Lust auf Überwältigung!

Ein Tagungsresümee

„Kein Buch mit sieben Siegeln. Lesen können – Literatur verstehen – mit aktuellen Büchern arbeiten“ unter diesem Motto stand die Herbsttagung des Arbeitskreis für Jugendliteratur (AKJ), die vom 24. – 25. November 2017 in Bad Bevensen stattfand.

Im Fokus stand vor allem die Frage, wie nicht-lesende Kinder und Jugendliche für das Lesen gewonnen werden können. In Vorträgen, Workshops und Lesungen wurden aktuelle Forschungen aufgegriffen und vielfältige Methoden ausprobiert.

Besonders deutlich wurde die Vielfalt an Lesefördermethoden. Einiges davon kann sicherlich auch als Anregung für unsere Arbeit in der Bibliothek dienen. Leselust kann durch ganzheitliche, sinnliche Erlebnisse sowie durch emotionale und spielerische Zugänge (z.B. Buchcasting, Bookslam, Chaosspiel zu Büchern mit Stationen, literarische Spaziergänge, Bilderbuchrallys…) gefördert werden.

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Spielerische Zugänge

Deutlich wurde auch, dass Anschlusskommunikation zu Büchern und dem eigenen Leseerlebnis persönliche und emotionale Zugänge schafft. Ein Seitenblick auf schulische Literaturdidaktik machte deutlich, dass Offenheit (kein geleitetes Unterrichtsgespräch) und auch Mut zur Lücke bei Gesprächen über Literatur wichtig sind. Auch Online-Foren können aufschlussreiche Einblicke geben, z.B. gibt es in Fanforen etliche Threads, die von kleinen Gruppen an UserInnen geführt werden und durchaus auch ins Leere laufen – und dabei trotzdem sinnvoll sind. Als lohnenswert erweist es sich außerdem, Eltern in die Leseförderung mit einzubeziehen und beispielsweise mit Schulen Elternabende direkt in der Bibliothek zu organisieren.

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Blind Date mit Buch

Bei einem abendlichen Blind Date mit Buch wurde deutlich, wie spannend es ist, Bücher nur anhand ausgewählter Textstellen kennenzulernen, ohne sich von Cover oder Klappentext beeinflussen zu lassen. Es zählen bei diesem Date sozusagen nur die inneren Werte! 😉 Für welche Zielgruppe Fluchtgeschichten eigentlich gemacht sind  – ob sie sinnvoll sind im Einsatz für Kinder mit Fluchterfahrung  oder eher Empathie bei Kindern ohne Fluchterfahrung schaffen können – blieb offen. Erzählen ist eine Grundform des Bewusstmachens und der Verarbeitung eigener Erfahrungen. Ob das im Rahmen von Leseförderung mit geflüchteten Kindern nutzbar gemacht werden kann, hängt sicherlich auch von der einzelnen Fluchterfahrung und möglichen Traumatisierungen ab.  Zeitgenössische Bilderbücher bieten in ihrer ästhetischen Gestaltung, ihrer Mehrperspektivität und Metafiktion spannende Zugänge –  gerade auch für Kinder und Jugendliche deren Lesefähigkeit schwach ist. Hierzu wurde eine Vielfalt von Methoden ausprobiert: Stabreim-Gedichte zur eigenen Person machen (Nadia Budde: Trauriger Tiger toastet Tomaten), Bildbezüge und Interpikturalität entschlüsseln  (Iwona Chmielewska: abc.de), Fantasiesprachen entschlüsseln (David Wiesner: Herr Schnuffels), Rahmengeschichten oder aus anderen Perspektiven schreiben oder zeichnen, und vieles mehr.

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Fantasiesprachen wurden dekodiert.

Ein wichtiges Leitmotiv der Tagung war für mich: Leseförderung ist auch Leseforderung! So wurden zum Beispiel ästhetisch anspruchsvolle Bilderbücher (Susanne Janssen: Hänsel und Gretel) in Studien mit Kindern als spannender empfunden als manch klassische Märchenillustration. Auch die Thematisierung von Tod (Kitty Crowther: Der Besuch vom kleinen Tod) ist laut den präsentierten Ergebnissen mit einer Neuköllner Klasse sehr gewinnbringend in der Literaturvermittlung mit Kindern. Irritationen und Mehrdeutigkeiten bieten Gesprächsanlässe und fordern heraus. Die Leidenschaft für das Lesen und die Literatur kann auch durch eine Überwältigung wie durch die Schönheit und Andersartigkeit von Sprache und Bildern geweckt werden. Die Erfahrung, dass Literatur etwas zum Ausdruck bringen kann, was größer ist, als man selbst, kann man nur mit Büchern machen, die zum Denken und Fühlen herausfordern. Dies gilt auch für leseschwache SchülerInnen. Um diese bereichernde Erfahrung zu fördern und Leidenschaft fürs Lesen zu wecken, gibt es vielfältige Methoden, die auf der Tagung diskutiert und ausprobiert wurden.

Ich danke dem Arbeitskreis für Jugendliteratur für die spannende Tagung und die gute Organisation.

(T. Leuthe, Programmreferentin)

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