Ein Buch mit Geschichte, Ausgabe II

Bücherschätze vom Bücher-Zaren

Laut eines russischen Bibliotheksreports von 1910 rangierte auf Platz 1 der beliebtesten russischen Kinderbuchautoren eine gewisse Lydia Tscharskaja – eine nach 1917 verbotene und heute vergessene Vielschreiberin, aus deren Feder Geflossenes stets zum Megaseller wurde. Auf Platz zwei lag der französische Autor Jules Verne.
Und so war es ein großes Glück, dass die Internationale Jugendbibliothek drei Tscharkaja- und Verne-Ausgaben genau aus dieser Zeit, nämlich zwischen 1898 und 1909, als Schenkung angeboten bekam.

Noch erstaunlicher und mindestens genauso großartig ist jedoch, dass mit diesen drei Büchern nun auch der Petersburger Verlag M.O. Wolff in den Beständen der IJB vertreten ist. Der 1853 entstandene Verlag ist legendär und Mawriki Wolff – der Verlagsgründer – nicht minder. Als erster nahm er ein dezidiert Kinder- und Jugendbücher in sein Verlagsprogramm auf und führte damit sowohl russische als auch internationale Kinderliteratur beim russischen Publikum ein. Besonders prominente und verkaufsstarke Autoren waren besagte Tscharskaja und Jules Verne; und ganz nebenbei verkehrte auch die oberste Liga der russischen Literatur bei Wolff: Dostojewski, Turgenjew, Gontscharow, Leskow – sie alle trafen sich in Wolffs Potschti-Klub“, sozusagen dem Nabel der damaligen russischen Literatur.

Ohne Wolff sähe die kinderliterarische Landschaft Russlands sicher ganz anders aus. Neben der Einführung vieler bedeutender Kinderbücher war es auch der Wolff-Verlag, der als erster eine Einteilung in Lesealter vornahm, Lesereihen für Kinder einführte und unglaublich erfolgreiche Kinderzeitschriften auflegte.
Sogar in der deutschen Verlagsszene hat die Familie Wolff Spuren hinterlassen. Der Enkel des Verlagsgründers, Andreas Wolff, emigriert nach der Oktoberrevolution nach Deutschland und baut dort mit Peter Suhrkamp den Suhrkamp-Verlag auf. Er gründet später eine eigene Edition – die „Friedenauer Presse“.

Der Schenker der Wolff-Bücher an die IJB interessierte sich damals für kyrillische Schrift und die Verlagsvignetten von Wolff und erwarb daraufhin die Ausgaben. Ob er wusste, dass er damit auch ein Stück russische (Kinder-)Literaturgeschichte erworben hat? (kw)

Bibliographische Angaben zu den Büchern:
Jurkin chutorok pověst‘ dlja dětej
Person: Čarskaja, Lidija A.
Verlagsort, Verlag, Jahr: S-Peterburg ; Moskva, Izdanie T-va M. O. Vol’f, [1905?]
Umfangsangabe: 187 Seiten
Signatur: H/RUS CARj-2018/10417

Parovoj dom‘ putešestvie po sěvernoj časti Indii
Person: Verne, Jules
Verlagsort, Verlag, Jahr: S.-Peterburg ; Moskva, Izdanie T-va M. O. Vol’f, [1898?]
Umfangsangabe: 452, II Seiten
Signatur: H/RUS VERp-2018/10420

Vokrug světa v vosem’desjat dnej
Person: Verne, Jules
Verlagsort, Verlag, Jahr: SPB. i Moskva, Izdanie T-va M. O. Vol’f, [1909]
Umfangsangabe: 350, II Seiten
Signatur: H/RUS VERv-2018/10419

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