Experten Frank Tentler beraten und unterstützt wurden. Anfang des Jahres richteten sie verschiedene Plattformen für den Auftritt in den sozialen Netzwerken ein und bespielten diese sukzessive mit Texten, Bildern, Filmen und weiteren Informationen. Das Projekt ruhte auf drei tragenden Säulen:

1.       Facebook: eine Art „Schaufenster“ mit Schlagzeilen, Links zu Beiträgen und Ort spontaner Kommunikation

2.       Das Blog: Zentrum des Projekts, auf dem alle eigenen Beiträge und die Beiträge von Gastbloggern veröffentlicht wurden.

3.       Twitter: Medium für die schnelle Kommunikation mit der professionellen Social-Media-Community und später, während des Festivals, Ort der Echtzeitübertragung.

Hinzu kamen Nebenschauplätze wie die Videokanäle vimeo und youtube sowie die Fotogalerien flickr.com und Pinterest. Außerdem richteten wir ein Dokumentationsblog, „Das Nest“, ein, auf dem wir regelmäßig über unsere strategischen Überlegungen und Entscheidungen berichteten. Dieses Blog richtete sich vor allem an Social-Media-Experten, die sich für die Pilotstudie interessierten.

 

2.2 Die Erzählstruktur

In der Aufbauphase des Projekts, Anfang des Jahres bis Anfang Juni, ging es darum, das White Ravens Festival bekannt zu machen, Aufmerksamkeit zu gewinnen und längerfristig Interessenten an unseren Auftritt zu binden. Dafür entwickelten wir verschiedene „Erzählstränge“, die dem Projekt eine Struktur und ein eigenes Gesicht gaben und Lust machen sollten, die Seiten regelmäßig zu besuchen. Mit Fotos und kleinen Videos stellten wir die Internationale Jugendbibliothek auf Schloss Blutenburg, den zentralen Veranstaltungsort des Festivals, vor, führten durchs Schloss, die Museen, den Lesesaal, das unterirdische Magazin, den Schlosshof und die Kinderbibliothek. In der Reihe „Hinter den Kulissen“ erzählten die Mitarbeiter der Internationalen Jugendbibliothek in kurzen Filmsequenzen über ihre Aufgaben während des Festivals und über ihre Arbeit im „Bücherschloss“. Zur Stärkung des Labels „White Ravens“ riefen wir zu einem über mehrere Wochen laufenden Fotowettbewerb „White Raven on Tour“ auf. An jedem Freitag gab es einen „Buchtipp fürs Wochenende“, verfasst von Mitarbeitern des Hauses und bald auch von Gastbeiträgern. In dieser Reihe wurden nach und nach auch die Festivalautoren und ihre Bücher eingeführt.

Diese „Reihen“, die in einen wöchentlichen Turnus eingebaut wurden, gaben dem Projekt einen klaren Rhythmus und sollten für einen Unterhaltungswert sorgen, während tagesaktuelle Nachrichten auf Literaturpreise, Tagungen, Buchmessen und andere News aus der Kinder- und Jugendliteraturszene hinwiesen. Strategisch wichtig war, dass die Erzählstränge im Vorfeld entwickelt und nach einem zeitlich getakteten Drehbuch präsentiert wurden.

 

2.3 (An)sprache

Da die Studie das Gespräch mit Jugendlichen anstrebte, wurden alle Beiträge bewusst im Sprachduktus an Jugendliche adressiert. Am Anfang posteten wir Nachrichten ausschließlich in deutscher Sprache, verfassten bald aber auch einzelne Beiträge auf Englisch, um die etwa 15% internationalen Follower, die uns die Länderstatistik auswies, zu halten. Im Laufe des Projekts stieg der Anteil englischsprachiger Beiträge deutlich, doch das Deutsche blieb bis zum Ende die wichtigste Kommunikationssprache. Wir stellten auch Beiträge in weiteren Sprachen, etwa auf Russisch, ein, versuchten aber, die Sprachenvielfalt nicht zu weit aufzufächern, da dies die Gefahr birgt, dass die Adressierung unscharf wird und man dadurch Bindungen verliert.

