James Krüss Preis 2015: Hummerklippen und Wüstenwind

Eindrücke von einer Preisverleihung von Salah Naoura

Eins steht gleich bei unserer Ankunft fest: Die Verleihung des James-Krüss-Preises ist eine heiße Angelegenheit, denn an diesem Donnerstag Anfang Juni liegt Schloss Blutenburg unter einer Glocke aus brütender Saharaluft, ein Hoch aus Afrika, das soeben Süddeutschland passiert. Ein Hoch auf Frank Cottrell Boyce sozusagen, was bestens passt, weil ihm an diesem Tag der James-Krüss-Preis für sein Werk verliehen wird (und mir als Übersetzer mit, was mich freut und ehrt). Auch der kleine Schlosshof mit seinen Trutzburgmauern wirkt irgendwie passend, ein in sich geschlossener Mikrokosmos, wie ihn Boyce in seinen Büchern immer wieder erschafft, autarke Miniwelten, in denen sich seine Geschichten abspielen. Und weil auch das Skurrile in seinen Büchern niemals fehlt, stolzieren und stöckeln in der Pause zwischen Schülerlesung und Preisverleihung ein paar zünftige Lederhosen-Buam und grellbunte Dirndl-Madln an uns vorbei, die sich beim Fototermin am See als verkleidete Russen entpuppen. Nach dem Mittagessen gibt es eine Schlossführung durch die Internationale Jugendbibliothek und die dazugehörigen Ausstellungen und Mini-Museen, wo mir Autoren und Illustratoren meiner Kindheit wiederbegegnen: Binette Schroeders bizarre Bilderbuchwelten, das Erich Kästner Zimmer mit Kästners Sessel (Boyce, der gerade ein Drehbuch zu „Emil und die Detektive“ schreibt, fotografiert begeistert), der Nachlass von Michael Ende (ich, der ich früher ein glühender Ende-Verehrer war, bestaune den Kleiderschrank aus Michaels Kinderzeit, düster-surreal bemalt von seinem Vater Edgar). Und dann natürlich der kleine James Krüss Turm mit dem Nachlass von James Krüss, dem Helgoländer Hummerklippen-Dichter, Sprachspieler und Kämpfer gegen die britischen Pläne zur völligen Zerstörung Helgolands nach dem Zweiten Weltkrieg. In seinem Andenken ist der Preis gestiftet worden, und ich muss zerknirscht zugeben, dass Krüss bei mir ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Gärtner Ming fällt mir wieder ein, in dessen Gartenreiche am Gartenteiche leider alle unglücklich verliebt sind. Timm Thaler, der sein Lachen verkaufte und durch die Serie mit Tommi Ohrner zum Fernsehstar wurde. Im Krüss-Nachlass entdecke ich überraschende Parallelen: Genau wie ich liebte der Helgoländer Sprachen, Laute und Wortspiele, zeichnete gern, schrieb selber und übersetzte und hatte eine besondere Affinität zu wortakrobatischer Lyrik. Kein Zweifel: Ich muss dringend wieder Krüss lesen. JamesKrüss_Preisverleihung 045 Die Preisverleihung am Abend beginnt fulminant mit Ravels Bolero – in einer Kammerversion mit Akkordeon und (im raschen Wechsel) Flöte, Dudelsack, Geige und Gesang. Die Musikerinnen Maria Reiter und Monika Drasch verblüffen uns zwischen den Redebeiträgen immer wieder mit einem grandiosen Mix aus Texten und Tönen und beweisen am Ende, was kein Nicht-Bajuware ahnte: dass sich unsere Namen sogar jodeln lassen. Die Redebeiträge sind allesamt kurzweilig und knackig, die Urkundenüberreichung herzlich, und in seiner Dankesrede überrascht uns Frank Cottrell Boyce mit den Ergebnissen eines einmonatigen Schnellstudiums der deutschen Sprache: „Der Schriftsteller vörsteckt sein Hörz in seinem Buch“, sagt er. Und später, wieder in seiner eigenen Sprache angekommen, britisch-lakonisch: „I’m very sorry that the British were bombing Helgoland during the Second World War – I promise, we won’t do it again.“ Charmant, witzig und unwiderstehlich liebenswürdig ist er, genau wie seine Frau Denise, die Erfinderin der Mär, das Leber lebt: „Legen Sie sie mal auf einen Teller, kommen Sie zehn Minuten später wieder, und sie hat sich bewegt. Grauenvoll.“ (Nachzulesen in „Meisterwerk“, Carlsen, Hamburg 2006, Seite 230.) Nur für sie natürlich hat der charmante Boyce (angeblich) mal eben kurz Deutsch gelernt, denn als ich ihn frage, wie er auf die Idee kam, antwortet er: „I always need something to surprise my girl!“ So unvergessen wie sein „Unvergessener Mantel“ (Carlsen, Hamburg 2012) wird auch dieser heiße Tag auf Schloss Blutenburg bleiben. Herzlichen Dank dafür und erst recht für diesen schönen Preis! Frank Cottrell Boyce’ Kinderbücher werden von Salah Naoura, ebenfalls bekannter Kinderbuchautor, kongenial ins Deutsche übersetzt.

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