Tagung „James Krüss, der Zauberer mit Tinte“

Kruess2Am 12. Februar 2015 fand in der Internationalen Jugendbibliothek die erste wissenschaftliche Tagung zu James Krüss’ Werk statt. Anlass der Tagung war der Abschluss eines dreijährigen DFG-Projekts, in dem die etwa 150 Archivkästen des literarischen Nachlasses von James Krüss (1926-1997) geordnet und katalogisiert wurden. Sie können jetzt öffentlich zugänglich im Webkatalog „Kalliope“ recherchiert und nach Voranmeldung im Lesesaal der Internationalen Jugendbibliothek eingesehen werden.

Die Erschließung des Nachlasses eröffnet ein breit gefächertes Spektrum der Forschungsfelder und -themen, deren einige bei der Tagung durch die Referentinnen und Referenten vorgestellt wurden: Krüss’ Lyrik, Inszenierungen seiner literarischen Figuren sowie zyklisches und didaktisches Erzählen.

Kruess_RemiCornelia Rémi vom Institut für Deutsche Philologie der Ludwigs-Maximilians-Universität München gab einen Einblick in das Verwirrspiel, in dem James Krüss die Grenzen zwischen fiktionalen Figuren und seinem literarischen Alter Ego verwischt. Zahlreiche seiner literarischen Figuren dienen als Rollenmasken, sei es die Erzählerfigur „Boy“ in den „Geschichten der 101 Tage“, seien es Tiergestalten in den Gedichten aus „James Tierleben“, Teufelsinkarnationen in „Timm Thalers Puppen“ oder die Protagonisten seines autobiographischen Romans „Der Harmlos“. So vielfältig wie das Kaleidoskop der literarischen Rollen ist auch das der intertextuellen Bezüge zu anderen literarischen Werken wie beispielsweise Goethes Faust, Thomas Manns „Doktor Faustus“ oder „Tod in Venedig“. Mit ihrer Interpretation einiger Streichungen in der handschriftlich korrigierten Typoskriptfassung des „Harmlos“-Romans gab Rémi eine Kostprobe aus ihrer Arbeit mit dem originalen Nachlassmaterial.

Dieser Arbeit an den Quellen hatte sie auch ein Hauptseminar im Wintersemester 2014/15 an der LMU gewidmet. In einem innovativen Seminar-Konzept erprobten die Studierenden intensive Formen der Zusammenarbeit und Phasen der Nachlassarbeit an der Internationalen Jugendbibliothek.
Beitrag von Lavinia Auer
Beitrag von Anna Gammel

Kruess_WeinmannAndrea Weinmann vom Institut für Jugendbuchforschung an der Goethe-Universität Frankfurt nahm eine theoriegeschichtliche Einordnung der Fabeln und anderer Erzähltexte Krüss’ in die Kinder- und Jugendliteratur der 1950er und -60er-Jahre vor. Dabei führte sie die Form der Gesprächssituationen innerhalb von Rahmenerzählungen auf kinderliterarische Formen der Aufklärung wie die lehrreiche Unterredung und Lehrdichtung, bzw. die Spielpädagogik der Aufklärung mit ihrem Ziel des spielerischen Lernens zurück.

Kruess_BieberAda Bieber vom Institut für Deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin beschrieb den spiralförmig zyklischen Aufbau der „Geschichten der 101 Tage“ und sein Prinzip des fortspinnenden zyklischen Erzählens, das seine Lebendigkeit dem folkloristischen Erzählen, etwa in der mündlichen arabischen Tradition verdankt. Bieber assoziierte damit verwandte Kreisformen wie die musikalische Rondoform oder die Form der Insel als Leitmotiv in Krüss’ Werk.

Kruess_EwersHans-Heino Ewers, ehemaliger Direktor des Instituts für Jugendbuchforschung in Frankfurt, beleuchtete unterschiedliche Aspekte der Lyrik von James Krüss. Die Rhythmisierung durch Reime und Verse interpretierte er als literarische Kindheitskonstruktion, die dem Großstadtleben einen rituellen Rhythmus der traditionellen bürgerlichen Familie entgegensetze. Gleichzeitig beschrieb er Krüss’ Gedichte als Parodien traditioneller Gedichtgattungen und -formen, die der didaktischen Absicht eine neue Stillage und Lebendigkeit der „lachenden Moral“ verleihe.

Aus den Vorträgen ergaben sich lebhafte Gespräche zwischen den Referenten und den Gästen, unter denen neben der Erbengemeinschaft von James Krüss auch die Sängerin Katja Ebstein und der Komponist Christian Bruhn angereist waren. Sie hatten in den 1960er-Jahren in enger Zusammenarbeit mit James Krüss seine Gedichte für die Fernsehsendungen „ABC und Fantasie“ und „James Tierleben“ vertont und für Kinder gesungen.

Sowohl die Vorträge als auch das große Interesse des Publikums zeigten, wie viel es im Werk von James Krüss noch und wieder zu entdecken gibt.

Jutta Reusch, IJB
Leiterin der Bibliothekarischen Dienste

 

 

 

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