Uri Orlev im Interview mit der Klasse 6 F des Gymnasiums Neubiberg

Im Rahmen der Lesung am 17. Juli stellten die Schülerinnen und Schüler der Klasse 6 F dem Autor u. a. folgende Fragen, die Frau Pressler dann übersetzte

Wie haben Sie denn damals das Leben im Ghetto erlebt?

Das mag merkwürdig klingen, aber für mich waren das eigentlich die schönsten Jahre, weil ich sie zusammen mit meiner Mutter verbracht habe. Auf der Straße passierten natürlich schlimme Sachen, aber für uns Kinder war es eine Art Abenteuer. In der Zeit nach dem Krieg hatte ich dann immer noch eine Atombombe unter dem Bett.

Hatten Sie wirklich eine Atombombe unter dem Bett?

Nein, es war nur eine eingebildete, aber für mich war sie wirklich da und ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, sie zu werfen …

Welches Land bezeichnen Sie heute als Ihre Heimat?

Israel, aber auch noch ein bisschen Polen.

Warum kommen Sie in ein Land, in dem man früher versucht hat, Sie zu töten?

Die Leute, die das versucht haben, sind inzwischen ja nicht mehr da und die Kinder, die ich hier treffe, sind genauso wie alle anderen Kinder auf der Welt. Gleichzeitig ist es mir aber auch wichtig, die älteren Deutschen zu treffen, sie haben nämlich die gleichen Probleme wie ich. Auch die erwachsenen Deutschen fragen sich: Wie konnte uns das passieren?

Welches Buch von den vielen, die Sie geschrieben haben, gefällt Ihnen selbst am besten?

Das ist schwer zu sagen, jedes Buch hat seine eigene Geschichte. Eines davon ist sicher die Insel der Vogelstraße, aber auch die Bilderbücher oder Lauf, Junge, lauf! gefallen mir.

Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden?

Nein, ich wollte immer nur stark sein, weil ich der Schwächste in der Klasse war; also Polizist oder Straßenbahnschaffner werden, da mir die Autos dann Platz machen müssen (lacht).

Wie sind Sie Schriftsteller geworden?

Menschen haben viele Begabungen, laufen, springen, malen. Ich konnte gut Geschichten erzählen und Menschen lieben es, gute Geschichten zu hören.

Warum haben Sie Ihre Erinnerungen aufgeschrieben?

Ein Jahr lang habe ich an den Bleisoldaten geschrieben, die heute aber nicht mehr verlegt werden. Lest einmal die kürzere Fassung davon, die Sandspiele. Ich schreibe dort, wie ich als Kind mit meinem Bruder Soldat gespielt habe, um so den Krieg zu überleben.

Sind Sie noch mit Ihrem Bruder befreundet?

Ja, wir haben ein gutes Verhältnis, aber manchmal nervt er mich auch …

Wie viele Bücher sind es eigentlich, die Sie inzwischen geschrieben haben?

Ca. 34; aber für alle verschiedenen Altersstufen.

Haben Sie auch Bücher auf Polnisch geschrieben?

Nein, nur Gedichte nach meinem Aufenthalt in Bergen-Belsen. Ansonsten habe ich nur Bücher auf Hebräisch geschrieben.

Wir haben im Unterricht Lauf, Junge, lauf! gelesen. Herr Orlev, wie lange haben Sie gebraucht, um dieses Buch zu schreiben?

Das ist eine lange Geschichte. Eines Tages kam eine Lehrerin, die uns über die Shoa unterrichtete, und erzählte, sie habe einen beeindruckenden Mann kennengelernt, groß;, mit langem Pferdeschwanz, der ihr eine Geschichte aus seiner Kinderzeit erzählt habe. Die Lehrerin hat mir gesagt, ich könne daraus ein Buch machen, ich habe den Mann dann in Jerusalem auf einem Parkplatz getroffen. Als er anfing, mir seine Geschichte zu erzählen, habe ich ihn gefragt, ob ich noch einmal wiederkommen und seine Geschichte mit Kassettenrekorder aufnehmen könne, er aber wollte mir die Geschichte gleich erzählen. Wir sind daraufhin zusammen in ein Café; gegangen und er hat mir alles so erzählt, als ob er immer noch der 9-jährige Junge sei. Außerdem bekam ich von ihm ein Band, das er für seine Tochter aufgenommen hatte. Ich habe dann angefangen zu schreiben: Neun Monate lang habe ich den Mann immer wieder angerufen und gefragt: Könnte es so gewesen sein? Er hat sich genau an die guten wie an die schlechten Dinge erinnert. Für mich war das wie eine Ampel an der Straße, die mir sagte, ob ich weitermachen konnte. Was für die Leser heute eher unwahrscheinlich ist, waren gerade die Sachen, die tatsächlich stattgefunden haben; dass der Junge unerwartet seinen Vater im Feld trifft zum Beispiel. Als ich das Manuskript fertig und dem Mann zugeschickte hatte, erzählte mir seine Frau, er sei ganz rot im Gesicht gewesen, als er es bekommen habe, und er habe gesagt, dies sei der schönste Tag in seinem Leben. Für mich war das bei allen Preisen der größte, den ich für das Buch bekommen habe.

Wieviel haben Sie für das Buch erfunden?

Man erinnert sich immer nur an einzelne Teile einer Geschichte, dazwischen habe ich mir schon etwas ausgedacht.

Herr Orlev, warum haben Sie eigentlich die Schule gehasst?

Mögt ihr denn die Schule? (Lacht) Nein? Eben. Erst nachdem ich eine Privatlehrerin hatte, hat mir das Lernen Spaß; gemacht. Einmal hat mich in der Schule ein Lehrer dabei ertappt, dass ich statt Rechnungen zu machen gezeichnet habe. Er hat mich am Ohr geschnackt und mich in eine höhere Klasse geschleppt, er wollte mich einfach beschämen. In manchen Schulen wurden Kinder damals geschlagen. Als ich einmal in Japan war, wurde mir dort erzählt, dass noch auf die Hände geschlagen wird. Wird bei euch noch geschlagen?

Nein.

Als ich noch ein Kind war in Polen, musste man sich in die Ecke stellen, bei besonders bösen Sachen musste man sich hinknien. Vorher wurden dann Erbsen auf den Boden geschüttet, damit es besonders wehtat, wenn man darauf kniete.

Wie haben Sie dann Mirjam Pressler kennengelernt?

Ich glaube, wir wissen das beide nicht mehr so genau. Wir kennen uns schon so lange, jedenfalls waren die Übersetzungen der Anlass dafür.

Liebe Frau Pressler, lieber Herr Orlev, wir danken Ihnen ganz herzlich für dieses Interview!

Und auch wir bedanken uns für die tollen Fragen der Schüler und bei Frau Kratz, die mit ihrer Klasse dieses Interview vorbereitet hat!

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