100 Jahre Josef Guggenmos

von Jutta Reusch

Josef Guggenmos (2.7.1922 – 25.9.2003) war einer der erfolgreichsten Kinder- und Jugendlyrik-Autoren der Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts. Bis heute sind seine Gedichte in zahlreichen Schulbüchern abgedruckt und werden in Anthologien immer wieder neu aufgelegt.

Viele von Guggenmos‘ Gedichten sind den Gattungen Naturlyrik, Nonsense-Gedicht, Limerick, aber auch einige der (umwelt-)politischen Lyrik zuzuordnen. Hans-Heino Ewers schreibt über sein Werk: „Ein [Kinderlyriker] ist Guggenmos nicht deshalb, weil er Gedichte für Kinder verfasst, sondern allein deshalb, weil er in Kindern ein Publikum sieht, das er in besonderer Weise für geeignet hält, am eigenen lyrischen Erleben von Ich und Welt, von Umwelt und Natur teilzuhaben. 1

© Josef Guggenmos Erben

Mit seinem Gedichtband „Was denkt die Maus am Donnerstag?“ erhielt Josef Guggenmos 1968 die Prämie zum Deutschen Jugendbuchpreis. Damit wurde er als Autor sehr bekannt und sein gleichnamiges Gedicht zu einem seiner erfolgreichsten und meist zitierten.

Guggenmos‘ Gedichte halten feine, unscheinbare Beobachtungen und Eindrücke fest, so beispielsweise das Frühlingserwachen einer Kastanie:

Der Kastanienbaum

Hat Knospen
dick, klebrig und braun.
Jede Knopse ist eine Faust
da drin
hält er verborgen ein Ding.

Zieht der Mai ins Land
tut er auf jede Hand.
Was kommt da heraus?
Ein Blätterzweig
und manchmal sogar
ein ganz herrlicher Blumenstrauß

Aus: Kliewer, Heinz-Jürgen: Elemente und Formen der Lyrik. Hohengehren, Burgbücherei Schneider, 1974, S. 91

Und sie verkörpern eine tiefe Verbindung aller Lebewesen, also ein Lebensgefühl, das viele Kinder noch unmittelbar erleben.

Wegwarte

Da stehst du am Weg,
stehst immerzu.
Wegwarte am Weg,
auf wen wartest du?

Mit blauen Augen
Schaust du mich an.
Was weiß ich,
was ich dir sagen kann?

Wegwarte, rauhe,
du bist so schön, du bist da.
Du bist du, ich bin ich.
Was lebt, ist sich nah.

Aus: Ein Dichter, der für Kinder schreibt: Josef Guggenmos. Weinheim: Beltz 1992
© Josef Guggenmos Erben

Sein langjähriger Verleger und Freund Hans-Joachim Gelberg, mit dem er seit 1966 zusammenarbeitete, schrieb über Josef Guggenmos:

„Die ihn kennenlernten, betonen seine sanfte, zurückhaltende Art, sein Zuhören und Abwarten. Mich faszinierte von Anfang an, wie jemand so leise sein kann und doch ganz intensiv ‚da‘ ist. Lob und Anerkennung haben ihn nicht verändern können. Er kommt aus der Stille; das Schweigen, das Nichtgesprochene ist Teil seiner Dichtung. Man weiß, wie geschwätzig Kindergedichte sein können – seine sind es nicht. Wenn man die Wirkungsgeschichte seiner Gedichte aus weit über dreißig Jahren aufzeichnen möchte, käme man aus dem Staunen nicht heraus: Ohne ihn wäre das deutschsprachige Kindergedicht zwar unvermindert voll schöner Reime, doch merkwürdig einseitig wäre es auch, undenkbar eigentlich. Natürlich lebte es so und so, nur: mit Guggenmos läßt sich darin atmen und auf gemächliche Art etwas betrachten. Dies und das.
Hauptsachen, das weiß jeder Mensch, machen ständig auf sich aufmerksam. Kein Wunder, daß es Nebensachen daneben schwerhaben, bemerkt zu werden. – Der Lyriker Guggenmos sieht die kleinen Dinge mit Liebe an; für ihn gibt es keine ‚Nebensachen‘.
‚Ein Borkenkäfermuster / gilt nirgends was. / Genausowenig ein Fensterglas, / mit dem Mund behaucht, / mit dem Finger bemalt. / Das sind so Dinge, / für die keiner was zahlt.‘“ 2