 

 

2.4 QR-Code und der Einsatz traditioneller Werbemittel

Die Aktivitäten im Web 2.0 wurden durch traditionelle Bewerbungsformate unterstützt. Vor allem der QR-Code, der noch vor einem Jahr eher als Spielerei betrachtet wurde, sich aber in diesem Jahr durchgesetzt hat, erwies sich als Türöffner zur zentralen Projektseite, von der aus alle relevanten Plattformen angesteuert werden konnten. Wir bewarben die Studie mit einem kurzen Text, QR-Code und der bit.ly-Adresse im Jahresprogramm und Festivalprogramm, druckten ansprechende „Visitenkarten“ mit QR-Code und bit.ly-Adresse und schalteten eine Anzeige zum Festival, immer mit Hinweis auf das Projekt. Ein Abreißzettel, wie man ihn von Wohnungssuchenden kennt, mit dem Aufruf „Buchfans 2.0 gesucht“ richtete sich direkt an Jugendliche mit der Angabe der Web-Adresse und dem Kontakt des Web-2.0-Teams. Lehrerinnen und Lehrer, die sich mit einem Bewerbungsbogen für eine Veranstaltung auf dem Festival anmelden mussten, luden wir außerdem in einem Anschreiben ein, mit ihren Klassen an der Studie teilzunehmen.

 

2.5 Die Entwicklung des Projekts. Schritt 1: Aufbauphase

Das Projekt startete im Februar ohne einen bereits existierenden „Freundeskreis“, weil die Internationale Jugendbibliothek bis dahin noch nicht im Web 2.0 aktiv war. Dennoch gelang es mit den oben beschriebenen Erzähl- und Werbestrategien innerhalb weniger Monate, das Projekt, das White Ravens Festival und den Veranstalter, die Internationale Jugendbibliothek, in den sozialen Netzwerken ins Gespräch zu bringen und sich einen Namen innerhalb Deutschlands und darüber hinaus zu machen. Dafür sprachen die Zahlen, die bis Anfang Mai erreicht wurden: 2.700 Freunde auf Facebook, 580 Followers auf Twitter, ein Kloutwert von 45, mehr als 5.000 Aufrufe der Blogbeiträge. Der Personenkreis, den wir bis zu diesem Zeitpunkt erreichten, setzte sich aus Social-Media-Experten aus Museen, Bibliotheken, Verlagen, Orchestern, Theatern und anderen Kultureinrichtungen sowie aus Autoren, Illustratoren und Jugendbuchleuten aus aller Welt zusammen. Jugendliche waren kaum dabei. Es gingen lediglich einige Blogbeiträge, meistens Buchempfehlungen, ein; die Kommunikation auf Facebook mit interessierten Jugendlichen entwickelte sich schleppend.

 

2.6 Die Entwicklung des Projekts. Schritt 2: Jugendliche steigen ein

Im Juni suchten wir deshalb das direkte Gespräch mit Lehrerinnen und Lehrern. Wir bemühten uns, sie davon zu überzeugen, dass das Projekt eine sinnvolle Auseinandersetzung mit Jugendliteratur anregen könne und die Mitgliedschaft bei Facebook, einem bei Eltern und Lehrern weitgehend negativ besetzten Medium, nicht notwenig sei, da wir alle Beiträge sammeln und auf dem Festivalblog oder anderen Kanälen veröffentlichen würden. Diese Maßnahme führte zum Erfolg, und damit trat das Projekt in eine neue Phase. Ab Mitte Juni erhielten wir zahlreiche Buchbesprechungen von Schülerinnen und Schülern, oft zu ihren Lieblingsbüchern, aber auch zu den Texten der Festivalautoren, die wir in Auszügen in einem Reader zugänglich gemacht hatten. Eine engagierte Mittelschule bereitete sich auf die Lesung eines deutschen Jugendbuchautors mit einem Video-Tagebuch vor, das täglich auf der White-Ravens-Facebook-Seite eingestellt wurde. Der Autor kommentierte die Beiträge der Schüler und nahm den Dialog mit ihnen auf. Die Kommunikation auf Facebook brummte, die Followerzahlen stiegen, jugendliche Gastblogger meldeten sich bei uns, die direkt vom Festival berichten wollten. Kurz vor Festivalbeginn hatten wir ein wichtiges Ziel erreicht: Jugendliche waren ins Gespräch eingestiegen. 

