1001 Nacht reloaded. Rückblick auf die Tagung „Märchenhafter Orient.“

Dass das westliche Orientbild viel mehr über die Fantasien des Westens aussagt, als über den sogenannten „Orient“, hat Edward Said schon 1978 in seinem Werk Orientalism gezeigt. Angesichts der Aktualität des Themas „Orientbild“ haben die Internationale Jugendbibliothek und die Ludwig-Maximilians-Universität München zu einer Tagung zum Thema „Märchenhafter Orient. Projektionen eines Landes der Phantasie“ eingeladen.

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Sechzehn Kulturwissenschaftler kamen in Schloss Blutenburg zusammen, um über den Einfluss des historischen und des heutigen Orientbildes auf westliche Werke zu diskutieren. Ziel war es, das Orientbild in europäischer und amerikanischer Literatur, sowie in Film, Musik, Computerspielen und Alltagskultur kritisch zu beleuchten. Denn unser Orientbild ist seit jeher von einer Dualität geprägt und variiert, je nach Genre, nach Autor oder nach Thema, zwischen dem märchenhaften Bild eines 1001 Nacht-Orients und dem barbarischen Bild eines Orients der Kreuzzüge- und Terroranschlägen.

Neben den wissenschaftlichen Vorträgen über so verschiedene Themen, wie das Motiv der Erzählkunst bei Michael Ende und Rafik Schami, die Orientbilder in Computerspielen oder die positive Orientzeichnung von Wolfram Eschenbach in Parzival, gab es auch ein Gespräch mit der mehrfach preisgekrönten niederländischen Illustratorin Annemarie von Haeringen, aus deren Illustrationen zu En toen, Sheherazade, en toen?, das Bild für das Tagungsplakat stammt.

Im Rahmenprogramm gab es zudem ein Erzählkonzert, in dem die Arabistin und Musikerin Claudia Ott, Ausschnitte aus der, von ihr neuübersetzten Fassung von 1001 Nacht vortrug. Da bislang die deutschen Fassungen von Scheherazades Geschichten auf der (sehr freien) französischen Übersetzung von Antoine Galland beruhten, ist Otts Übersetzung aus dem ältesten arabischen Manuskript an sich schon ein literarisches Ereignis. Genauso besonders war auch das Erzählen des Textes, das musikalisch von der Gruppe Jisr, dem Oud-Virtuosen Roman Bunka und von Claudia Ott selbst begleitet wurde.DSC_0019

Ein spannender Höhepunkt war die Podiumsdiskussion mit der Übersetzerin Leila Chammaa, dem Kulturhistoriker Azad Hamoto und dem Autor Bachtyar Ali, der für seine Romane, Der letzte Granatapfel und Die Stadt der weißen Musiker, 2017 mit dem Nelly-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde. In der Diskussion, die von Dirk Krause (BR) moderiert wurde, ging es natürlich um Bachtyar Alis Romane, doch auch um unterschiedliche Auffassungen vom Übersetzen und darum, dass 1001 Nacht den Podiumsgästen eigentlich schon längst zum Hals heraushängt! So bedauerten diese, dass viele europäische Leser und Kritiker literarische Werke aus der arabischen Welt mit einer „1001-Nacht-Brille“ lesen und sich somit nicht auf das Neue einlassen, sondern lediglich nach bekannten Motiven fahnden. Um dieser Gefahr entgegen zu treten, haben Leila Chammaa, Bachtyar Ali und Azad Hamoto den Zuschauern zum Abschied einige Buchtipps mit auf den Weg gegeben. In der Hoffnung, dass das zukünftige Orientbild in Europa genauso vielfältig wie die arabischsprachige Literatur wird…

Élodie Malanda

 

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