Worte finden für das Unfassbare

Erfahrungen mit einer Schreibwerkstatt für Jugendliche

19. Februar 2013. Ein eisiger Wind zieht über das Gelände der Gedenkstätte Dachau. Das Wetter ist grau und trist. Passend zu der heutigen Stimmung.

Im Rahmen des Schulklassenprogramms bietet die Internationale Jugendbibliothek einen Tagesworkshop für Schulklassen an, der aus einer Führung am Vormittag und einer Schreibwerkstatt am Nachmittag besteht. Brigitte Fiedler nimmt uns im Informationszentrum in Empfang und mit auf einen Spaziergang in eine grausame Welt, die für unsere Generation nur noch schwer verständlich ist. Reicht unsere Vorstellungskraft wirklich dafür aus, um nachempfinden zu können, welch brutale Zustände hier herrschten? Wir betreten Räume, in denen Menschen erbarmungslos ermordet wurden. Wir betreten eine Zeit, in der Deutschland ein anderes Land war, als wir es heute kennen. Vorbei an dem Stacheldrahtzaun, Richtung Krematorium. Dort steht eine Tafel mit einem Bild, darauf ist ein Berg nackter, toter Menschen zu sehen. Zusammengeworfen wie ein Stück Dreck. Wir finden keine Worte für das Unfassbare. Zumindest nicht in diesem Moment.

Schreibwerskstatt_2013Nach einer Pause machen wir uns auf den Weg in die Internationale Jugendbibliothek. Ortswechsel. Dort wartet Frank Griesheimer mit einer Schreibwerkstatt auf uns. Wir sammeln in Stichwörtern unsere Eindrücke, er notiert sie auf einem Flipchart. Da stehen sie nun, die Wörter, die unsere Empfindungen beschreiben. Doch reicht das aus? Um der Situation weiter nachspüren zu können, haben wir eine halbe Stunde Zeit eine Schreibaufgabe zu lösen. Wir können einen vorgegeben Geschichte zu Ende führen oder einen Brief aus dem Lager schreiben. Als wir uns die Texte gemeinsam vortragen stellt sich heraus, dass es möglich ist Worte zu finden. Das Schreiben bringt uns dem Geschehenen näher und hilft uns, unsere Gedanken zu sortieren, zu verarbeiten und zu verstehen.

Unsere Gedanken:

„Ich bekam ein Bett zugewiesen. Das Bett Bestand aus Holz, einem Strohsack und einem Laken.“

„Was muss ein Mensch tun, um so etwas gerechtfertigt ertragen zu müssen? Und vor allem: Was berechtigt einen Menschen, sich zu erlauben, jemanden so etwas anzutun?“

„Jetzt war ich ein Mensch ohne Namen, ohne Haare, ohne Eltern, ohne Freunde, ohne Liebe und ohne Kuscheltier. Ich wusste ich konnte tagelang nicht schlafen, weil ich meine gewohnte Heimat und Umgebung vermisste.“

„Es war eine schreckliche Nacht, aber nicht wegen der Kälte oder der unbequemen Betten, sondern weil ich mich nicht mit dem Gedanken anfreunden wollte, dass Alex, wie sein Kollege ihn nannte, einer von „denen“ war.“

„Ich bin froh, dass es diese Zeit nicht mehr gibt und es tut mir leid, was den ganzen Menschen dort angetan wurde.“

„Heute musste ich wieder einen Juden umbringen. Einfach so. Obwohl er nichts getan hat. Ich will das nicht mehr. Warum tun wir das? Ich würde so gern dem Ganzen ein Ende setzen.“

„Ein kleines Mädchen, das neben mir saß, bibberte und stumme Tränen rannten über ihr Gesicht. Sie machte keinen Ton als der Aufseher sie grob an den Haaren packte und sie mit einer stumpfen Schere schnitt. Doch in ihren Augen sah ich den Schmerz und ihre fast grenzenlose Angst vor dem was und bevorstand.“

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Ein Gedanke zu „Worte finden für das Unfassbare

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