 

2.7 Die Entwicklung des Projekts. Schritt 3: Das White Ravens Festival

Vom 15. bis 20. Juli fand das White Ravens Festival statt. 86 Veranstaltungen – Lesungen, Workshops, Schreibwerkstätten, musikalisch-literarische Auftritte und Autorengespräche – standen auf dem Programm, insgesamt 7.500 Besucher wurden gezählt. Die Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland traten in Schulen, Bibliotheken, Museen, Volkshochschulen und in einem Club auf.

Von dem Festival wurde umfassend auf allen Kanälen, vor allem im Blog und auf Twitter, berichtet. An der Berichterstattung in den sozialen Netzwerken nahmen Schülerinnen und Schüler, jugendliche Gastblogger, Studenten – darunter eine amerikanische Studentengruppe, die eigens zu dem Festival angereist war – erwachsene Besucher aus dem In- und Ausland sowie Social-Media-Experten und während des Projekts gewonnene Social-Media-Freunde teil. Diese waren zur Eröffnung zu einem Tweet-up eingeladen, einer Echtzeitübertragung auf Twitter, und einige waren der Einladung gefolgt. Da der White-Ravens-Twitter-Account Mitte Juli mehr als 1.200 Follower zählte, darunter eine Reihe sog. „Influencer“ aus dem Kulturbereich, konnten – laut zeitnahem Monitoring – mehrere 100.000 Personen die Übertragung von der Eröffnung und von vielen weiteren Veranstaltungen verfolgen, von denen in den folgenden Tagen auf Twitter mit Bildern, Videos und Kommentaren berichtet wurde. Höhepunkte für die Twitterer waren die Eröffnung sowie die Abendveranstaltungen im Jüdischen Museum, in der Internationalen Jugendbibliothek und in einem Münchner Club.

Auch das Blog lief seit Beginn des Festivals mit Beiträgen voll: Wir hatten mit Christian Spließ einen professionellen Blogger engagiert, der von den Lesungen auf Schloss Blutenburg berichtete. Christoph Müller-Girod, Videoproduzent und Fotograf, filmte am Eröffnungstag, sammelte mit der Kamera Eindrücke und führte Interviews mit den Organisatoren. Dazu erreichten uns unzählige Gastbeiträge von Besuchern (viele davon in Englisch), von jugendlichen Gastbloggern und von Schülerinnen und Schülern, in denen sie ihre persönlichen Eindrücke vom Festivalbesuch festhielten. Andere führten Interviews mit den Autoren, die sie verschriftlichten, an uns schickten und auf die Homepage ihrer Schulen stellten, oder drehten ein Video. Auf Facebook posteten wir Links zu Berichten im Fernsehen und Radio und luden Videos von einigen Lesungen hoch.

Das White Ravens Festival sei ein „Social Media Feuerwerk“ gewesen, urteilte eine Social-Media-Expertin auf ihrem Blog unmittelbar nach dem Ende des Festivals.

 

2.8 White Ravens Dokumentation

Um die unüberschaubare Fülle an Beiträgen, Bildern und Videos, die während des Festivals geschrieben und produziert und auf verschiedenen Kanälen veröffentlicht wurden, noch einmal zentral und einfach nachlesen und anschauen zu können, bauten wir im Laufe des Augusts eine Dokumentationsseite auf, von der aus die gesammelten Blogbeiträge der Jugendlichen und der erwachsenen Blogger sowie die Videos und Bilder vom Festival aufgerufen werden können.

