Gastblogbeitrag von Victor (15) zum James Krüss Preis: Literarische Verwandtschaft

Joke van Leeuwen erhält den ersten James-Krüss-Preis – die Gemeinsamkeiten sind nicht zu übersehen

„Eigentlich lebe ich ja noch eine ganze Weile über mein Tod hinaus […] als Figur. In Dir! Und in den Büchern.“, schrieb James Krüss in seinem Kinderbuch Mein Urgroßvater, die Helden und ich. Dieses Zitat hat ohne Zweifel nicht nur für das Buch, sondern auch für den Autor eine tiefere Bedeutung. Als einer der wenigen Schriftsteller, als einer der wenigen glücklichen Künstler, die mit ihrem Lebenswerk den Tod bei weitem überdauern, ist James Krüss auch heute noch präsent.

Deutlich wurde das wieder einmal am 04. Juli in Schloss Blutenburg, als zum ersten und sicherlich nicht letzten Mal der James-Krüss-Preis verliehen wurde. Joke van Leeuwen ist die Erste in der Reihe der Preisträger. Eine Reihe, die alle zwei Jahre um einen Schriftsteller ergänzt werden soll. Die niederländische Autorin, Illustratorin und Kabarettistin Joke van Leeuwen wurde 1952 in Den Haag geboren und ganz unabhängig davon, dass ihre zahlreichen, vielfältigen und liebevollen Bücher den Preis mehr als verdient machen, könnte man auch sagen: Joke van Leeuwen passt perfekt in den Rahmen des James-Krüss-Preises.

Ausschlaggebend sind dafür in erster Linie zwei Gründe. Auf der einen Seite sind da die Parallelen zum Preisnamensgeber James Krüss. Beide Schriftsteller sind

hingebungsvoll und bedingungslos den jüngeren Lesern, den Kindern zugewandt. Ihre Bücher beschenken und würdigen auch schon kleinere Kinder. Das beste Beispiel ist Joke van Leeuwens 2012 in Deutschland veröffentlichtes Buch Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor, das derzeit auch für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert ist. Die Autorin leugnet den Krieg nicht, sie macht ihn gezielt zum Thema. Sie beschönigt nicht, schafft den beeindruckenden Spagat zwischen Realität und geschützter Kindheit. Eine weitere Gemeinsamkeit mit James Krüss, ein Talent, das die beiden teilen, ist das Spiel mit der Sprache. Die besonderen Formulierungen, die sie zu „Wortkünstlern“ machen.

Auch die Jury des James-Krüss-Preises erwähnt diese Parallelen. In der Preisbegründung heißt es: „Jedes ihrer Bücher ist ein kleines Gesamtkunstwerk. Die Autorin und Illustratorin beherrscht grandios sprachliche und visuelle Mittel. […] Wie bei James Krüss zeichnet sich ihr Werk durch ein hohes Sprach- und Formengefühl, durch eine metaliterarische Qualität der Texte, in denen sie den Möglichkeitsraum von Literatur fantasievoll durchwandert, und durch eine große Sympathie für ihre kindlichen Protagonisten aus. […] Ihre Bücher besitzen eine gesellschaftskritische Tiefe […]. Auch darin zeigt sich die literarische Verwandtschaft Joke van Leeuwens mit dem Namensgeber des Preises James Krüss.“

Ein weiteres Begehren des Preises ist der internationale Aspekt, der einen hohen Stellenwert hat. Das ist der zweite Grund, den ich anführen möchte: Joke van Leeuwen ist nicht nur in ihrem eigenen Land von Bedeutung, nicht nur in unserem Land von Bedeutung, sondern auch in etlichen weiteren. Im Sinne dieser Internationalisierung ist es auch mehr als angebracht, die beiden Übersetzerinnen, Hanni Ehlers und Mirjam Pressler, zu würdigen und auch mit dem James-Krüss-Preis auszuzeichnen. Immerhin haben wir es ihnen zu verdanken, dass wir überhaupt teilhaben können an Joke van Leeuwens Büchern.

Mehr oder minder subtil erreicht der Preis noch ein weiteres Ziel und damit wären wir wieder bei dem Zitat am Anfang. Der James-Krüss-Preis erhält die Erinnerung an den Schriftsteller und Dichter, er verlangt die Auseinandersetzung mit ihm als Mensch und mit seiner Literatur. James Krüss verdient diese Auseinandersetzung, die einen großen Teil der Preisverleihung einnimmt. Das ist die Intension der Erbengemeinschaft, die den Preis ermöglicht hat und bereits 2001 seinen schriftstellerischen Nachlass der Stadt München überlassen hat; der umfangreiche Nachlass, der seitdem im James-Krüss-Turm in Schloss Blutenburg ausgestellt ist.

Der Abend der Preisverleihung gestaltet sich kurzweilig: Zwischen diversen Ansprachen und Musikstücken von Ardhi Engl liest auch Thorsten Krohn eine geniale Stelle aus einem von James Krüss’ Werken vor, Frau Sybil Gräfin Schönfeldt hält eine bewegende Lobesrede und Joke van Leeuwen, die trotz der zahlreichen Auszeichnungen, die sie bereits erhalten hat, kein bisschen überheblich sondern herzlich und zutiefst sympathisch ist, bedankt sich in erstaunlich gutem Deutsch für den Preis. Sie strahlt über das ganze Gesicht.

Es folgt der Empfang in lockerer Atmosphäre. Preisträgerinnen und Jurymitglieder mischen sich unter die Zuschauer. Alles ist hergerichtet, für Verpflegung ist gesorgt. Schloss Blutenburg ist eine beeindruckende Kulisse und ein angemessener Rahmen für die Preisverleihung. Während die einen sich in Gespräche vertiefen, gratulieren und diskutieren, erkunden andere das schöne Gelände. An den Wänden hängen einige sehr gelungene Illustrationen von Joke van Leeuwen in großen Bilderrahmen. Die meisten sorgen für herzliches Lachen, manche regen auch zum Nachdenken an. Bücher von Joke van Leeuwen liegen zum Verkauf aus und die Autorin signiert sie freundlich.

Das Leben der 1952 geborenen Joke van Leeuwen und das Leben des 1997 verstorbenen James Krüss überschneiden sich um 45 lange Jahre. Ihre Literatur trifft bei diesem Preis aufeinander; aber auch auf zahlreichen anderen Wegen.

Victor SattlerVictor Sattler ist 15 Jahre alt und geht in die 10. Klasse. Er interessiert sich für Literatur und Journalismus, geht Rudern und produziert eigene Kurzfilme.

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