„Ich weiß etwas, was du nicht weißt“ – Die neue Jahresausstellung der Internationalen Jugendbibliothek

von Jutta Reusch

Vor mehr als vier Jahren, Anfang Mai 2018, waren Frau Raabe und ich zu Gast beim Ehepaar Ziesel. Werner Ziesel hatte uns eingeladen, seine über 1.300 Bücher umfassende Sammlung historischer Kinder- und Jugendbücher von 1550 bis in die 1920er-Jahre kennenzulernen. Wir bewunderten die ausgewählten Kleinode verschiedenster Gattungen wie ABC-Bücher, Beschäftigungsbücher, Bilderbücher, Fabeln, Sagen, Volksbücher, Kindergedichte, Reise- und Abenteuerbücher, Erzählungen, moralische und religiöse Unterweisungen, Sachbücher (oder sogenannte „Realienbücher“), Schulbücher, Kinderzeitschriften und die Werke von Franz von Pocci.

Viele von ihnen sind mit feinen Drucken und Kolorierungen illustriert. Dabei fielen uns besonders illustrierte Sachbücher zu Natur, Kultur, Handwerken und Gewerben auf, und es entstand eine erste Idee zu einer Ausstellung illustrierter Sachbücher aus der Sammlung von Werner Ziesel.

Das Ehepaar Ziesel und Frau Dr. Christiane Raabe mit der unterschriebenen Schenkungsurkunde
Das Ehepaar Ziesel und Frau Dr. Christiane Raabe mit der unterschriebenen Schenkungsurkunde

In einem nächsten Schritt übergab Herr Ziesel seine bibliophil kostbare Sammlung der Stiftung Internationale Jugendbibliothek als Depositum, und Anfang 2020 sollte die Sachbuchausstellung mit Büchern daraus eröffnet werden. Es kam eine zweijährige pandemische Zwangspause dazwischen, und nun freue ich mich umso mehr, dass wir diese Ausstellung endlich eröffnen und zeigen können. – Ganz besonders erfreulich ist es, dass wir die Ausstellungseröffnung mit einem für unser Haus besonders schönen Ereignis feiern können: Herr Ziesel und seine Frau haben sich nämlich dafür entschieden, das Depositum in eine großzügige Schenkung umzuwandeln.

Die am 24.05.2022 eröffnete Ausstellung präsentiert eine Auswahl an historischen Kinder- und Jugendsachbüchern aus der Sammlung Werner Ziesel und stellt diesen aktuelle internationale Sachbilderbücher kontrastierend gegenüber. Das Sachbilderbuch erfährt seit einiger Zeit einen neuen Boom: Im vergangenen Jahr erschien u.a. eine große Zahl von Sachbilderbüchern zu Pflanzen, Tieren und Natur, die sicherlich dem wieder wachsenden Umweltbewusstsein geschuldet sind.

Schon im 17. Jahrhundert entstanden Sachbilderbücher nach dem Vorbild des „Orbis Pictus“ von Johann Amos Comenius, illustriert mit Kupferstichen und Holzschnitten. Mit den Entdeckungsreisen und Erfindungen des Beginns des 19. Jahrhunderts und der Kolonisierung außereuropäischer Erdteile wuchs die Sachbuchproduktion exponentiell. Dabei fällt auf, dass die scheinbar objektiven Sachbücher häufig implizit ideologische Botschaften transportieren. Aus heutiger Sicht problematische, kolonialistische, patriarchalische und anthropozentrische Darstellungen werden auch in Büchern dieser Ausstellung gezeigt. Dabei wird vorausgesetzt, dass Vorstellungen und ideologische Annahmen – ganz gleich in welcher Zeit – stets im historischen Kontext zu betrachten sind und ggf. der Vermittlung bedürfen.

Besonders reizvoll sind die Illustrationen der ausgestellten Bücher. Die präzise, kunstvoll und anschaulich illustrierten Sach- und Realienbücher waren eine frühe und spezielle Form der Bilderbücher. Die Weiterentwicklung der Drucktechniken von Holzschnitt, Kupferstich, Stahlstich, Holzstich, Radierung, Chromolithographie bis hin zum Offsetdruck des späteren 20. und 21. Jahrhunderts, der eine intensive Farbgebung mit großen farbigen Flächen ermöglicht, schufen die Voraussetzung für eine Visualisierung des Wissens im Printmedium. In einigen der neuen Sachbilderbücher werden die Gegenstände des Wissens sogar nach Farben geordnet.