 

3. Ergebnisse

Nach einer fast einjährigen Laufzeit (von der Konzeption bis heute) lässt sich festhalten, dass das Projekt viele unerwartete Wendungen genommen hat, dass es eine Wirkung entfaltete, die nicht vorhersehbar war, und dass sich die Einbeziehung der sozialen Netzwerke in die kulturelle Vermittlungsarbeit mit Jugendlichen als eine Bereicherung erweisen kann. Dazu sind aber genau durchdachte Strategien, großer Einsatz und Aufwand sowie die direkte Ansprache von Lehrerinnen und Lehrern oder von anderen Vermittlern notwendig.

Es ist gelungen, die sozialen Netzwerke als ein neues Aktionsfeld der Literaturvermittlung für Jugendliche zu erschließen. Dabei eröffnen sich in der Zusammenarbeit mit Schulklassen und Lesegruppen in Schulen interessante Wege. Die Öffentlichkeit der sozialen Netzwerke bietet Jugendlichen einen Anreiz, sich kreativ und unmittelbar zu Büchern zu äußern. Die Hemmschwelle, eigene Ansichten zu Romanen zu äußern oder Empfehlungen zu geben, scheint niedriger zu sein. Dafür sprechen die vielen Beiträge jugendlicher Gastblogger zu den Veranstaltungen und zu ihren Lieblingsbüchern, die wir aus den Schulen erhalten haben.

Eine neue Qualität für die kulturelle Vermittlungsarbeit zeichnet sich ab, wenn man das dialogische Potential der sozialen Netzwerke nutzt. Vor allem die Möglichkeit der spontanen Kommunikation auf Facebook führt dazu, dass Jugendliche aktiv und kreativ als respektierte Gegenüber eines Autors auftreten können. Die Begegnung mit einem Schriftsteller kann etwa durch Videobotschaften oder „Fragen an den Autor“ vorbereitet werden. Im Idealfall nimmt der Autor das Gesprächsangebot im Netz auf und tauscht sich schon im Vorfeld mit den Jugendlichen aus. Man „kennt sich dann schon“, wenn die Lesung stattfindet. An die Stelle der trockenen Schullektüre tritt die Erfahrung, den Autor mit seinem Werk erleben zu können, Literatur wird konkret und besser begreifbar, der Mensch dahinter sichtbar. Das kann ein Verständnis für die existentielle Dimension literarischen Erzählens wecken.

Der Erfolg solcher neuen Vermittlungsmodelle setzt das Engagement der Lehrerinnen und Lehrer voraus, sich den produktiven Möglichkeiten der sozialen Netzwerke zu öffnen. Hier stehen wir noch am Anfang, da die Vorbehalte der Lehrerinnen und Lehrer (wie auch der Eltern) gegenüber den Social Media groß sind. Die gelungenen Projekte (etwa der Mittelschule Situlistraße in München), die sich im Rahmen dieser Studie entwickelten, sollen deshalb als Vorbild dienen und dazu ermutigen, das positive Potential der sozialen Netzwerke zu nutzen. Dadurch können soziale Netzwerke an der Seite bewährter Vermittlungsformen mit Mehrwert in der kulturellen Bildung eingesetzt werden.

Da die Studie an das White Ravens Festival gebunden war und damit in Kürze ausläuft, ist noch nicht abzusehen, ob wir die Jugendlichen, die im Vorfeld und während des Festivals sehr intensiv an dem Projekt teilnahmen, auch weiterhin für die Aktivitäten der Internationalen Jugendbibliothek interessieren können. Dies wird sich zeigen, wenn wir mit den White-Ravens-Plattformen auf die Seiten der Internationalen Jugendbibliothek umgezogen sind.