Beim „frühen Guggenmos“ komme es laut Ewers „zu einer Befreiung des Kindergedichts von starren Versmaßen, glatter Reimerei und stereotypen Strophenformen. Stattdessen finden sich freie Rhythmen, Verszeilen von wechselnder Länge, teilweise oder völlige Reimlosigkeit und eine unregelmäßige Strophenbildung.“ 3

Josef Guggenmos dichtete nicht nur am Schreibtisch, sondern die Ideen zu seinen Gedichten entstanden oft beim Gehen im Freien. „Erst wenn der Dichter vor einem Publikum erscheint, seine Texte selber vorliest – dann wird es für Kinder (immer noch) außergewöhnlich aufregend. … Wenn Josef Guggenmos seine Gedichte vorträgt, beeindruckt die Art des rhythmisch-skandierenden Vortrags. Der Eindruck entsteht, als wären die Gedichte im Gehen zu sprechen.“, schrieb Gelberg.4

Guggenmos‘ literarischer Nachlass wurde von der Erbengemeinschaft seiner drei Töchter im Jahr 2020 der Stiftung Internationale Jugendbibliothek überlassen. Zurzeit wird der Nachlass im Rahmen eines DFG-Projekts in der Internationalen Jugendbibliothek in der Web-Datenbank Kalliope erschlossen.
Aus den Nachlasspapieren lässt sich sehr gut die Arbeitsweise von Josef Guggenmos nachvollziehen. Auf Karteikarten notierte er Ideen und Naturbeobachtungen, die oft zum Kern für Gedichte wurden. Diese notierte er dann wiederum handschriftlich in Notizbüchlein und schrieb sie später für den Druck als Typoskripte ins Reine.

Der Schriftsteller Peter Härtling war einer der Bewunderer von Guggenmos‘ Lyrik und verfasste zu Guggenmos‘ „Siebzigsten“ eine Hommage, die nun zu seinem hundertsten Geburtstag in Erinnerung gerufen werden soll:

So leis
Und nah
Dem Wunderbaren
Vor ein paar Jahren,
im Eis,
bin ich durch sein Dorf
gegangen,
ein paar Telefonleitungen sangen
und im letzten Haus
vorm Hügel eine Maus.
Ich hab ihn nicht besucht,
ich ließ es bleiben –
ich hörte ihn nämlich schreiben,
ganz ohne Donnern und Blitzen,
in gezirbelten Scharen
sah ich Silben
auf Zehenspitzen
zu Strophen zusammenflitzen:
auf dem Eis,
so leis
und nah
dem Wunderbaren.

Aus: Ein Dichter, der für Kinder schreibt: Josef Guggenmos. Weinheim: Beltz 1992, S.8

Mehr Infos zu Josef Guggenmos gibt es unter diesem Link. Und wer sich für das Erschließungsprojekt der Internationalen Jugendbibliothek interessiert, kann sich unter diesem Link informieren.

Anlässlich des 100. Geburtstages von Josef Guggenmos hat die IJB außerdem sechs Tage lang auf Instagram und Facebook exklusive Eindrücke aus dem Nachlass vorgestellt.

Lesetipps:

Seifenblase, flieg! Beltz & Gelberg, 2021. ISBN: 978-3-407-75838-5
Zwei mit vier Beinen. Rätsel und Gedichte. Beltz & Gelberg, 1990. ISBN: 3-407-78070-2
Josef Guggenmos: Es flüstert & rauscht. Naturgedichte für Kinder Julius Beltz GmbH & Co. KG, 2022. ISBN: 978-3407756442
Was denkt die Maus am Donnerstag? ‎dtv Verlagsgesellschaft, 2021.
ISBN: ‎ 978-3423763455

  1. Ewers, Hans-Heino: „Das (kinder-)lyrische Werk von Josef Guggenmos“. In: Glasenapp, Gabriele von; Claudia Maria Pecher; Martin Anker (Hrsg.): Vom Sprachmeertauchen und Wunschpunkterfinden. Beiträge zu kinderliterarischen Erzählwelten von Josef Guggenmos und Paul Maar. (Jahrbuch. Schriftenreihe der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ; 51) Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2021, S. 4
  2. Ein Dichter, der für Kinder schreibt: Josef Guggenmos. Weinheim: Beltz 1992, S. 36/37.
  3. Ewers, S. 6
  4. Ein Dichter, der für Kinder schreibt: Josef Guggenmos. Weinheim: Beltz 1992, S. 33

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