Eine Sprache finden

Ein Tandemprojekt der Internationalen Jugendbiblitohek mit Übergangsschülern und Gymnasiasten.

Eindrücke von Projektleiterin Lena Gorelik:

tandemprojekt_gorelik-9Wenn Menschen aufeinander treffen, treffen Eigenheiten, Sprachen, Vorstellungen, Ideen, Ängste, Erinnerungen und Erwartungen aufeinander. Es ist ein Mittwoch, an dem sechs Übergangsschüler der Mittelschule an der Ichostraße und sechs Schüler des Adolf-Weber-Gymnasiums zum ersten Mal zum Tandemprojekt „Eine Sprache finden“, einer gemeinsamen Schreibwerkstatt, aufeinander treffen, aber es treffen diesmal eben mehr als nur Schüler aufeinander. Jungs und Mädchen, sechs Sprachen, zwölf Leben im Hintergrund und Hunderte von Geschichten, die erzählt werden können.
Alles beginnt mit einem Gegenstand von Bedeutung: Jeder bringt etwas mit, was für ihn einen besonderen Wert hat, der für andere nicht sichtbar ist. Da ist ein Fussball, da ist eine Kette, da ist ein Federmäppchen, da ist ein Teddybär, da ist ein Anhänger. Es werden Fragen gestellt, und es werden Geschichten aufgeschrieben: Die eigenen und fremde, die aus dem Leben und die im Kopf entstandenen, Gegenstände wechseln den Besitzer und damit den Erzähler, man schreibt alleine, man schreibt in Tandems, man spricht, und wenn man nicht sprechen kann, dann malt man. Geschichten werden gemischt, Worte ausgetauscht, Sätze verwechselt und Sprachen miteinander verbunden. Wo Worte fehlen, werden Bilder und Pantomime-Bewegungen zu Hilfe genommen. Der Fluss, der durch diesen Prozess entsteht, ist ein natürlicher, kein von außen gesteuerter: Die Tandems, die Sprachen, die Erklärungen finden sich von selbst.tandemprojekt_gorelik-10
Fragen, die im Vorfeld im Kopf eines Erwachsenen, eines Seminarleiters auftauchen – wie die nach einer gemeinsamen Sprache, nach der Suche nach geeigneten und für alle passenden Schreibübungen und -spielen, nach kulturellen Unterschieden, die einer Erklärung bedürfen würden – werden beiseite gewischt. Wenn die Gymnasialschüler für die Übergangsschüler backen, dann lassen sie die Gelatine weg, ohne dass man sie an muslimische Speisevorschriften erinnern muss. Wenn die Übergangsschüler mit einer Aufgabe nicht weiter kommen, wenden sie sich an die Gymnasialschüler, bevor sie den Lehrer oder die Seminarleiterin fragen.
tandemprojekt_gorelik-12Wenn die Kenntnisse der deutschen Sprache – auch unter den Übergangsschülern – so weit auseinander reichen, von Muttersprache bis Sprachfetzen, kommt man nicht umhin, mit verschiedenen Sprachen zu arbeiten. Das führt dann zu einem wunderbaren Mischmasch an Texten, die zum Beispiel dadurch verbunden sind, dass sie in zwei verschiedenen Sprachen die Geschichte eines Gegenstands erzählen, dass sie von einer Sprache in die andere wechseln, oder fantasievolle Übersetzungen sind. Das führt dann auch zu wunderbar lyrischen Experimenten, die entstehen, wenn vier bunt gemischte Schüler – die sich hierzu immer mit großer Freude meldeten – mit Sätzen um sich werfen, die sich aus den verschiedenen Gedanken, Sprachen, Assoziationen und Wünschen aufbauen: „Blau heißt أزرق auf Arabisch. أزرق klingt wie ein Tiername. Ein schöner Tiername ist auch Gepard. Ein Gepard ist stark. Stark bin ich…“

Lena Gorelik ist eine deutsche Journalistin und Schriftstellerin, die zusammen mit ihrer russisch-jüdischen Familie 1992 nach Deutschland kam. Sie führt regelmäßig Schreibprojekte mit Jugendlichen durch.

Das Projekt wird vom Deutschen Übersetzerfonds im Rahmen des Projektes „In zwei Sprachen zu Hause“ gefördert.duef-logo_rgb

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Ein Gedanke zu „Eine Sprache finden

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