Vollkommen überraschend war die Resonanz und Aufmerksamkeit, die das Projekt in Social-Media-Fachkreisen bekam. Die Aktivitäten wurden von deutschen und auch von einigen ausländischen Kulturinstitutionen rege beobachtet, begleitet und verfolgt. Ohne dass wir gezielt eine Öffentlichkeit dafür suchen mussten, hat sich schon jetzt der Modellcharakter des Projekts herausgestellt. Dazu trug auch das Dokumentationsblog „Das Nest“ bei, das sehr gut besucht wurde.

Damit wurde ein Nebeneffekt erzielt, der bei der Konzeption des Projekts keine Rolle gespielt hatte: Die Internationale Jugendbibliothek und das White Ravens Festival fanden in der deutschen Kulturlandschaft eine neue Öffentlichkeit, die wir durch unsere üblichen PR-Maßnahmen nicht erreicht hätten.

Zum Schluss noch eine Bemerkung in eigener Sache: Das Projekt konnte nur dank des großen Engagements und der Kreativität des Web-2.0-Teams im Haus diesen Erfolg erreichen. Daher gilt Tanja Leuthe und Petra Wörsching mein herzlicher Dank, und ebenso Frank Tentler, dem Profi und Motivator im Hintergrund.

 

4. Das Projekt in Zahlen

Die folgenden Zahlen hat Frank Tentler zusammengestellt:

Klout-Wert (August 2012): 60

Facebook: 2.887 Fans (Juli 2012). Die Beiträge auf Facebook wurden durchschnittlich 300 Mal gelesen. Während des Festivals unterhielten sich täglich mehr als 100 Personen über den Event, es wurden 5.344 Nutzer erreicht.

Twitter: 1.228 Followers. 215.000 Twitter-Nutzer haben Nachrichten über das White Ravens Festival erhalten. Bei TweetGrader erreichte das Projekt nach dem Festival 94 von 100 Punkten.

 

Dr. Christiane Raabe

15. August 2012

JL 2.0 – Wie lief die Zusammenarbeit mit Schulen und Jugendlichen?

Der Kern der Pilotstudie „Jugendliteratur und soziale Netzwerke“ war die Kommunikation von Jugendlichen über Jugendliteratur im Social Web anzuregen und eine aktive Projektbeteiligung anzuregen. Damit soll das Potential sozialer Netzwerke für eine kulturelle Bildungsarbeit ausgewertet werden. Im Moment sind wir, direkt nach dem Festival noch in der Auswertung der Studienergebnisse. Allerdings kann an dieser Stelle bereits ein Einblick über die Zusammenarbeit mit Lehrern, Schülern und Jugendlichen geben werden.

Welche Strategien und Vorgehensweisen haben wir genutzt, um Jugendliche zwischen 13-20 Jahren für eine Projektbeteiligung zu gewinnen? Wie sind die Strategien und Vorgehensweisen sind im Nachhinein zu bewerten?

Bekanntmachung über Printprodukte: Bei einer ersten Vorgehensweise, versuchten wir über Printprodukte die Bekanntheit des Projektes zu steigern. Hergestellt und verbreitet wurden Visitenkärtchen mit „Follow the White Raven…“ (mit QR-Code), so wie Abrisszettel „Buchfans 2.0 gesucht“, die Neugierde auf das Projekt wecken sollten. Diese Hilfsmittel sind sowohl digital – auf unseren Social Web Kanälen – als auch postalisch an Jugendzentren, Schulen, Bibliotheken und persönlichen Kontakten gestreut worden.

Wie erfolgreich waren diese Vorgehensweise? Anhand der Anklick-Zahlen auf unseren Blogbeiträgen konnte nachvollzogen werden, dass das Projekt durch diese Versandaktion mehr Bekanntheit erlangt hat und von immer mehr Leuten verfolgt wurde. Kontaktiert haben uns anfänglich allerdings vor allem Interessierte, die altersbedingt nicht mehr oder (mit Ihren Kindern) noch nicht zu der angesprochenen Zielgruppe gehörten. Natürlich waren all diese neuen Kontakte gewinnbringend und die positiven Reaktionen erfreulich. Allerdings hatten wir nach der Verbreitung der Printprodukte noch nicht das Vorhaben mehr Jugendliche für eine direkte Teilhabe zu gewinnen erreicht.

