Über Zukunft und Erinnerung: Interview mit dem polnischen Kinderbuchautor Marcin Szczygielski

Im Rahmen des Netzwerktreffens ViVaVostok war der polnische Kinder- und Jugendbuchautor Marcin Szczygielski zu Gast bei uns, um zusammen mit seinem Übersetzer unter anderem über seinen neuen, im Mai 2016 erscheinenden, Roman Hinter der blauen Tür zu sprechen (Hinter der blauen Tür (Za niebieskimi drzwiami). Aus dem Polnischen von Thomas Weiler. Sauerländer 2016).

Der preisgekrönte Journalist und Autor Marcin Szczygielski, geboren 1972 in Warschau, schreibt seit 2009 Bücher für Kinder und Jugendliche. Zu seinem zuletzt auf Deutsch erschienenen Roman Flügel aus Papier (Flügel aus Papier (Arka Czasu). Aus dem Polnischen von Thomas Weiler. Sauerländer 2015) hat uns Marcin Szczygielski ein paar Fragen beantwortet.

Foto_Marcin Szczygielski

Zum Roman

Mit Büchern aus der Bibliothek gelingt es dem kleinen Rafał, den schweren Alltag im Warschauer Ghetto in der Fantasie zu durchbrechen. Besonderen Eindruck macht H. G. Wells` Die Zeitmaschine auf ihn. Als es gelingt, Rafał aus dem Ghetto zu schmuggeln, verschwimmen die Grenzen zwischen Wells` Roman und der für Rafał gefährlichen Welt außerhalb des Ghettos. Ein Changieren zwischen Realität und Fiktion, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beginnt…

Interview

Wie kamen Sie darauf, in Ihrem Roman die Lebenswirklichkeit von Juden im Warschauer Ghetto mit einer Science-Fiction Thematik zu verbinden?

Kinder und Jugendliche in Polen interessieren sich leider nicht sehr für Geschichte, geschweige denn den Holocaust. Früher erschien es unangemessen, schlimme geschichtliche Ereignisse wie den Holocaust mit Science-Fiction Elementen zu vermischen. Die Zeiten haben sich aber geändert und die neuen Generationen setzten sich mit diesen Ereignissen auf andere Art und Weise auseinander. Ich persönlich habe mich mit dem Warschauer Ghetto aufgrund von Erzählungen einer Freundin, die im Ghetto gelebt hat, näher beschäftigt. Ich begann mich mit der Geschichte das Warschauer Ghettos auseinanderzusetzten, vor allem mit der Rolle von Bibliotheken im Ghetto und mit schriftlichen Zeugnissen von Kindern aus dem Ghetto, die nahelegen, dass das Lesen von Büchern für sie eine Flucht aus der schrecklichen Wirklichkeit beinhaltete und das Schreiben darüber eine sinnstiftende Funktion erfüllte. Die Zeitreise Rafałs in die heutige Gegenwart soll die Kinder der heutigen Generation in die Romangeschichte einbinden und ihnen das Erinnern und die Reflektion über die Vergangenheit leichter machen.

 
Wenn Sie eine Zeitmaschine hätten, würden Sie lieber in die Vergangenheit oder in die Zukunft reisen?

Seit ich ein Kind war habe ich über diese Frage nachgedacht. Besonders nachdem ich die Verfilmung von H.G. Wells‘ Zeitmaschine von 1960 gesehen und im Anschluss das Buch gelesen habe. Sicherlich würde ich gerne in die Vergangenheit reisen, um Zeuge bedeutender historischer Ereignisse zu sein, aber wenn ich nur eine Chance hätte, würde ich wohl eher in die Zukunft reisen.

Der Zeitreisende in H.G. Wells` Die Zeitmaschine von 1985 hat wenig Positives über die Zukunft zu berichten. Was sind Ihre Zukunftsprognosen?

Wenn man zurückblickt und sich bewusst wird, dass alles vergänglich ist, ist meine Prognose wenig optimistisch. Allerdings, dank Technik und Fortschritt haben wir die Möglichkeit, eine der langlebigsten Zivilisationen der Geschichte der Menschheit zu werden. Besonders wichtig ist es, dass junge Generationen die Vergangenheit in der Gegenwart nicht vergessen. Nur so können Fehler der Vergangenheit vermieden werden. Dies scheint auch in der gegenwärtigen Flüchtlingskrise besonders dringlich zu sein.

(KS)

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