Ist „Jim Knopf“ kinder- und jugendgefährdend?

Ein neues Kinderschutzgesetz verunsichert die Kinder- und Jugendliteraturszene in Russland

Am 1. September trat in Russland ein neues Gesetz in Kraft, das Kinder- und Jugendbuchverleger, -bibliothekare und Buchhändler hart trifft. Das Gesetz zum „Schutz der Kinder vor Informationen, die ihrer Gesundheit und Entwicklung schaden“ schreibt eine Kennzeichnung aller Medien, auch von Büchern und Zeitschriften, mit einer Altersfreigabe von „6+“, „12+“, „16+“ und „18+“ vor, wie wir sie hierzulande von Filmen, PC- und Online-Spielen kennen. Es verpflichtet Verlage, Kinder- und Jugendbibliotheken und Buchhandlungen, ab sofort Bücher mit „18+“ zu kennzeichnen, in denen Gewalt geschildert, Drogen, Tabak und Alkohol konsumiert, Selbstmord verübt, Konflikte mit dem Gesetz thematisiert, der Wert der Familie und die Autorität der Eltern infrage gestellt, Sexualität, Pornographie und Krankheiten (darunter fällt in Russland auch Homosexualität) verhandelt und Schimpfwörter enthalten sind. Damit haben viele Kinderbücher und weitgehend alle realistischen Jugendbücher westlicher Provenienz in Zukunft keine Chance mehr, in einem russischen Jugendbuchprogramm zu erscheinen. Aber auch Kinderbuchklassiker wie „Jim Knopf“ von Michael Ende müssten – so eine russische Bibliothekarin – strenggenommen mit 18+ gelabelt werden, da in Endes Kinderbüchern gelegentlich Pfeife geraucht und Rum getrunken wird. Zwar kann das Gesetz nicht rückwirkend auf bereits veröffentlichte Bücher angewendet werden, doch die Frage der Zuordnung in den Bibliotheken und Buchhandlungen ist damit nicht gelöst.

Wie weitere, im Sommer erlassene Gesetze, die der Sicherung der Staatsmacht dienen, will das Gesetz westlich-liberale Einflüsse in der russischen Gesellschaft mit rabiaten Methoden zurückdrängen. Das hat beispielsweise der vor drei Jahren gegründete Kinder- und Jugendbuchverlage KompassGuide gerade zu spüren bekommen. Nach der russischen Veröffentlichung des preisgekrönten Jugendromans „Rotkäppchen muss weinen“ der deutschen Autorin Beate Teresa Hanika sieht sich der Verlag öffentlichen Anfeindungen von Journalisten, Bibliothekaren und Eltern ausgesetzt. Eine starke Verunsicherung bestimmt die Gespräche mit Verlegern, Autoren und Bibliothekaren.

Bisher gibt es keine Zensur- und Kontrollbehörde. Die Verleger, Bibliothekare und Buchhändler müssen die Alterfreigabe selber festlegen. Das Perfide an dieser Regelung ist jedoch, dass jeder russische Bürger, der sich am Inhalt eines Kinder- oder Jugendbuchs stößt, den Verlag, die Bibliothek oder auch die Buchhandlung, in der er oder sie das angeblich kindergefährdende Buch erworben oder gelesen hat, anzeigen kann. Damit wird „Volkes Stimme“ ermächtigt, Gericht über Kulturproduzenten und -vermittler zu halten. Verstöße sollen mit empfindlichen Strafen geahndet werden: Bibliotheken kann der Haushalt gekürzt, Buchhändlern und Verlegern der Prozess gemacht werden. Soweit ist es noch nicht gekommen, aber berichtet wird von ersten Fällen, in denen Buchhandlungen Titel aus ihrem Angebot entfernen mussten.

Es ist zu befürchten, dass viele Initiativen engagierter Verleger und Bibliothekare zur Modernisierung der russischen Kinder- und Jugendliteratur im Keim erstickt werden. Auch für russische Jugendbuchautoren, denen sich in den letzten 15 Jahren durch die internationale Öffnung des Marktes eine – wie eine Autorin meinte – reiche literarische Welt und ungeahnte Möglichkeiten eröffnet hatten, muss das Gesetz wie ein Schlag ins Gesicht vorkommen. Nicht zuletzt wird der nachwachsenden Generation in Russland der Zugang zu einer längst internationalisierten Kinder- und Jugendliteratur massiv erschwert.
Christiane Raabe, Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek

Der Artikel ist am 5. März 2013 im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung erschienen.

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