Das IJB Online-Rollenspiel „Geheimnis um die verschwundenen Bücher: Sozialisierung über den Bildschirm hindurch

Die Corona-bedingten Hygieneregelungen haben die sozialen Kontakte von Kindern und Jugendlichen stark eingeschränkt: Die Spielplätze waren über mehrere Wochen geschlossen, Freunde durften nicht mehr besucht werden, sich mit Gleichaltrigen in Gruppen zu treffen und neue Freundschaften zu schließen ist für Kinder und Jugendliche im Moment unmöglich. Dadurch sind die Bewegungsräume von Kindern und Jugendlichen für gemeinsames Spielen und ein soziales Miteinander drastisch beschnitten. Umso glücklicher waren wir, am 11. Juni, Kinder von überall aus Bayern im Rahmen unseres ersten gemeinsamen Online-Rollenspiels zusammenzubringen. 

Dr. Katrin Geneuss, die Entwicklerin des Online-Rollenspiels, forscht an der LMU zur Förderung von sprachlichen und sozialen Kompetenzen durch Rollenspiele. Sie hat für die Internationale Jugendbibliothek das Online- Rollenspiel „Geheimnis um die verschwundenen Bücher“ entwickelt – ein Spiel, bei dem Kinder in die Rollen von verschiedenen Ermittlern, Detektiven und Polizistinnen schlüpfen um, im Team, auf einer Videokonferenz-Plattform, einen geheimnisvollen Diebstahl von Büchern aus der Internationalen Jugendbibliothek aufzuklären.

Elf Kinder zwischen 8 und 11 hatten sich für die erste Edition vom Rollenspiel vor ihren Bildschirmen versammelt. Sie trugen Detektivhüte, hatten sich Agentenausweise gebastelt und hörten auf Namen wie Detektivin Martinez, Kommissar Zimmermann, Polizistin Li oder Ermittler Svensson. Jedes Kind hatte im Vorfeld einen Steckbrief zu seiner Figur – Name, Herkunftsland, Familienmitglieder, Lieblingsbeschäftigungen – bekommen und konnte seine Rolle mit weiteren Details zur Biographie und dem Arbeitsalltag hinzufügen, um die eigene Figur lebendiger zu machen. Während des Spiels mussten die elf jungen Spürnasen in der Rolle, die sie zugewiesen bekommen hatten, gemeinsam Indizien suchen und Aufgaben lösen. Am Anfang duzte der eine oder andere seine Kolleginnen und Kollegen noch oder fragte die Spieleleiterinnen, ob sie den Steckbrief brauchten. Doch innerhalb kürzester Zeit schlüpften sie perfekt in ihre Rollen, und es gewannen Ermittler Svensson, Detektivin Martinez, Kommissar Zimmermann, Polizistin Li und Co. die Oberhand. Durch den Fall geleitet haben sie Dr. Élodie Malanda, alias Frau Beret, Sekretärin des Oberkommissariats Blutenburg, und Theresa Krien, alias Frau Krien, Mitarbeiterin der Internationalen Jugendbibliothek, die den Diebstahl der Bücher gemeldet hatte. Die beiden zeigten von Zeugen aufgenommene Videos, ließen per Videocall Verdächtigte zur Sprache kommen und moderierten die Diskussionen.

Während des Spiels fiel den Spieleleiterinnen schnell auf, dass die Kids nicht nur knobeln wollten, sondern auch ein großer Redebedarf vorhanden war. Die Diskussionen zwischen den Ermittlern über mögliche Spuren waren viel länger als geplant, so dass sich die Spieleleiterinnen recht schnell dazu entschlossen, die angesetzte Spielzeit notfalls zu überschreiten, um den Spielfluss und die begeisterte Energie der Gruppe nicht unterbrechen zu müssen. Tatsächlich entstand während der angeregten Diskussionen in kleinen Gruppen und im Plenum zwischen den Ermittlern eine Gruppendynamik und ein Zusammenhaltgefühl:  Die jungen Ermittlerinnen und Ermittler mussten sich gegenseitig zuhören und aufeinander eingehen, um im Team die Aufgaben zu lösen. Dieses Gemeinschaftsgefühl wurde sicherlich dadurch verstärkt, dass die teilnehmenden Kids sich in ihren jeweiligen Rollen als Kolleginnen und Kollegen wahrnahmen, mit denen sie ein gemeinsames Ziel und eine gemeinsame Leidenschaft für mysteriöse Fälle teilten. 

Dr. Geneuss, die Entwicklerin dieses Online Rollenspiels, ist überzeugt, dass diese Gruppendynamik und der zwischenmenschliche Kontakt bei den üblichen Onlineangeboten, wie z.B. Home Schooling, noch zu kurz kommt. Sie hat das Spiel bewusst so konzipiert, dass ein Gruppengefühl durch den regen Austausch zwischen den jungen Spürnasen und die kooperativ zu lösenden Aufgaben entsteht und gefestigt wird  Neben der Freude am Spielen und an dem Eintauchen in andere Rollen war es dieses Gruppengefühl, das von den Kindern bei der Feedbackrunde regelmäßig hervorgehoben wurde: „Ich löse zuhause auch gerne kleine Fälle, aber jetzt hat es noch mehr Spaß gemacht, weil wir das im Team gemacht haben.“ erklärte die zehnjährige H. Und beim Verabschieden von den anderen Kindern, die sich anderthalb Stunden vorher noch nie begegnet waren, meinte L.: „Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder“.

Wir, in der Internationalen Jugendbibliothek, hoffen übrigens auch, dass wir die Kids bald einmal wiedersehen können – am liebsten live*, aber bis dahin auch gerne per zoom – das Online-Rollenspiel hat uns ja gezeigt, dass man auch über den Bildschirm hindurch sozialisieren, zusammen spielen und gemeinsam Spaß haben kann!

*Dr. Geneuss hat für uns auch ein Live-Rollenspiel zu Jim Knopf entwickelt, das in nicht-Corona-Zeiten bei uns, vor Ort, von Schulklassen gespielt werden kann. 

(Das Online Rollenspiel soll übrigenns in nächster Zeit wiederholt werden. Bei Interesse, an programm(a)ijb.de mailen.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s