„Was hast du im Gepäck?“

Eine Sommerschule mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen
Abschlussbericht

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von links nach rechts: Kaneza Schaal, Binette Schroeder, Chris Myers, T. Leuthe, Peter Nickl

Vom 22. August bis zum 10. September fand in der Internationalen Jugendbibliothek in Schloss Blutenburg ein von der Binette Schroeder Stiftung gefördertes Projekt mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen statt. Die von der Internationalen Jugendbibliothek organisierte Sommerschule wurde von dem New Yorker Illustrator und Performancekünstler Chris Myers und von der New Yorker Schauspielerin, Theaterregisseurin und -pädagogin Kaneza Schaal durchgeführt. Mit der appellativen Frage „Was hast du im Gepäck?“ wurden Kinder und Jugendliche aus Münchner Gemeinschaftsunterkünften und Wohngruppen eingeladen, mit den beiden künstlerischen Projektleitern während der Sommerferien zu arbeiten und in Bildern ihre eigene Geschichte zu erzählen. Sei es zeichnend, malend, filmend oder im szenischen Spiel: Die Kinder und Jugendlichen sollten Geschichten künstlerisch umsetzen, in Bildern visualisieren und dabei Brücken zwischen Heimat und Fremde, der eigenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bauen. Die beiden New Yorker Künstler wurden für dieses Projekt angefragt, weil sie sich seit vielen Jahren mit Themen wie Flucht, Vertreibung, Ausgrenzung, Rassismus und Gewalt in künstlerisch außergewöhnlichen, oft experimentellen Projekten auseinandersetzen. [Read more…]

Die Vorbereitung und organisatorische Begleitung des Projekts
Die organisatorische Vorbereitung und Begleitung des Projekts übernahm Tanja Leuthe, Mitarbeiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Internationalen Jugendbibliothek. Sie bewarb die Sommerschule mit einer Projektskizze an Münchner Gemeinschaftsunterkünften und in Wohngruppen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. In dieser Phase war noch nicht entschieden, ob man die Sommerschule mit Teilnehmern einer Gemeinschaftsunterkunft in den dortigen Sozialräumen durchführen würde, ob man einen Raum in einer Kirchengemeinde oder in einer anderen Einrichtung für das Projekt suchen müsse oder ob die Sommerschule in dem am westlichen Stadtrand gelegenen Schloss Blutenburg, Sitz der Internationalen Jugendbibliothek, stattfinden könne. Um diese und weitere Fragen zu klären, besuchte Frau Leuthe im Sommer verschiedene interessierte Flüchtlingseinrichtungen und sprach mit den dortigen Leitern und Sozialpädagogen. Dabei stellte ich schnell heraus, dass die Sommerschule nicht nur mit einer Gemeinschaftsunterkunft zu realisieren war, sondern dass das Projekt für Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Gemeinschaftsunterkünften und Wohngruppen geöffnet werden musste. Die Idee, eine feste Gruppe für die gesamte dreiwöchige Dauer der Sommerschule zu bilden, wurde verworfen, weil oft nicht sicher war, wie lange die geflüchteten Familien oder unbegleiteten Kinder und Jugendliche überhaupt in einer Unterkunft bleiben würden. Zudem waren die meisten Kinder und Jugendlichen durch andere Aktivitäten und Sprachkurse auch in den Ferien eingespannt und konnten deshalb nur tage- oder wochenweise die Sommerschule besuchen.

09_september-1Vor diesem Hintergrund fiel die Entscheidung, die Sommerschule als offene Veranstaltung in den Räumlichkeiten der Internationalen Jugendbibliothek in Schloss Blutenburg durchzuführen. Dies war mit einigen Risiken verbunden. Würden genug Kinder und Jugendliche freiwillig aus der Innenstadt oder sogar aus dem Münchner Osten bis an den westlichen Stadtrand fahren, um an dem Projekt teilzunehmen? Um eine gewisse Planungssicherheit zu haben, stand Frau Leuthe deshalb im Vorfeld und während der laufenden Sommerschule mit verschiedenen Unterkünften in Kontakt, führte Namenslisten, die zumindest einen Anhaltspunkt gaben. Letztlich kam es dann immer wieder vor, dass angemeldete Kinder nicht erschienen, dafür aus anderen Unterkünften sehr viel mehr Teilnehmer als angekündigt morgens im Schlosshof standen. Spontan wurden zudem deutsche Kinder und Jugendliche eingeladen, ebenfalls die Sommerschule zu besuchen und so mit gleichaltrigen Geflüchteten ins Gespräch zu kommen. Dieses Konzept ging am Ende auf.