Zwei aufgeklappte historische Bücher mit Abbildungen von Elefanten, Kamelen und Pflanzen.
„Neuestes Bilderbuch zur Belehrung und Unterhaltung“ von Traugott Bromme (1848)

Treibende Kraft für die stetig wachsende Produktion von Jugendsachbüchern vom 17. Jahrhundert bis in unsere Zeit sind die Erkenntnisse wissenschaftlicher Forschung, die Erfindungen und Entdeckungen.

Naturalien und Artefakte, Fundstücke aus aller Welt, wurden zunächst in sogenannten Wunderkammern, später in natur- und völkerkundlichen Museen gesammelt und präsentiert. Die Vielfalt und den Reichtum einer solchen Wunderkammer möchte diese Ausstellung nachempfinden und zum Schauen und Staunen anregen.  

Besonders in Sachbüchern für Kinder und Jugendliche, die immer wieder „Anschauungsbücher“ genannt wurden, wird großer Wert gelegt auf die anschauliche, sinnlich erfahrbare Vermittlung des jeweiligen Weltwissens, um – wie man es heute nennen würde –, die Immersion in die zu entdeckenden Wissensgebiete zu erleichtern. Im 18. und frühen 19. Jahrhundert wurde die Freude am Lernen mit dem Horaz’schen „prodesse et delectare“ umschrieben, das sich auch in Titeln der ausgestellten Bücher wiederfindet, wie beispielsweise „Raritäten-Bureau für gute Knaben und Mädchen, worinnen sie den reichhaltigen Stoff zu angenehmer Zeitverkürzung und Belehrung finden“ (von Carl Friedrich Lang, 1809). Dazu dienten Illustrationen, aber auch interaktive Elemente wie ausklappbare Tafeln, Karten, Tabellen und Darstellungen.

Aufgeklappt Mini-Sachbücher zu unterschiedlichen Themen.
„Raritäten-Bureau für gute Knaben und Mädchen, worinnen sie den reichhaltigen Stoff zu angenehmer Zeitverkürzung und Belehrung finden“ (von Carl Friedrich Lang, 1809)

Der Anschaulichkeit des Faktualen dienten auch Elemente der Fiktionalisierung. So wurde die Vermittlung des Wissens in fiktiven Gesprächen des Vaters mit den Kindern oder der Kinder mit ihren Freunden eingebettet. Fiktionale Reiseerzählungen berichteten in spannenden Geschichten über Entdeckungen und Wissenswertes aus aller Welt. Oder Sachwissen wurde in lustige Reime gegossen. Ein schönes Beispiel dafür ist die „Naturgeschichte des gesammten Tierreichs in Versen“ „zur Belehrung und Erheiterung der Jugend“ von Kathinka Zitz von 1851.

Ein Auszug:

Die Vögel haben warmes Blut
Und Federn statt der Borsten;
Auf grünen Zweigen hüpfen sie
In Gärten und in Forsten.

Sie haben all‘ zwei Füße nur,
Allein dabei zwei Flügel,
Womit sie fliegen, wie der Blitz,
Schnell über Berg und Hügel.

Ganz oben an der Vögel Schaar,
Da steh’n die Papageien;
Die wunderschön von Farbe sind,
Doch ganz entsetzlich schreien.

[…]

In hohlen Bäumen wohnen sie,-
das kostet keinen Dreier.-
Das Weibchen heißt die M a m a g e i,
Es legt und brütet Eier.

Aufgeschlagenes Sachbuch aus der heutigen Zeit mit zwei illustrierten Vögeln und einem Nest mit Eiern. Alles in einem Blauton.
„Die Blaue Stunde“ von Isabelle Simler. Bamberg: Maggelan 2020

Auch von den aktuell erscheinenden Sachbilderbüchern werden solche fiktionalen Erzählformen wieder aufgenommen oder weiterentwickelt; innovative und experimentierfreudige Illustrationen und Texte erzählen Geschichten, die über die Sachinformationen hinaus gehen. Beispielsweise werden Illustrationen wieder gemalt, gezeichnet oder kollagiert trotz der technischen Möglichkeiten, exakte schematische, grafische oder fotografische Darstellungen wiederzugeben.

Diese Ausstellung folgt der Idee der Anschaulichkeit, der Wunderkammer, in der die Betrachtenden sich die Welt und das Weltwissen durch Anschauung aneignen. Lernen und genaues Hinschauen, Schule des Sehens, Lust des Schauens und visuell-ästhetische Eindrücke gehören eng zusammen.
Hier kann die Vielfalt der Erscheinungsformen der Kinder- und Jugendsachbücher durch die Jahrhunderte nur angedeutet werden.

Öffnungszeiten:

25. Mai 2022 bis 15. April 2023
Schatzkammer

Mo-Do: 10-16 Uhr
Fr: 10-14 Uhr
Sa+So: 14-17 Uhr

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