Eröffnung des 6. White Ravens Festivals mit Krach, Magie und Worttamtam

Gastbeitrag von Billy Tessaro

White Ravens. Weiße Raben. Ein Oxymoron, so scheint es, aber sind sie das? Der Rabe ist eine der, wenn nicht die intelligenteste Vogelart und seine Bedeutung in der nordischen und griechischen Mythologie zieht sich durch die Jahrtausende. Diese Woche kleidet er sich weiß, wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Er liest und bekommt vorgelesen, und er schreitet durch ganz Bayern. Die White Ravens sind echte Leseratten.

(c) Annkathrin Ascherl

Der Startschuss für das 6. White Ravens Festival fällt am 11.07.2021 auf Schloss Blutenburg in München. Der Morgen ist verregnet, der Himmel grau, die Stimmung ausgeprochen gut. Trotz des eher unangenehmen Wetters hat sich eine hohe Zahl an Zuschauerinnen und Zuschauern in den Schlosshof der Blutenburg getraut. Das Musikerduo Paprižka, heitert die Besucherinnen und Besucher auf.

Um 10 Uhr geht es los und siehe da, der Regen lässt langsam nach, hört bald ganz auf, pünktlich zum Auftakt des Festivals. Die Schirme klappen einer nach dem anderen zu und einige Festivalbegeisterte tröpfeln noch nach. Als sich dann kurz nach 11 Uhr auch noch die Wolken langsam verziehen und das Festival von Sonnenschein und blauem Himmel begrüßt wird, scheint alles perfekt.

Während der einleitenden Worte von Christiane Raabe, Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek, und Anton Biebl, Kulturreferent der Landeshauptstadt München, wird ein schöner weißer Rabe auf die Bühne getragen. Stolz steht er auf massiven Büchern. Er steht für Literatur, Lesebegeisterung und kulturellen Austausch. Dann geht es los: Margit Auer liest aus einigen Bänden ihrer Reihe Die Schule der magischen Tiere. Eine Vielzahl lesebegeisterter Kinder findet sich im Publikum, bei Fragerunden machen sie rege mit, versuchen den Autorinnen und Autoren sogar Details zu neuen Geschichten zu entlocken. Das Spiel wird auch umgedreht: Die Kinder antworten eifrig auf die Fragen der Schriftsteller:innen und haben im Anschluss an die Lesungen sogar die Möglichkeit, ihre Bücher signieren zu lassen. Nach Margit Auer liest die Schauspielerin Dascha von Waberer aus der Monsternanny von Tuutikki Tolonen. Die Illustratorin Anete Melece begeistert die Kinder mit einem Workshop zu ihrem Bilderbuch Kiosk und zu guter Letzt ist am frühen Nachmittag Susan Kreller dran, die den Kindern und Familien ihr Monster Schlinkepütz vorstellt.

Eine große Vielfalt an Aktivitäten wird den Anwesenden heute auf dem Festivalgelände geboten: Neben denLesungen und Fragerunden von und mit Margit Auer, Benjamin Tienti, Tuutikki Tolonen, Anete Melece, Susan Kreller und Yves Grevet, findet auch Kamishibai – traditionelles japanisches Papiertheater – sowie Origami- und Illustrations-Workshops statt. Die Pantomime-Vorstellungen des Künstlerduos Mime en Mi Mineur und die Papiershow von Mr. Lo zeugen davon, wie abwechslungsreich der heutige Tag ist. Musikalisches wird neben dem Duo Paprižka, die mit Balkanbeats und Klezmer für Stimmung sorgen, auch von der Gruppe Jisr geboten, die das Publikum am Nachmittag auf eine magische Reise in arabische Welten mitnimmt, von der Küste Marokkos bis nach Ägypten und darüber hinaus. Die Begeisterung beim Publikum ist groß, man hört viel Gelächter und sieht zufriedene Gesichter. Einen Bücherstand, an dem die Besucherinnen und Besucher ihre Sammlungen vervollständigen können, gibt es auch. Und an einer weiteren Station können Kinder als Reporter der Münchner Kinderzeitung/MÜK aktiv werden.