Die Sommerschule
Insgesamt nahmen 31 geflüchtete Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren aus sechs verschiedenen Gemeinschaftsunterkünften und Wohngruppen an dem Projekt teil. Viele von ihnen waren Kriegsflüchtlinge, die noch nicht lange in Deutschland lebten. Sie kamen aus Afghanistan, Armenien, Eritrea, Irak, Iran, Mali, Nigeria, Somalia, Syrien und der Ukraine. Außerdem stießen einige deutsche Jugendliche und zwei kanadische Kinder hinzu, für die das Projekt die besondere Gelegenheit bot, gleichaltrige Geflüchtete kennenzulernen. Gearbeitet wurde von Montag bis Freitag von 10 Uhr bis 16 Uhr im Malstudio, Christa Spangenberg Saal und im Schlosshof. Im Restaurant in der Blutenburg gab es mittags für alle Teilnehmer ein gemeinsames kostenloses Mittagessen.

foto6Ausgangspunkt für die kreative Arbeit von Kaneza Schaal und Chris Myers mit den Kindern waren Fragen wie: Welche Gegenstände hattest du auf deiner Flucht dabei? Wie sieht eine Karte deines Fluchtweges aus? Wie klingt deine Heimat? Welche Geschichten und Mythen hast du mitgebracht? Wie sieht eine Flagge des Landes aus, in dem du gerne leben würdest? Wie stellst du dir deine Zukunft vor? Auf diese Fragen sollten die Kinder und Jugendlichen künstlerische Antworten geben. Dabei arbeiteten sie nicht nur mit Stift und Farbe und malten Bilder, sondern entwickelten eigene Geschichten, die sie in einem Storyboard szenisch skizzierten und anschließend in Kurzfilmen umsetzten.

Sie entwarfen Karten von ihrer oft monatelang dauernden Flucht, indem sie die Reise von07-september-2 Land zu Land und die Transportmittel, die sie nutzen mussten, malten und dabei bisweilen fast wie nebenbei von traumatischen Begegnungen und Verlusten erzählten. Sie malten fiktive Flaggen, in die sie ihre Träume und Vorstellungen von einem neuen Zuhause hineinzeichneten. In diesen Sehnsuchtsländern konnten etwa Musik und Tanz dominierend sein oder es herrschte die pure Lebensfreude, die sich in einer abstrakten Farbexplosion entlud. Auf anderen Bildern inventarisierten die Kinder und Jugendlichen zeichnerisch Gegenstände, mit denen sie sich auf die Flucht gemacht hatten. Das Handy, die Wasserflasche und Medikamente waren immer dabei.

Es entstanden mehrere Kurzfilme, für die die Kinder und Jugendlichen Storyboards als Grundlage für die filmische Umsetzung der ausgedachten Geschichte zeichneten. Drei irakische Mädchen dachten sich beispielsweise ein modernes Märchen von drei Tänzerinnen aus, die von einer Hexe vergiftet werden und nicht mehr tanzen können. Zwei Kinder aus Mali und dem Irak erfanden eine rührende Freundschaftsgeschichte von zwei Jungen, die sich trotz verschiedener Sprache und kultureller Hintergründe anfreunden und in der Fremde einander Halt geben. Für die Filme bastelten die Kinder Requisiten und verkleideten sich mit Kostümen, die Kaneza Schaal aus New York mitgebracht hatte.

