Die arabischsprachige Kinderliteratur im Wandel

Ein Rückblick auf die Arabischen Kinderliteraturtage

Die Internationale Jugendbibliothek begann 2017 ein Projekt zur arabischsprachigen Kinder- und Jugendliteraturliteratur, über das in einem anderen Blogartikel bereits berichtet wurde. Um erste Ergebnisse des Projekts zu präsentieren, veranstaltete die IJB am 11. und 12. April 2018 in Kooperation mit der Münchner Stadtbibliothek die Arabischen Kinderliteraturtage.

Die Veranstaltung am ersten Tag fand im Forum der Stadtbibliothek Am Gasteig statt. Am Nachmittag wurde das Publikum zunächst von Astrid Lipelt-Kalus, stellvertretende Direktorin der Münchner Stadtbibliothek, sowie von Christiane Raabe, Direktorin der IJB, begrüßt. Im Anschluss präsentierten Azad Hamoto und Jochen Weber, die das Projekt leiten, den interessierten Zuhörerinnen und Zuhörern einen von der IJB herausgegebenen Empfehlungskatalog, in dem 40 neue arabischsprachige Kinderbücher vorgestellt werden. Auf 20 der 40 Titel gingen sie näher ein und boten damit einen vielfältigen Querschnitt des aktuellen arabischsprachigen Kinderbuchmarktes.

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Azad Hamoto und Jochen Weber

Die Bücher reichten von Klassikern wie Sindbad dem Seefahrer und Fabeln bis zu modernen Bilderbüchern und Geschichten für Kinder, in denen Themen wie die Trennung der Eltern oder die Geburt eines Kindes dargestellt werden. Dass solche bisher als höchst privat geltenden Angelegenheiten in Kinderbüchern besprochen werden, sei eine Entwicklung der letzten Jahre, wie Herr Hamoto betonte. Insgesamt umfasst der Katalog Empfehlungen zu Bilderbüchern, illustrierten Geschichten, Kurzgeschichten und Kinderromanen für Kinder bis zwölf Jahre. Ein weiteres Genre, das im arabischen Raum verbreitet ist, sind die sogenannten Kürzestgeschichten: Kürzer als Kurzgeschichten, sind bis zu 100 Texte in einem Buch versammelt.

Um die Kinderbücher auch in Kinderhände zu bringen, hat die Internationale Jugendbibliothek von den im Katalog verzeichneten sowie von etwa 80 weiteren Titeln jeweils zwei Exemplare erworben. In der Kinderbibliothek der Blutenburg können sie entdeckt, bestaunt und natürlich auch entliehen werden. Auch für die Münchner Stadtbibliothek wurden jeweils zwei Exemplare – für die Bibliothek Am Gasteig und mehrere Stadtteilbibliotheken – angeschafft. Für die Neugierigen im Publikum der Arabischen Kinderliteraturtage war vorgesorgt: Auf einer langen Tafel präsentierte die Stadtbibliothek diese insgesamt mehr als 100 Bücher.

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Walid Taher und Nabiha Mheidly vor dem Büchertisch

Nach einer einstündigen Pause, die die Besucher mit Gesprächen und Getränken verbrachten, folgte um 19.30 Uhr ein Podiumsgespräch zu Themen, Traditionen, Herausforderungen und Grenzen der arabischsprachigen Kinder- und Jugendliteratur. Unter der Moderation von Azad Hamoto  diskutierten Nabiha Mheidly, Leiterin des renommierten libanesischen Kinderbuchverlags Al-Hadaek  und selbst Autorin, der international bekannte ägyptische Illustrator Walid Taher sowie Hasmig Chahinian, Expertin für arabischsprachige Kinder- und Jugendliteratur an der Französischen Nationalbibliothek. Das auf Arabisch geführte Gespräch wurde von der Berliner Übersetzerin Leila Chammaa gedolmetscht.

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Leila Chammaa übersetzt das Gespräch zwischen Hasmig Chahinian, Walid Taher und Nabiha Mheidly

Wie bereits bei der Präsentation der Empfehlungsliste kristallisierte sich heraus, dass die arabischsprachige Kinder- und Jugendliteratur in den letzten Jahren einen Sprung nach vorne getan hat: Neben neuen Themen spielt dabei auch die zunehmende Wertschätzung der Kinderliteratur und der Illustration eine wichtige Rolle. Die drei Diskutanten sprachen sich deutlich gegen die Pädagogisierung der Kinderliteratur bzw. deren Verwendung als Lehrmittel aus. Dem stehe jedoch die Tatsache entgegen, dass viele Kinder nur in der Schule Zugang zu Büchern hätten. Außerdem sei es in einigen Ländern schwierig, überhaupt an Kinderliteratur zu kommen. Auch der Vertrieb zwischen den einzelnen Ländern stelle sich nicht immer als einfach heraus. Hinzu kämen kulturelle Unterschiede zwischen den Ländern, wodurch nicht jedes Buch in jedem Land akzeptiert werde bzw. verkäuflich sei.

Als eine positive Entwicklung stellten die Gäste fest, dass sich die Autorinnen und Autoren in ihren Werken allmählich von der auf dem klassischen Arabischen beruhenden Hochsprache entfernten und sich näher an den gesprochenen Varianten sowie an der Lebenswirklichkeit der Kinder orientierten. Hinsichtlich der Kinderbuchillustration gebe es eine stetig wachsende Gruppe junger Illustratorinnen und Illustratoren, die eine eigenständige Bildsprache kreieren und nicht mehr länger westlichen bzw. europäischen Traditionen, wie sie an Akademien und Universitäten lange gelehrt wurden, nachhängen. Für die Zukunft wünschten sich die Gäste, dass mehr Kinderliteratur aus dem arabischsprachigen Raum ins Englische oder Deutsche übersetzt wird. In den europäischen Ländern oder den USA herrsche leider noch eine große Unkenntnis. Es gebe Vorbehalte, und es fehle die Bereitschaft, sich auf diese „andere“ Literatur einzulassen.

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Walid Taher mit der Grundschulklasse und ihren Katzenmasken

Am nächsten Vormittag ging es dann in zwei Münchner Grundschulklassen, wo Walid Taher und Nabiha Mheidly kreative Workshops zu ihren Büchern durchführten. Der ägyptische Illustrator stellte den Schülerinnen und Schülern der Grundschule an der Manzostraße sein Bilderbuch „Sabea tarwah – Sept vies“ (Sieben Seelen – Sieben Leben) vor, in dem es um eine Katze und die Suche nach ihrer Identität geht. Gemeinsam mit Walid Taher philosophierten die Kinder über die eigene Identität und deren Vielfalt. Den kreativen Abschluss bildete das Anfertigen eigener Katzenmasken. Nabiha Mheidly erzählte den Kindern der Grundschule an der Eversbuschstraße die Geschichte aus ihrem Bilderbuch „Tajer al-hind wa bebaghaa al-sind“ (Der indische Kaufmann und der indische Papagei). Weil sie dabei das Ende offenließ, durften die Schülerinnen und Schüler die Geschichte selbst weiterspinnen und sich ein eigenes Ende ausdenken.

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Nabhiha Mheidly und Claudia Söffner, Lektorin für englischsprachige Literatur, IJB

Die Arabischen Kinderliteraturtage waren geprägt durch interessante und aufschlussreiche Gespräche, aufmerksame, offene Zuhörerinnen und Zuhörer und ein gutes Medienecho. Sie waren ein wichtiger Schritt in dem Projekt der IJB, das das Ziel verfolgt, mehr Interesse für arabischsprachige Kinderbücher zu wecken.

Text: PG

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