Geflüchtete Jugendliche entdecken die Internationale Jugendbibliothek

Gastbeitrag von Henning Schroedter-Albers zum Besuch einer Flüchtlingsgruppe in der Internationalen Jugendbibliothek

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am 10.02.2016 erkundeten die Jugendlichen die IJB

Nichts anderes hatte die Gründerin der IJB Jella Lepman mit der Kinderbuchbrücke im Sinn gehabt, als deutsche Kinder nach 1945 vom Horror der Kriegsjahre und von der geistigen Einschränkung durch die Nazi-Gewaltherrschaft mit dem Gewinn der Lektüre und dem Bekanntwerden der internationalen Jugendliteratur in eine freiheitliche Welt zu versetzen.

Die Flüchtlingswelle speziell von syrischen, afghanischen und somalischen unbegleiteten Jugendlichen brachte eine Privatinitiative von Frau Stephanie Schaidt der Universität Augsburg in Partnerschaft mit Kolleginnen des dortigen Maria-Theresia-Gymnasium zu dem bewundernswerten Projekt, eine Gruppe von bereits in Augsburg untergebrachten Jugendlichen weg vom erfahrenen Horror zum Einstieg in die Geistesfreiheit von Literatur zu bringen.

Nach ersten einfühlsamen Zusammenkünften der Annäherung dieser Gruppe durch die Projektleitung in Augsburg, sie mit gleichaltrigen Deutschen bekannt zu machen und auszuloten, ob ein Besuch der Internationalen Jugendbibliothek Blutenburg für sie gewinnbringend wirken kann, konnte ich die Gruppe von acht Jugendlichen aus Afghanistan, Syrien und Somalia zusammen mit ihren Partnerinnen des Augsburger Gymnasiums und der Projektleiterin Frau Stephanie Schaidt in der Blutenburg empfangen. Um ihnen den geschichtlichen Hintergrund der Burg zu umreißen, machte ich sie gesprächsweise kurz mit der Geschichte von Prinz Albrecht und Agnes Bernauer bekannt: ein historisches Geschehen, das ihnen zeigen sollte, wie man auch im christlichen Mittelalter Europas unter scheinheiligem Hinweis auf Rechtmäßigkeit mit unbequemen Personen verfuhr. Das Frage- und Antwortspiel lockerte sie in eine offene, leichte Gesprächsatmosphäre auf, was für die anschließende Führung durch die vier Gedenkräume (Binette Schroeder, James Krüss, Michael Ende, Erich Kästner) wichtig war, denn sie sollten dabei ihre Beobachtungen und Fragen ungehemmt äußern können. Meine Erfahrungen bei Schulbesuchen in asiatischen und afrikanischen Ländern hatten mich mit dem strengen Unterrichtsverhalten gelehrt, dass man nur durch bewusst persönliche Ansprache auf Augenhöhe das Vertrauen Jugendlicher aus diesen Ländern gewinnen kann.

So konnte als Einstieg die Ausstellung „Über Tisch und Bänke“ zur Bilderwelt von Ilon Wikland gleich wunderbar mit den darin dargestellten Kindheitserfahrungen der estischen Künstlerin zu der Erkenntnis dienen, wie das unfreiwillige Verlassen von Heimat sich in der persönlichen Entwicklung in der Gesellschaft dank gastfreundlicher Helfer positiv auswirken kann. Sowohl Wiklands Bilder ihrer eigenen Kindheitserinnerung wie die Illustrationen der randalierend fröhlichen und dem Kindesrecht auf Selbstbewusstsein hinzielenden Geschichten von Astrid Lindgren wurden mit wachen Augen und treffenden

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aufmerksame Jugendliche in der Ilon Wikland Ausstellung

Bemerkungen von den Jugendlichen wahrgenommen. Sie setzten sich über alle Schwächen im deutschen Wortschatz seltener geschickt durch Begriffe aus dem Englischen, mehr durch Umschreibung des Sachverhalts hinweg: eine bewundernswerte Begabung nach nur sechs Monaten Aufenthalt in Deutschland und keinem regelmäßigen intensivem Sprachunterricht beim Goethe-Institut!
Ein Augsburger Arbeitspapier mit Fragen zu grundsätzlichen Informationen, die bei jeder Führung durch die Blutenburg zu erfahren sind, füllten die Jugendlichen mit großem Eifer aus, und mit neugierigem Blick auf ihre Notizen konnte ich erfreut feststellen, dass sie alles Wesentliche sehr schön erfassten.

Im Binette Schröder Kabinett fanden die Jugendlichen besonderen Gefallen an der Geschichte und den Illustrationen von „Krokodil, Krokodil“. Die Szenerie am Nil, wie auch das Erlebnis vom Krokodil des Andersseins in Paris kam ihnen bekannt vor und konnte sie in der Leichtigkeit der Erzählweise und der Illustration von Binette Schroeder amüsieren.
Die Erzählung von „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ stimmte die Jugendlichen beim Besuch des James Krüss Turms zu Recht sehr ernst. Es hätte eines separaten Gesprächs in anderer Atmosphäre bedurft, die Erfahrungen der Jugendlichen zu diskutieren, die sie im Verlauf ihrer Flucht wohl mit Erwachsenen machen mussten, um sich wie Timm Thaler aus Gefahrenzonen wieder frei kaufen zu können.
Edgar Endes Gemälde von seinem sechzehnjährigen Sohn Michael, dargestellt nach einer Traumerzählung, fesselte die Jugendlichen im Michael Ende Museum am stärksten. Sie interpretierten den Gesichtsausdruck sehr einfühlsam als Sehnsucht nach den Eltern.
Beim Besuch des Erich Kästner Zimmers waren die Jugendlichen bereits so locker, dass sie angeregt durcheinander Fragen zum Leben des Künstlers, seinen bekannten Geschichten und seinem Erfolg in der Literaturwelt stellten. Es beeindruckte sie sehr, dass Kästner nach einem anfänglichen Schreibverbot dann aber doch mit seinen aufmüpfigen Kindergeschichten auch in der Nazi-Zeit erfolgreich war.
Den Abschluss der Führung bildete die Besichtigung der Ausleihbibliothek, wo die Jugendlichen Bücher in ihren Heimatsprachen Arabisch und Farsi aus den Regalen heraus suchten. Frau Poeschke hatte mit großem Verständnis meinen Empfehlungen entsprochen und außerdem Bücher auf Dari (einer der Sprachen in Afghanistan), Arabisch und auf Englisch (Publikationen aus Nigeria) aus dem Archiv ausgesucht. Diese Bücher wurden der Gruppe für weitere Partnerarbeit am Nachmittag mithilfe von Arbeitsblättern der Augsburger Projektleitung überlassen.

Henning Schroedter-Albers gibt seit vielen Jahren ehrenamtliche Führungen in der IJB und ist als Vorsitzender des Fördervereins der Bibliothek in deren Stiftungsrat vertreten.

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