Guten Tag, lieber Feind: Grüße nach Kiew

Vom 22.04. – 26.04.2015 findet in Kiew in der Ukraine das Arsenal Book Festival statt. Zwei unserer Kolleginnen stellen dort die Internationale Jugendbibliothek vor und berichten über Workshops zu unserer Ausstellung „Guten Tag, lieber Feind“. Im Vorfeld dieser Veranstaltung wurde unsere Direktorin Frau Dr. Christiane Raabe für das ukrainische Literaturportal „Chytymo“ interviewt.

Vielen Dank, liebe Kateryna Iesikova, für die nette Zusammenarbeit!

1. Wie entstand die Idee des Projekts? Wodurch wurde diese Idee verursacht?

Das Thema Bilderbücher für Frieden und gegen Krieg, Ausgrenzung, Hass und Gewalt beschäftigt unser Haus schon seit vielen Jahren. Die Internationale Jugendbibliothek ist nach dem Zweiten Weltkrieg als Werk der Versöhnung und Völkerverständigung entstanden. Kinderbücher als Botschafter für Frieden, Freiheit und Weltoffenheit zu sammeln und zu vermitteln, war und ist ein wichtiger Auftrag unserer Bibliothek. In diesem Geist steht auch die Ausstellung „Guten Tag, lieber Feind! Bilderbücher für Frieden und Menschlichkeit“. Bereits 1996 stellten wir eine Auswahl von Bilderbüchern zu dem Thema für einen internationalen Kongress in Indien unter dem Thema „Peace and Tolerance“ zusammen. Das Interesse an den Büchern war so groß, dass daraus eine erste kleine Ausstellung entstand, die seither mehrfach überarbeitet und aktualisiert wurde.

Dach Zuletzt haben wir die Ausstellung im letzten Herbst inhaltlich und gestalterisch komplett überarbeitet. Sie sollte ein Beitrag zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 werden, hat aber durch die weltpolitischen Entwicklungen, vor allem durch den Krieg in der Ukraine, im Irak, Syrien und Jemen eine beunruhigen Aktualität bekommen.

2. Wie viele Bücher sind in diesem Projekt? Warum wurden eben diese Veröffentlichungen ausgewählt? Haben die etwas Ähnliches?

Wir haben 60 Bilderbücher aus aller Welt für die Ausstellung ausgewählt, die die literarische und bildnerische Bearbeitung verschiedener Aspekte des Themas wie „Entstehung und Eskalation von Gewalt“, „Flucht, Vertreibung und Zerstörung“ oder „Antikriegsbücher und Friedensutopien“ zeigen. Unter den Büchern befinden sich Kinderbuchklassiker wie „Ferdinand der Stier“ von Munro Leafs aus dem Jahr 1936 – das erste Antikriegsbuch der Kinderliteratur –, oder Erich Kästners „Die Konferenz der Tiere“, die Mehrzahl der Titel stammt jedoch aus den letzten fünfzehn Jahren. Die literarische und bildnerische Qualität und die internationale Vielfalt spielten für die Auswahl eine große Rolle. Ebenso wichtig war es uns, dass die Bilderbücher nicht verstören, sondern Erkenntnisprozesse anstoßen sollen.

3. Warum sollen die Kinder über den Krieg sprechen? Und wie ist es besser darüber zu erzählen?

Sie erfahren in der Ukraine derzeit am eigenen Leibe, dass wir heute von einer „Kultur des Friedens“, wie sie die UNESCO seit Jahren fordert, weit entfernt. Bilder von Gewalt, Zerstörung, Armut, Elend und Sterben beherrschen die Nachrichten in der Welt. Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten des Nahen Ostens und aus Afrikas kommen täglich nach Westeuropa. Sie haben 1 Million Flüchtlinge, die vor dem Krieg in der Ostukraine fliehen. Kinder sind auf vielfache Weise mit Krieg, Feindseligkeit, Ausgrenzung und Flucht konfrontiert. Die einen haben die schrecklichen Folgen des Krieges, der Zerstörung und Flucht bereits selbst erlebt. Die anderen kennen das Grauen aus Bildern, die sie im Fernsehen oder in der Zeitung sehen oder von dem sie aus den Gesprächen der Erwachsenen eine Ahnung bekommen.