Ich unterhalte mich im Laufe des Tages mit den Autorinnen und Autoren. Für alle stand außer Frage, nicht beim Festival dabei zu sein, man spürt den Hunger nach Interaktion mit der Leserschaft. Auf die Frage, wie die letzten anderthalb Jahre sich auf ihr kreatives Schaffen ausgewirkt haben, gibt es gemischte Antworten. Benjamin Tienti, Margit Auer, Yves Grevet und Tuutikki Tolonen äußern sich eher positiv: Ihnen hat die Pandemie auf dieser Ebene beinahe in die Hände gespielt, weil das Plus an Zeit zu Hause es ermöglicht hat, sich intensiver auf das Schreiben zu konzentrieren. Tuutikki Tolonen, Kinderbuchautorin aus Finnland, bemerkt sogar bei der Rezeption ihrer Bücher, respektive insgesamt in Bezug auf den Kinderbuchmarkt, positive Auswirkungen. Die Illustratorin und Autorin Anete Melece, die aus Zürich angereist ist, äußert sich etwas verhaltener, da für sie die Verbindung von Privatem und Beruf eine Herausforderung war. Ein eher düsteres Fazit zieht Susan Kreller, die gerade mit der Anfangszeit der Pandemie unangenehmere Erinnerungen und ein Gefühl der Beklommenheit verbindet. Und gerade hier, nach dieser Zeit voll Ungewissheit und Hürden, finden sich alle Autorinnen und Autoren wieder. Margit Auer spricht vom „Hunger“ des Publikums ihre Lieblingsschriftsteller:innen live zu sehen. Für sie bieten die White Ravens ein perfektes Forum für gegenseitigen Austausch und gegenseitige Anregungen unter Künstlerinnen und Künstlern. Wo sich alle Stimmen der Autorinnen und Autoren einig sind, ist die Freude über den gegebenen Anlass: über das Festival – gerade vor der malerischen Kulisse des Schlosshofs – die Interaktion mit den Fans, die Präsentation ihrer Werke. Susan Kreller spricht vom „Zauber, der in der Luft“ liegt und wer dort war, weiß, was sie meint. Alle sind begeistert, hier zu sein. Und ich denke, ich spreche im Namen aller Anwesenden, ob Zuschauer:innen, Mitarbeiter:innen oder Organisator:innen, wenn ich sage, dass dieses Sentiment auf Gegenseitigkeit beruht.

Am Nachmittag des Eröffnungstages spielt das Wetter besser mit, was einen reibungslosen Start in den 2. Teil der Eröffnung ermöglicht. Ein leichter Sommerregen zwischendurch trübt die Stimmung nicht im Geringsten. Nachdem Benjamin Tienti aus Salon Salami und Unterwegs mit Kaninchen vorliest, wird das Publikum von Berlin in den orientalischen Raum entführt. Jisr begleitet, nach einer musikalischen Einlage, Azad Hamoto und Peter Wolter, die Gedichte auf Arabisch und in der deutschen Übersetzung vorlesen. Ich fühle mich an die Veranstaltung Märchenhafter Orient erinnert, welche vor fast drei Jahren auch hier stattgefunden hat.

(c) Annkathrin Ascherl

Aber wie alles Schöne, muss auch der Eröffnungstag zu Ende gehen. Für die letzten großen Lesungen sind nacheinander Yves Grevet aus Paris – dessen Texte Méto und Vront in Auszügen vom Münchner Schauspieler Sebastian Hofmüller vorgelesen werden – und Margit Auer, die den Eröffnungstag abschließt, auf der Bühne. Damit neigt sich ein erfolgreicher und ereignisreicher Tag dem Ende zu. Ich verlasse das Festivalgelände, dessen Namen folgend, beflügelt. Die weißen Raben haben nicht nur mir, sondern auch vielen lesebegeisterten Kindern und ihren Familien, sowie allen anderen, die beim Festival mitorganisiert und mitgeholfen haben, einen unfassbar schönen Tag beschert.

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