Aussergewöhnliches – Konstantina, Sophia und Svenja zum Bild des weißen Raben

Anlässlich des White Ravens Festivals entstanden in der Werkstatt für junge Autorinnen und Autorinnen, Texte zum Bild des Weißen Rabe. Welche Gedanken, Geschichten und Assoziationen löst das Bild, das in der Internationalen Jugendbibliothek für außergewöhnliche und herausragende Kinder- und Jugendliteratur steht, bei den jungen AutorInnen aus? Konstantina, Sophia und Svenja hatten im Rahmen des Get-Togehter bei der Eröffnung des White Ravens  Festivals ihre Texte live auf der Bühne vorgetragen.

Weiß; bin ich. Das stimmt. Im Winter mehr, im Sommer weniger. Wenn das Wetter mitspielt und die Regenschauer nicht in Dauerschleife laufen. Rot kann ich auch sein. Wenn mich im seltenen Falle ein Sonnenstrahl trifft. Ob ich rot werde, wenn mir etwas peinlich ist? Da bin ich mir nicht sicher. Ich stecke meine Nase nicht pausenlos in meinen Taschenspiegel, um den Puderstand meiner makellosen Nase zu überprüfen. Doch was weiß; ich schon über Weiß? Bin ich weise genug, um alle Fassetten von Weiß; zu kennen? Weiß; beinhaltet alle Spektralfarben. Eisbären sind weiß, aber nur ihr Fell, die Haut ist dunkel. Weiß; und Schwarz. Ein schwieriges Thema. Weiß; ist gut. Schwarz böse. Wie wäre es, das einfach zu vertauschen? Raben sind schwarz. Also weiß;. Tiefweiß. Wenn so ein weißer Rabe seine Flügel spannt und einen weißen Schatten über uns wirft, dann ist das selten, ein einmaliger Moment. Noch nie habe ich einen weißen Raben gesehen. Wie es wohl wäre? Dann sind auf einmal Puderdose, Regenschauer und Eiseskälte unwichtig. Dann strecke ich meine Nase gen Himmel um jeden Flügelschlag genau zu beobachten. Um den Moment ganz auszukosten, mein Glück zu spüren, dieses seltene, außergewöhnliche Wesen getroffen zu haben. Mit seiner Kraft kann man Wunder vollbringen. Außergewöhnliche Taten. Außergewöhnliches finden. Außergewöhnliche Menschen treffen. Außergewöhnlich sein.
Konstantina

Mut zum anderssein
Ein künstlicher Nagel nach dem anderen fällt auf den Boden. Manchmal frage ich mich wirklich, weshalb ich das alles tue. Hohe Hacken, tiefer Ausschnitt, aufgeklebte Fingernägel, alles Kram. Mein Blick fällt auf die Wiese vor mir. Vögel, überall Vögel. Gänse, Schwäne, Entchen, Raben, Tauben, Rebhühner, alle Farben und Formen und trotzdem große Gruppen, deren Mitglieder man nicht voneinander unterscheiden kann. Wie bei uns. Wir sind eine Gruppe von Raben, alle krächzen, meckern und sind ja irgendwie schon schlau, aber naja. Wir gleichen uns einander an, keiner traut sich aus der Reihe zu tanzen, sonst sind wir raus. Fast traue ich meinen Augen nicht, als zwischen den uniformen schwarzen Vögeln ein weißer hervorhüpft. Und da kommt es mir: Nur weil ich zu einer Art gehöre, heißt es nicht, dass ich nicht anders sein darf. Der weiße Rabe, der Inbegriff des Anderen und doch ist er nicht weniger ein Rabe als die schwarzen Tiere. Mut zum Anderssein, schießt es mir durch den Kopf. Mut zum Anderssein. Am nächsten Tag betrete ich die Schule in Schlabber-Pulli und Baggy-Pants, mein neues Erkennungszeichen auffällig ins Haar gesteckt: eine große Haarspange in Form eines weißen Raben.
Sophia

Kunterbunt schwarz weiß
Wer hat sich eigentlich dieses Wort ausgedacht? Schriftsteller. Lächerlich, als würde ich Buchstaben schön säuberlich, möglichst ästethisch und nach Verschnörkelungsgrad sortiert auf das Papier stellen wie in ein Bücherregal. Ich will sie lieber zerstückeln und auf den Kopf stellen und Kaugummiblasen aus ihnen machen, sie in die Luft schmeißen wie junge Vögel, zuschauen, wie sie wachsen, zu dunklen Schemen werden und auf dem Papier ihre gedankenschweren Kreise ziehen. Wer wäre so grausam, Bücher nur zu schreiben, um sie eines Tages in Regalkäfige zu sperren? Wenn dann müssen sie sich freiwillig niederlassen auf dieser hölzernen Hochspannungsleitung. Bei mir drängen sie sich wie eine Kette aus kunterbunten Zuckerringen, wie Smarties. Ziemlich reglos, muss ich sagen, noch nie hat eins nach mir gepickt. Trotzdem, entzückender Anblick, das literarische Federvieh, wunderschön herausgeputzt. Fehlt nur noch, dass ich ihnen rosa Schleifchen um die Schwanzfedern binde. Aber dann, wenn es Abend wird und die Federkleider ihre Farbe verlieren, erinnern mich meine Bücher plötzlich an schwarzgraue Raben, kläglich und zerrupft. Der eine hat sich die Struktur gebrochen, dem anderen hängen die Formulierungen schief, der nächste kann nicht krächzen und ein vierter steckt schon allein bei dem Gedanken an sich selbst den Schnabel ins Gefieder. Und dann starre ich die halbe Nacht auf diese erbärmliche Hochspannungsleitung und verfalle in unruhige Träume. Von weißen Raben. Am Tag nicht bunt, in der Nacht nicht schwarz. Mein einziger Trost sind diese Raben neben meinen eigenen, so blendend weiß;. Stundenlang versuche ich mir einzureden, auch sie hatten schwarze Stellen. Pippi Langstrumpf zum Beispiel, ihre Federn sind übersät mit kleinen schwarzen Punkten, das kleine Gespenst hat sich einen üblen Sonnenbrand zugezogen und dieses Kerlchen namens Max und Moritz leidet an Persönlichkeitspaltung. Und dann lach ich und hab das Gefühl, weiße Raben auszutricksen. Und lach am Schluss über meine eigene Einbildungskraft. Einbildung ist oft das einzige, was mich hält. Auf dieser schaukelnden, literarischen Hochspannungsleitung. Nur die Idee in unseren Köpfen wird immer ein schneeweißes Ideal bleiben. Darum schreibe ich die Geschichten, die sich nach mehr als kunterbunt schwarzen Raben anfühlen, auch nur noch mit weißer Tinte.
Svenja

Bild

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s