Bilderbücher, die sich auf literarischem und künstlerischem Weg mit dieser Thematik beschäftigen, können Denkanstöße geben und Gesprächsanlässe sein. Sie zeigen Hintergründe für Krieg und Gewalt auf, etwa Fremdenfeindlichkeit, Vorurteile oder Machtmissbrauch. Gleichzeitig enden sie oft mit einem Blick in eine bessere Zukunft, in der trennende Mauern fallen, FeindKofferschaften überwunden und Frieden hergestellt werden. Machtkämpfe und eskalierende Konflikte werden gemeinsam beigelegt, und das Gespräch siegt über körperliche Gewalt. Offenheit, Neugier und Empathie, – so die Botschaft vieler Bücher –, ist eine wichtige Voraussetzung für ein friedliches, menschliches Miteinander der Kulturen und Völker.

Die einfache Geschichten und die oft witzigen, manchmal comic-haften, naiven oder farbenfrohen Illustrationen schaffen eine wichtige Distanz zwischen den realen Ereignissen und der Bilderbuchwirklichkeit. Pathos wird ebenso vermieden wie schockierende Direktheit. Vielmehr werden in vielen Bilderbüchern mit dem literarischen Muster der Tierparabel gearbeitet oder charakteristische Stilmittel der Bilderbuchillustration wie Humor, Mimik, Gestik, Überzeichnung oder Vereinfachung eingesetzt. So entsteht eine Balance zwischen der Ernsthaftigkeit des Themas und der Zumutbarkeit für Kinder.

4. Wie wurde dieses Projekt in Deutschland wahrgenommen? Wird es weltbekannt?

Das Thema und die überarbeitete Ausstellung hat in der deutsche Öffentlichkeit ein großes Echo gefunden. Wir arbeiten fast täglich mit Schulklassen und Gruppen in der Ausstellung. Auch Lehrerinnen und Lehrer und Lehramtsstudenten sind an dem Thema interessiert und machen Fortbildungen und entwickeln Vermittlungskonzepte für die Ausstellung.

Weltweit wurde die Ausstellung in ihrer älteren Fassung bereits an mehr als 100 Orten in der Welt gezeigt. Sie entfaltet vor allem in solchen Regionen und Ländern eine große Wirkung, in der kriegerische Auseinandersetzungen, Gewalt und Flucht eine besonders große Rolle spielen.

5. In diesem Jahr wurde das Buch „Krieg, der Rondo geändert hat“ die Werkstatt „Ahrafka“ aus der Ukraine in Bologna prestigeträchtig prämiert. Das Kinderbuch über den Krieg. Haben Sie darüber gehört? Ist dieses Buch anerkannt?

Natürlich. Leider konnten wir das Buch nicht in die Ausstellung aufnehmen, weil es erst nach Eröffnung der Ausstellung erschien. Ich war in Bologna bei der Preisverleihung dabei, und eine meiner Kollegen war in der Jury des Bologna Ragazzi Awards. Ich bin mir sicher, dass es noch international Aufmerksamkeit bekommt.

6. Welche anderen Projekte hatten Sie noch in der Bibliothek? Was meinen Sie dazu, welche Projekte erfolgreich waren?

Wir haben ein umfangreiches Jahresprogramm an Ausstellungen, Lesungen, Tagungen, Werkstattgesprächen, Workshops etc. Es wäre zu viel, die Arbeit unseres Hauses aufzuführen. Zu den Höhepunkten zählt das White Ravens Festival für internationale Kinder- und Jugendliteratur, zu dem wir immer auch Autoren aus Osteuropa einladen. Für Sie interessant ist möglicherweise auch unser Förderprogramm ViVaVostok, das wir betreuen. Das Programm möchte eine Brücke zwischen Deutschland und Osteuropa bauen, indem mit Fördermitteln aus ViVaVostok Autoren und Illustratoren aus Osteuropa zu Lesungen und Workshops mit deutschsprachigen Kindern und Jugendlichen auf Festivals, Buchmessen oder Lesefeste eingeladen werden. Die deutschen Veranstalter laden seit letztem Jahr besonders gerne und oft Illustratoren und Kinderbuchautoren aus der Ukraine im Rahmen von ViVaVostok ein.

Hier noch die ukrainische Übersetzung

Advertisements

Ein Gedanke zu „Guten Tag, lieber Feind: Grüße nach Kiew

  1. Pingback: „Guten Tag, lieber Feind!“ auf dem „Arsenal Book Festival“ in Kiew | Internationale Jugendbibliothek / International Youth Library

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s