Lehrerfortbildung: Auch in einer Lehrerfortbildung (am 14. Juni) zum Thema „Literarische Vermittlungsarbeit mit Schulklassen“ wurden neben anderen Formen der Vermittlungsarbeit, das Projekt vorgestellt. In verschieden Beispielen bekamen die Lehrer Anregungen dafür, wie und in welcher Form sie mit der Klasse teilhaben können – von Blogbeiträgen, Buchtrailern, Facebook-Diskussionen, oder dem Angebot ein tweet-Up mit einem Autor zu machen. Neugierde aber auch Skepsis und Misstrauen gegenüber dem Thema Social Media war von Seiten der Lehrer gleichermaßen zu spüren.

Persönliche Kontaktaufnahme: So richtig in Gang kam die Beteiligung von Jugendlichen am Projekt über die direkte Kontaktaufnahme mit Lehrern und Schulklassen. Die Lehrer, die bei der Anmeldung zu einer Lesung beim Festival Interesse für eine Projektbeteiligung bekundet hatten, wurden von uns persönlich kontaktiert. Für viele war die Einbindung von Schülern in ein Social Web Projekt und der Beteiligung als Gastblogger etwas ganz fremdes und „abtraktes“. Wir merkten daher schnell, dass für viele Lehrer ganz konkrete Beispiele und Anregungen an Beiträgen und Beteiligungsformen nötig sind. Schönerweise entwickelten sich über persönliche Kontakte, Treffen und Telefonate spannende Beteiligungen am Projekt und wurden konkrete Anregungen von unserer Seite auf interessante und vielseitige Weise umgesetzt.

Beispiele:

Eine der schönsten Beispiele für eine Projektbeiteiligung ist die Zusammenarbeit mit der Lehrerin Annabelle Staples, die mit der 9c der Situlischule (einer Mittelschule) ein Videotagebuch in Vorbereitung zur Lesung mit Nils Mohl machte, das jeden Tag auf der Festival-Facbook-Seite gepostet wurde. Da der Autor selber auf Facebook aktiv ist, konnte so schon vor der Lesung ein direkter Austausch zwischen den jungen Lesern und dem Autor stattfinden. Bei der Lesung in der Internationalen Jugendbibliothek gab es dann ein freudiges „analoges“ Kennenlernen. Zudem führten die Schüler ein Interview, das auch per Video aufgenommen und online gestellt wurde. Der Autor war so begeistert von der Klasse, dass er am nächsten Tag als kleines Dankeschön der Klasse einen ganz persönlichen Besuch im Unterricht abstatte.

Auch mit dem Max-Planck-Gymnasium ergab sich eine fruchtbare Zusammenarbeit. Nachdem der Deutschlehrer Lorenz Reichenbach auf unser Projekt aufmerksam wurde, setzte er sich mit uns in Verbindung, denn wie es der Zufall wollte, behandelte er gerade mit seiner 7. Klasse das Thema Blogs und soziale Netzwerke. Ein besonders Highlight war es für das Webteam in die Schule eingeladen zu werden und im Unterricht über das Projekt zu informieren und mit den Schülern über die Vorteile und Risiken von sozialen Netzwerken wie Facebook zu diskutieren. Im Anschluss an unseren Besuch verfassten die Schüler die verschiedensten und allesamt beeindruckenden Beiträge – von Buchtipps oder Reflektionen zum Thema Soziale Netzwerke.