Weiterhin beschäftigten sich die Kinder und Jugendlichen spielerisch mit ihrem Selbstbild und ihren Wünschen, indem sie sich verkleideten und sich in selbst gewählten Posen alleine oder in Gruppen fotografieren ließen. Dabei entstanden eindrucksvolle Aufnahmen, die einen tiefen Einblick in die innere Verfassung der Kinder und Jugendliche gaben und ihre Sehnsüchte zeigten.

bibfuhrung1Außerhalb der kreativen Arbeitsphasen konnten die Kinder und Jugendlichen verschiedene Angebote mitmachen, die das Projekt ergänzten. Sie wurden durch die Internationale Jugendbibliothek geführt, lernten die Kinderbibliothek mit Büchern in vielen Sprachen, darunter auch Arabisch und Farsi, kennen und besuchten Münchner Museen wie die Alte und Neue Pinakothek.

dsc_0014Der Abschluss des Projekts wurde mit einer Vernissage gefeiert, zu der alle Teilnehmer mit ihren Freunden und Familien und ein interessiertes Publikum eingeladen waren. Die Kinder und Jugendlichen bauten gemeinsam mit den Projektleitern im Christa Spangenberg Saal eine Ausstellung mit einer Auswahl ihrer Arbeiten und der Fotografien auf. Die während des Projekts entstandenen Filme wurden auf mehreren Monitoren gezeigt, und ein in kleiner Auflage produziertes Buch mit Texten und Fotos dokumentierte künstlerisch-assoziativ den Arbeitsprozess der vergangenen drei Wochen. Die Kinder und Jugendlichen erklärten ihre Arbeiten ihren Freunden und Familienangehörigen, gingen aber auch aktiv auf Fremde zu und erzählten über sich und über die Bilder, Fotos und Filme, an denen sie mitgewirkt hatten.

dsc_0071Der Außenstehende wurde dabei Zeuge einer tiefen Verbundenheit, die während der Sommerschule unter den Teilnehmern untereinander und mit den charismatischen New Yorker Künstlern entstanden war. Nicht nur die Persönlichkeit der beiden Projektleiter, sondern auch der Umstand, dass Chris Myers selber ein zwar verständliches aber gebrochenes Deutsch spricht, hatte den Zugang zu den Kindern enorm erleichtert. Zu den Erkenntnissen aus dem Projekt zählte dabei auch, dass sich die Kinder und Jugendlichen trotz der unterschiedlichsten Sprachkenntnisse miteinander bestens verständigen konnten, wobei einzelne Kinder die Rolle des Dolmetschers einnahmen und so zwischen den Sprachen Deutsch, Englisch, Kurdisch, Arabisch etc. vermittelten. Wenn das nichts half, verständigte man sich mit Gesten und Mimik.

Für viele Kinder war die Teilnahme an der Sommerschule eine extrem bereichernde Erfahrung. Die Leiterin einer Gemeinschaftsunterkunft berichtete von drei irakischen Mädchen, die die Sommerschule besuchten und „wie verwandelt“ wirkten. Die künstlerische Auseinandersetzung mit der eigenen Fluchtgeschichte, mit seinen Wünschen und Träumen schaffte es, dass sich die Kinder und Jugendlichen öffneten und für eine positive Selbstwahrnehmung gestärkt wurden. Sie erfuhren die verändernde Kraft eigener Kreativität und erkannten – vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben – intuitiv die Bedeutung bildnerischen Erzählens für ihr eigenes Leben.

Über die Sommerschule wurde in der Süddeutschen Zeitung ausführlich berichtet, und sie war Aufmacher in der Obermenzinger Lokalpresse. Auf den Sozialen Kanälen der Internationalen Jugendbibliothek und auf dem Bibliothekblog wurde laufend über das Projekt mit Videobeiträgen und Mitteilungen berichtet. Die Projektbetreuerin der Internationalen Jugendbibliothek ist bereits auf verschiedene Fortbildungsveranstaltungen von Bibliothekaren, Erziehern und Literaturvermittlern eingeladen, um über die Sommerschule zu berichten. Weitere Anfragen sind zu erwarten.

(TL und CR)
München, Oktober 2016

Dieses Video vermittelt einen Eindruck über die drei Projektwochen:

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