Superkallifragilistisch-expialigetisch

Ein Rückblick auf die zweite Runde des Tandemprojektes der Internationalen Jugendbibliothek: „Wer bist du?“

Maganda, das klingt harmonisch, das klingt weich, das schmeichelt der Zunge. Das Wort sieht auch angenehm aus, in sorgsamer Schrift mit dickem violettem Filzstift auf einem kleinen Kärtchen notiert. Dieses Prachtexemplar haben wir zusammen mit Zungenbrechern wie škafiškafnjak und Lautmalerischem wie tarllabuq aus unserer Wortschatzkiste gefischt, um damit zu spielen. Maganda klingt nach einem großen, sanften Tier. Oder doch eher nach einer leckeren Frucht? Škafiškafnjak erinnert an Schaschlik. Tarllabuq reimt sich auf Erdrutsch und Quatsch. Was die Wörter wohl wirklich bedeuten und aus welcher Sprache sie sein mögen? Das ist erst mal ganz egal.

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Foto: Juliana Krohn

Die genannten Fundstücke entstammen dem gemeinsamen Wortschatz unserer Gruppe: Zwölf Jugendliche zwischen dreizehn und fünfzehn Jahren sind in der Internationalen Jugendbibliothek zu einem zweiteiligen Tandem-Werkstatt zusammengekommen. Es geht ums Schreiben und Erzählen, um Dialog und Austausch – um das Brückenbauen zwischen sechs Neuankömmlingen einer Übergangsklasse, die Deutsch erst lernen, und sechs deutschen Jugendlichen einer Münchner Gymnasialklasse.

Gleich zu Beginn ist da ein Staunen über die Vielfalt von Sprachen, Schriften und Erfahrungen, die im Raum versammelt sind. Die Übergangsklasse bringt Kurdisch, Farsi, Albanisch, Kroatisch und Chinesisch ins Spiel, dazu eine Sprache, von der die meisten noch nie gehört haben: Tagalog, das auf den Philippinen gesprochen wird. Vielfalt kommt auch aus der Gymnasialgruppe: Anaïs mag sich nicht festlegen, ob sie Deutsche oder Französin ist, und schreibt ihre persönlichen Texte mit Freude auf Französisch. Sarah stammt aus einer ukrainisch-russischen Familie und probiert manches auf Russisch. Auch das Deutsche fasziniert: Argjent, leidenschaftlicher Wörtersammler aus Albanien, fragt seine Lehrerin nach dem längsten deutschen Wort und wirft „superkallifragilistisch-expialigetisch“ in die Wortschatzkiste.

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Foto: Juliana Krohn

Das Schreiben in der eigenen, der Herkunftssprache steht an erster Stelle, ob es um einen Gegenstand geht, der einem besonders wertvoll und bedeutsam ist, oder um kurze Gedichte zum Thema Freundschaft oder Familie. Beide Schreibimpulse führen ins Persönliche, die entstandenen Texte lassen nicht selten Sehnsucht und Vermissen anklingen, zeigen aber zugleich, was der oder dem Schreibenden Halt gibt. Und das kann ein kleines Stoffkaninchen sein.

Auch Gespräche über Familienfotos aus verschiedensten Kulturkreisen geben Raum, Persönliches so weit zu thematisieren, wie es in diesem Moment passt. Selbst wenn die abgebildete Familie geradezu gegenteilig sein mag, im Reden über die Foto-Familien ist die eigene Familie ebenso präsent.

Schreiben, Übersetzen und Miteinander-Sprechen gehen dabei Hand in Hand, und getreu dem Tandemprinzip gibt es neben Gruppengesprächen und stillen Schreibphasen immer wieder intensive Zeiten der Arbeit zu zweit. Schwer zu sagen, was das ist, wenn Sophie mit Antonio redet oder Reza und Sarah die Köpfe zusammenstecken. Wird hier gerade gemeinsam ins Deutsche übersetzt? Interviewen die deutschen Schülerinnen ihre Tandempartner, um mehr über deren Leben zu erfahren? Tauschen sie Familienerlebnisse aus?

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Foto: Juliana Krohn

Die anfangs ausgeteilten Werkbücher, die sich nach und nach mit Texten, Skizzen und Bildern füllen, wandern in diesen Gesprächsrunden hin und her: Sarah schreibt Reza eine Übersetzung in sein Buch, Sophie macht für Antonio Notizen. Und am Ende der ersten Runde geraten alle in einen Sprach- und Schriftrausch, Stifte und Hefte fliegen hin und her: Malst du mir meinen Namen auf Chinesisch? Und du auf Kurdisch? Schreib mir einen Satz auf Albanisch ins Buch, egal was, machst du das?

Wir als Leiterinnen finden die Szenen wilden Austauschs rundum beglückend. Oder, wie wir auch sagen könnten: maganda. Denn maganda ist das Tagalog-Wort für schön.

Die von Beate Schäfer und Tina Rausch geleitete Tandem-Schreibwerkstatt „Wer bin ich?“ fand im November 2016 an zwei Vormittagen in der Internationalen Jugendbibliothek statt. Beate Schäfer ist freie Lektorin und Übersetzerin, Tina Rausch freie Journalistin und Redakteurin. Beide führen seit vielen Jahren Schreibseminare und Literaturprojekte mit Jugendlichen durch.

Das Projekt wird vom Deutschen Übersetzerfonds im Rahmen des Projektes „In zwei Sprachen zu Hause“ gefördert.duef-logo_rgb

 

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Ein Gedanke zu „Superkallifragilistisch-expialigetisch

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