Mit dem Kurt-Huber-Gymnasium München hatte sich über die engagierte Lehrerin Eva Nonnenbroich ebenfalls eine tolle Projektbeteiligung entwickelt. Bei einem Besuch der von ihr geleiteten Literaturkritik-AG lernten wir die Kids persönlich kennen und konnten uns mit den jungen Literaturexperten austauschen. Viele interessante Buchtipps von Jugendlichen für Jugendliche sind so bereits Wochen vor dem Festival auf dem White Ravens Blog und in den sozialen Netzwerken gepostet worden. Beim Festival selber hatte die Gruppe ein Interview mit der französischen Autorin Anne-Laure Bondoux vorbereitet. Dabei gab es eine schöne innerschulische Kooperation mit dem Französischkurs, der das Interview für die Gruppe auf Französisch führte und zusammen mit der Lehrerin rückübersetzte!

Jugendliche Gastblogger unabhängig von Schulen

Sehr erfreulich ist, dass sich beim Projekt auch unabhängig von Schulklassen Jugendliche am Projekt beteiligt haben. So schrieb beispielsweise Paulina über ihre Eindrücke bei der Lesung mit Jutta Richter. Die jungen Autorinnen zwischen 15-20 Jahren aus der Autorenwerkstatt der Internationalen Jugendbibliothek beteiligten sich mit eigenen literarischen Texten zum Bild des weißen Raben. Und Eleonora (13) die aus Italien kommt und die Bibliothek zusammen mit ihrer Mutter besucht, hat ihre Eindrücke vom Eröffnungsfest in einem Video festgehalten. Einen ganz fleißigen Gastblogger hatten wir mit Andrei Craciunescu (18) gefunden. Er besuchte gleich drei der Veranstaltungen: die Abendveranstaltung mit Uri Orlev und Mirjam Pressler, den Abend im Import Export mit Nils Mohl und eine spanischsprachige Lesung mit Daniel Nesquens. Zu jeder der Veranstaltung schrieb er Blogbeiträge über seine Eindrücke und Gedanken zur Veranstaltung. Bei der spanischen Lesung verfasste er den Beitrag sogar auf Spanisch!

 

Resümee

Zusammenfassend kann erfreulicherweise festgestellt werden, dass es gelungen ist Jugendliche sowohl über Schulklassen, als auch unabhängig von Schulen für eine aktive Teilhabe am Projekt zu gewinnen. Bei den verschiedenen Vorgehensweisen, die beschriebenen wurden, bleibt festzuhalten, dass gerade bei einer für Lehrer noch fremden und neuen Art der Literaturvermittlung und der oftmals verbreiteten Skepsis gegenüber dem Social Web, der direkte und persönliche Kontakt zu Lehrern unumgänglich ist. Mit der Bekanntmachung des Projekts über Printprodukte und einem allgemeinen Aufruf zur Beteiligung war es daher noch lange nicht getan.

Wir freuen uns über alle Beiträge von Jugendlichen, die im Rahmen des Projekts entstanden ist und möchten uns an dieser Stelle bei allen beteiligten Lehrern, Schulklassen und jugendlichen Gastbloggern herzlich bedanken!

Das Webteam Petra Wörsching und Tanja Leuthe

Zwischenbericht: Jugendliteratur und Soziale Netzwerke JL 2.0. Eine Pilotstudie

Vor einem Jahr regte Dr. Ingo Krüger, Geschäftsführender Vorstand der Bayerischen Sparkassenstiftung, in einem Gespräch mit mir an, eine Pilotstudie zum Thema „Jugendliteratur und soziale Netzwerke“ im Zusammenhang mit dem White Ravens Festival für internationale Kinder- und Jugendliteratur durchzuführen. Fast ein Jahr später ist die Studie in vollem Gange und wird im Juli in die Endrunde gehen. Ich möchte heute einen kurzen Rückblick geben und eine Standortbestimmung versuchen. Dabei schreibe ich aus der Perspektive der Beobachterin, die regelmäßig die Aktivitäten auf den verschiedenen Foren verfolgt, und mit den Vorstellungen und Erwartungen, die ich bei der Konzeption des Projekts hatte, vergleicht. Weiterlesen